Concordia.⸗— 393
in dieſer Geſellſchaft, aber auch an alten Rous's mit er⸗ grauendem Haar und kahlem Scheitel herrſchte kein Mangel.
Oft ſprang eines jener verlorenen Mädchen, dekolletirt bis zum Unerlaubten, in toller Ausgelaſſenheit mitten in den Kreis der Tanzenden hinein, begann in raſendem Wirbel ſich auf einem Beine zu drehen und einen Cancan aufzuführen, wie er dem Jardin Mabille oder der Closerie des Lilas zu Paris Ehre gemacht haben würde.
Nur durch eine dünne Wand vom Saale getrennt, lag daneben ein langes, ſchmales Gemach, welches noch einen Aus⸗ gang nach der anderen Seite hatte.
Dies war ein harmloſes Spielſtübchen.
Zwar wurden hier hohe Summen pointirt und meiſt im Hazardſpiele, auch hatte ſchon Mancher dabei all' ſein Hab und Gut verloren— aber was that das?—— War es nicht Jedermanns freier Wille, hier einzutreten, ſich von den Strapazen drinnen oder drunten zu erholen und zur Ab⸗ wechſelung einmal ein Spielchen mitzumachen?
Es war ein ſo liebenswürdiger Herr, der die Bank hielt. Immer ſo höflich und gleichmüthig. Niemals ſah man eine Veränderung in ſeinem glatten Geſichte, er mochte nun Tauſende einkaſſiren oder Tauſende hinüberreichen. Er ſchien hier Stammgaſt zu ſein, denn der lange Kellner, Joſef ge⸗ nannt, dem die Oberaufſicht über alle dienſtbaren Geiſter oblag, näherte ſich ihm oft in vertraulicher Weiſe und flüſterte
ihm etwas zu.
Das beantwortete er dann ſtets mit demſelben jovialen Nicken.
Darauf erſchienen in der Regel bald fremde Gäſte, welche am Spiele theilzunehmen wünſchten und denen der liebens⸗ würdige Herr gewöhnlich andere beliebte Spiele vorſchlug. Denn man konnte ja auch auf ſolidere Weiſe als durch rouge et noir oder Tempeln ſein Amüſement finden.
Eine neckiſche Laune Fortuna's jedoch, daß ſie dem liebens⸗ würdigen Herrn zu Anfang in der Regel nicht hold war, nur um ihn ſpäter und gegen Ende des Spieles ſogar in rapider Weiſe deſto ſicherer gewinnen zu laſſen. 3
Wenn eine vorherige Beſtimmung von ſo und ſo viel Partien auch oft überſchritten wurde, ſo ſetzte man ſolche vor Beginn des Spieles doch gewöhnlich feſt.
Daß dieſe Fremden endlich, geplündert und gebrandſchatzt, des letzten Hellers baar, mit Verzweiflung im Herzen von dannen gingen, war eben nichts Seltenes.
Hatte eines jener unglücklichen Opfer, getrieben theils von wahnſinniger Leidenſchaft, theils von der Hoffnung, das Verlorene wiederzugewinnen, ſich und die Seinen zu Grunde gerichtet, vielleicht gar fremde, ihm unvertraute Gelder an⸗ gegriffen— was kümmerte das Diejenigen, die ihm die goldenen Füchſe abgenommen? Das war ſeine Sache!
Hinaus mit Dir, wenn Du leere Taſchen haſt!
Nicht auf Theilnahme, nur auf Spott und Hohn in dieſem Kreiſe hatte er zu rechnen.
Einige Male ſchon war die Polizei, die in unbegreiflicher Mißgunſt den Zuſammenkünften dieſer Edlen keinen Beifall zollen wollte, plötzlich eingedrungen, um die ihr längſt Ver⸗ dächtigen bei dem unerlaubten Treiben zu überraſchen.
Proſit die Mahlzeit! Immer, infolge bewährter Einrichtung,
hatte die Geſellſchaft rechtzeitig Wind von einer ſolchen Ueber⸗
rumpelung bekommen und ſaß im Nu in unſchuldige Whiſte und Piqueſpieler aufgelöſt. 1
So ſchlug man der Polizei ein Schnippchen.—
Heut' war der joviale, freundliche Herr ſpäter als ſonſt gekommen, erſt gegen Mitternacht; ein dicker, rothausſehender jüngerer Mann hatte ſtatt ſeiner die Bank gehalten.
Der lange Joſef trat zu Erſterem.
„Eben ſind noch ein paar„Grüne“ gekommen,“ ziſchelte er ihm zu,„ſoll ich ſie'raufbringen?“.
„Nein, laß es,“ antwortete Jener;„wir gehen jetzt in den Saal. Deinen Antheil wirſt Du ſpäter bekommen.“.
Dabei ſtrebte er an der Hünengeſtalt vorbei, der Thür zu, welche in den Tanzſaal führte.
Aber Joſef vertrat ihm den Weg. Mit ſeinen ſtechenden Augen fixirte er ihn und lächelte unverſchämt.
Er hatte ein unangenehmes Geſicht, dieſer Joſef.
Er hatte ein Paar unglaublich frecher Augen im Kopf. Sein ſtrohfarbenes, glanzloſes Haar hing wüſt in die niedrige Stirn und ſtimmte ſich mit dem grünlich gelben Ton des mageren, eckigen Geſichts in keineswegs glücklicher Weiſe ab.
„Später?— Morgen vielleicht— he?“ grinſte er und ſchüttelte die ſtruppige Mähne zurück.„Wenn nichts mehr da iſt— he? Das Später kenne ich. Nichts da! Euch Beiden muß man auf die Finger paſſen. Geh' hinüber in das braune Zimmer; ich folge Dir auf dem Fuße.“
Sein Gegner zögerte.
„Nun— 2“ Der Burſche warf ihm einen grimmigen Blick zu—„wird's bald?“
Immer noch zögernd, gehorchte der Andere endlich.
Als er nach einigen Minuten wieder in das Zimmer trat, war daſſelbe leer bis auf jenen Herrn, welcher heute Bank gehalten.
„Nun, Joſt—“ redete dieſer den Wiedereintretenden an, „wie viel haſt Du ihm geben müſſen?“
„Verdammter Schurke das!“ murmelte Joſt von Plotzki. „Faſt die Hälfte hat man mir abgenommen. Aber Du, Beſſelſtein, haſt heute eine gute Ernte gehabt. Sei kein Knauſer und gieb. Du weißt, ich brauche morgen Zweitauſend für den Wechſel.“
Der Oberlieutenant außer Dienſt Florian Beſſelſtein griff in die Taſche, zog eine Hand voll zerknitterter Banknoten her⸗ vor und reichte ſie ſeinem Kameraden.
„Da, Bruder— ſoll mir nicht darauf ankommen. Aber nun in den Saal. Laß uns trinken und tanzen und luſtig ſein— hurrah!“
Beide ſtürzten ſich in das Gewimmel der Tanzenden. Beſſelſtein entriß dem erſten Beſten ſeine Tänzerin.
„Hier, Mädel! Mit mir ſollſt Du tanzen!— Nicht ge⸗ muckſt, Lümmel, ſuch' Dir'ne Andere!“ und ſauſte im wilden Reigen mit der Entführten durch den Saal.
Plotzki jedoch, wähleriſcher, ließ ſeine Augen ſuchend um⸗ herſchweifen, um ſich dann mit einem hübſchen, üppigen Mäd⸗ chen auf eines der kleinen Sopha's niederzulaſſen, welche in dunkleren Niſchen halb verborgen ſtanden.
Hier bewirthete er ſeine Dame mit Champagner und allerlei Näſchereien, denen dieſe mit beſtem Appetit zuſprach. Dabei wurde eine Unterhaltung gepflogen, welche vor dem Richter⸗ ſtuhl der Etikette ſchwerlich Gnade gefunden Uaben würde.


