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meine Theilnahmsloſigkeit gegen ſo Vieles, was Anſ
hielten,„nach und nach aber fanden ſich noch viele andere
Vögel ein. Jetzt wiſſen ſie Morgens und Abends genau die Stunde, wo meine Spende in Geſtalt von Semmelkrümchen
ihrer harrt, und vergeſſen ſie niemals.“
„Mildthätiges Herz!“ lächelte Rolf.„Wenn ich damit ſpruch auf
unſer Mitleid und unſere Hilfe hat, vergleiche, ſo fühle ich
wirklich etwas wie Beſchämung in mir. Frauen ſind doch
immer hilfbereite Engel, wo wir Männer im Egoismus grau⸗ werden.“
„Schlagen Sie mein kleines Liebeswerk nicht zu hoch an,“ bemerkte die Dame.„Man muß, will man die Handlungen der Menſchen richtig beurtheilen, auch alle Nebenumſtände, die mitwirken, in Betracht ziehen. Sie leben vielleicht im Innern der Stadt, in einer häuſerreichen Straße, wo Sie von den kleinen, gefiederten Gäſten, wenn der Hunger nicht gar zu grimmig wird und ſie in die Nähe der Menſchen treibt, wenig oder gar nichts zu ſehen bekommen. Ich da⸗ gegen, hier im freien Feld, habe täglich und ſtündlich Gelegen⸗ heit, zu beobachten, wie fie ſchaarenweiſe zuſammenkommen, um ſich gegenſeitig ihr Leid zu klagen. Iſt es da nicht natür⸗ lich, daß ich ihnen das entbehrungsvolle Daſein im Winter etwas zu erleichtern ſuche?“
„Sie mögen recht haben,“ entgegnete Rolf;„man denkt ſo wenig an Elend, das man nicht ſieht. Und im Gewühl der großen Stadt, im Verkehr mit Menſchen, denen gute, edle Regungen fremd ſind, ſtumpft ſich ſchließlich auch das Gefühl des Beſſeren ab.“
Concordia. 39²
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„Nein— tauſendmal nein! das darf es aber nicht!“ riet ſie beinahe heftig.„Dann fliehe und meide man die Menſchen und begrabe ſich in Einſamkeit, ſo wie ich es thue. Sie wiſſen nicht“— fuhr ſie aufathmend fort—„wie ich es liebe, mein ſtilles Heim! Wie ich ſie liebe, fanatiſch liebe, ſei es Winter oder Sommer, im Schnee oder in vollſter Blüthenpracht— meine traute Einſamkeit! Gedankenloſen, flachen Menſchen mag Einſamkeit ja ſchwer zu ertragen ſein, zur unleidlichen Pein werden, mir aber iſt ſie Lebensbedürfniß, Tröſterin der Seele! Unendlich viel lieber als langweilige, einförmige, in Reih und Glied aneinandergekittete Häuſer⸗ maſſen, als Menſchengeſichter, auf denen in ſeiner aller⸗ nüchternſten, proſaiſchſten Form die Alltäglichkeit und Niedrigkeit des Lebens ſich abſpiegelt, ſind mir eine weite Schneefläche, ein bereifter Baum, ein eisbedeckter Fluß. Dieſe eine Stunde, die ich mir zur Erholung von der Arbeit gönne und zum Spaziergang dort oben auf dem Damm verwende, iſt eine wahre Erquickungsſtunde für mich. Ich juble auf und breite die Arme aus, möchte das ganze All an mein Herz ſchließen, vor Glück und Wonne mich auflöſen in ihm.— Trage ich dies Gefühl aber zu Menſchen, und denke: dort iſt der richtige Platz dafür! ihnen gieb, was Dein Herz an Liebe übrig hat— dann macht die kurze Zeit, deren es bedarf, um wieder für lange von ihnen zurückgeſtoßen zu werden, mich um bittere
Erfahrungen, um herbe Enttäuſchungen reicher!“ ſ29' 3 ich
(Fortſetzung folgt.)
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Petronel.
Roman aus dem Engliſchen von Florence Marryat. (Fortſetzung.)
Herr David kannte meine Vergangenheit und die Verhältniſſe, in denen ich zur Zeit lebte, und war ſelbſt im Beſitz meiner Adreſſe. Deshalb glaubte ich mich ganz in ſeiner Gewalt und beſchloß, nur um Frieden zu halten, meinem nächſten Briefe an Felicite einige Zeilen an ihn beizufügen.
In meiner Sehnſucht, meine Seele von dieſer Laſt zu be⸗ freien, ſetzte ich mich ſoſort hin und antwortete ihm. Ich faßte mein Schreiben ſo kurz und formell, wie es nur ging, und theilte ihm mit, daß ich krank geweſen war und im Be⸗ griff ſtand, der Luftveränderung wegen Rockbury zu verlaſſen und nach einem Seebade zu gehen.
Der Vetter hatte davon ja ſchon oftmals geſprochen, und dadurch, daß ich dieſes meinem Vater ſchrieb, hoffte ich, ihn an weiterem Schreiben zu verhindern, jedenfalls für die nächſte Zeit, denn er wußte dann doch nicht, wohin er ſeine Briefe richten ſollte. Schrieb er mir nach Verlauf einiger Zeit— ich wünſchte zu Gott, daß er es nie wieder thun möchte— ſo war ich vielleicht ſchon verheiratet und ſicher vor ſeiner Verfolgung. Doch es war und blieb eine peinliche Angelegenheit. Die Unſicherheit und Heimlichkeit raubten mir mein Glück und meine Ruhe, und unwillkürlich kamen mir immer wieder Zweifel, ob ich auch recht daran gehandelt, daß ich mich dem Vetter verlobt, während meine Verhältniſſe ganz anderer Art waren, als er vermuthete.
Unter dem Druck dieſer Gedunken wurde ich ganz
melancholiſch und wußte nicht, was ich thun ſollte. Die Briefe von Felicite und von meinem Vater hatten alle die Sorgen und das Herzweh von Antwerpen wieder in mir an⸗ geregt und brachten mich faſt ſoweit, zu wünſchen, daß der Vetter mir nie ſeine Liebe geſtanden. Doch, ſobald ich ſein liebes, theures Geſicht ſah, war Alles vorbei, da war meine Freude groß und alles Leid vergeſſen. Es war eine Selig⸗ keit für mich, neben ihm zu ſitzen und zu wiſſen, daß mir der Platz nie geraubt werden könnte, und daß er nie Jemanden lieber haben würde als mich. Nur mitunter wurde ich ſcheu oder furchtſam, wenn das nicht zu viel geſagt iſt; es war mir noch ſo neu, zu denken, daß ich in ſeinen Augen kein Kind mehr, ſondern ſchon ein Weib war, daß er mich ſchon für alt genug hielt, um ſich mit mir zu verloben, und daß er gar erröthete, ſo wie ich ihn nur anſah. Dieſe Macht, den Vetter zum Erröthen zu bringen, erſchien mir als etwas ganz Wunderbares und eine neue Entdeckung. Bisher hatte ich immer zu ihm hinaufgeſehen, als zu etwas unerreichbar Hohem, — das thue ich aber auch jetzt noch,— er war mir ſtets ſo gefühkvoll und doch ſo gefaßt und ernſt erſchienen.
Am folgenden Morgen, bei meinem Eintritt in's Früh⸗ ſtückszimmer, küßte die Couſine Marcia mich auf die Stirn und ſagte: Ich gratulire von Herzen. Herzlichkeit und warmes
Gefühl ſprachen ſich in der Art, wie ſie ſich ihrer Glück⸗ wünſche entledigte, nicht aus, ich ſah jedoch, daß ſie von 50*
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