Jahrgang 
2 (1879)
Seite
394
Einzelbild herunterladen

394 Concordia.

Witige pikantes Ge plauder hatte Plotzki ſtets demm wilden Vergnügen des Tanzes vorgezogen.

Höher und höher gingen die Wogen beacchantiſcher Luſt, in ihrem Schwall begrabend jeden etwa noch vorhandenen Reſt beſſerer Sitte.

Ein unheimliches, ekelerregendes Bild, dieſe vom über⸗ mäßigen Genuß des Weines und Tanzes erhitzten Geſichter, denen der Stempel unedler, niederer, zügelloſer Leidenſchaften nur zu deutlich ſein widerliches Gepräge aufdrückte.

Wenden wir uns davon ab.

5. Kapitel. Eine Zdylle im Schnee.

Es war ein klarer, heller Tag und Rolf von Seidenau ſah gar nicht ein, weshalb er heut' nicht wieder einen längeren Spaziergang unternehmen ſolle.

Es trieb ihn hinaus und doch hatte er mehrere Male, als er im Begriff geweſen, ſich zum Ausgang anzukleiden, die Luſt dazu wieder niedergekämpft.

Ja weshalb eigentlich? War es nicht Thorheit, ſich einen Zwang aufzuerlegen, wo derſelbe gar keinen Zweck hatte? Etwa, weil er ſich vorgenommen, lieber nicht wieder jenen Weg zu gehen, auf dem er geſtern der Unbekannten begegnet? Gab es nicht noch viele andere Wege? Er konnte ja den wählen, der zum entgegengeſetzten Thor der Stadt hinaus⸗ führte.

Ja er konnte das. Aber er that es nicht!

Er ging ſo in Gedanken verloren, daß es ihn ſelbſt am meiſten überraſchte, als er ſich mit einem Male wieder in der Nähe der Anlagen befand.

Doch er war einmal hier und ging nun auch tiefer hinein, bis zu jener Bank, auf der er geſtern geſeſſen.

Außer ihm befand ſich kein menſchliches Weſen in der Nähe; dieſe ſichere Ueberzeugung nahm er mit fort, als er nach kurzer Raſt weiterging inmer weiter, wie von magnetiſcher Gewalt getrieben, dem einen Punkte zu, von dem ſein Auge ſich nicht losreißen konnte.

Und jetzt lag ſie vor ihm, mitten im Schnee, jene kleine Villa, welche von ſeiner Unbekannten bewohnt wurde.

Wirklich der Eindruck, den er bei Tage von dem Hauſe erhielt, war ein ungemein freundlicher.

Hier hätte er ſelber wohnen, hier in ſeliger Weltvergeſſen⸗ heit ſeine Tage dahinleben mögen.

Rolf's Neigungen entſprach ohnedies die Diplomatenkarriére nicht; ſchon längſt trug er ſich mit der Idee, den Dienſt zu quittiren und auf ſeinen Gütern zu leben. Damit ſtieß er jedoch bei Editha auf den hartnäckigſten Widerſtand. Sie zerfloß in Thränen und Lamentationen, klagte ihn an, ſie abſichtlich in troſtloſer Einöde begraben zu wollen, und mochte von etwaiger Trennung nun vor allen Dingen nichts hören. Eine ſolche gewaltſam herbeizuführen dazu mangelte viel⸗ leicht Rolf der moraliſche Muth. Er haßte allen Eklat. So war es immer beim Alten geblieben.

Rolf betrachtete nachdenklich das einſame Haus. Die grünen Jalouſien an den Fenſtern gaben ihm ein freundliches An⸗ ſehen und die Mauern wetteiferten an Weiße mit dem Schnee.

Ja, hier hätte er wohnen mögen! Allein?

Er betrat den kleinen Fußſteg, welcher bis zum Hauſe jührte, umſchlich daſſelbe faſt wie ein Dieb und blieb dann

am Gitterthor des kleinen Gärtchens, welches ſich hinten befand, ſtehen.

Faſt hätte er einen Laut der Ueberraſchung ausgeſtoßen; denn in dieſem Gärtchen, auf einem ſorgſam vom Schnee befreiten Platz, inmitten von einer Schaar hüpfender, zwit⸗ ſchender Vögel, denen ſie Futter ſtreute, ſah er ſeine Un⸗ bekannte.

Welch' ein reizendes Bild! Ein Bild, wie kein Maler es lieblicher erdenken konnte.

Wie gebannt hing ſein Auge an jeder Bewegung der Geſtalt; plötzlich jedoch durchzuckte ihn der Gedanke: Wenn ſie dich hätte kommen ſehen und in häßlicher Berechnung etwa aber nein! Sie mußte ſchon lange mit der Ausübung dieſes Liebeswerkes beſchäftigt ſein, längſt, ehe er in Sicht geweſen, das zeigte der faſt leer gewordene Teller, den ſie in den halb erſtarrten Händen hielt.

Das zeigte auch und deutlicher noch ihr Erſtaunen, als ſie ihn gewahrte.

Dieſe ehrlichen Augen mit dem ſanften und doch feſten Blick, der einem tiefen Quell glich voll klaren, friſchen, er⸗ quickenden Waſſers dieſe Augen konnten nicht lügen! Täuſchte ſich Rolf oder war es wirklich ein Schimmer freu⸗ digen Erſchreckens, welcher darin aufſtrahlte, als ſie ihn be⸗ merkte?

Sie kam auf ihn zu und er machte die Entdeckung, daß ſie in der That wohl hoch in den Zwanzigen ſein mußte.

Aber er entdeckte auch, was er ſchon geſtern Abend zu he⸗ merken geglaubt, daß ihr Geſicht, von reiner, edler Schönheit, deu reichgebildeten, denkenden Geiſt verrieth.

Alles an ihr zeigte ihm den holdeſten Liebreiz.

Wie liebte er dies matte Weiß der Haut, dies ſeidenweiche, köſtlich ſchiummnernde Blond der Haare, und vor Allen wie liebte er dieſe großen, grauen Augen, ſo kühl, ſo eynſt und doch bei aller ihr innewohnenden Sanftheit durch ihr feuriges Aufblitzen eine warmblütige Natur verrathend.

Nicht mehr ein Prangen in erſter Jugendblüthe war es, was ihrer Erſcheinung in hohem Grade den Reiz jener ge⸗ winnenden Anmuth verlieh, die oft den Sieg über größere Schönheit davonträgt es war der Zauber echteſter Weib⸗ lichkeit, den ihr ganzes Weſen ausſtrahlte und der Rolf mit un⸗ widerſtehlicher Macht anzog und feſſelte. An ſeiner geliebten Mutter hatte er ihn ebenfalls gekannt bewundert ver⸗ göttert!

Sieh' da, mein Retter, ſagte ſie, indem ſie freundlich ſeinen Gruß erwiderte;warum heute ſchon wieder hier?

Rolf wurde faſt ein wenig verlegen. Hätte er die Wahr⸗ heit ſagen wollen, ſo mußte er ohne Umſtände geſtehen: Weil ich hoffte, Sie wiederzuſehen! Aber er hütete ſich wohl, etwas auszuſprechen, was ihm offenbar ihten Unwillen zu⸗ gezogen hätte.

Auch ich mache meine täglichen Spaziergänge, erwiderte er,und gerieth genau wie geſtern, ohne des Weges zu achten, wieder hierher. Als ich Sie den Vögeln Futter ſpenden ſah, konnte ich der Verſuchung, näherzukommen, um Sie zu begrüßen, nicht widerſtehen.

Es war die Abendmahlzeit des kleinen Volkes, die ich ihm im Winter täglich reiche, erwiderte ſie, mit ſchlanken Fingern die letzten Krümchen vom Teller ſtreifend. waren es nur ein paar Spatzen, die ihre Mahlzeit bei mir

Zuerſt

üF