Jahrgang 
2 (1879)
Seite
392
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Concordia.

haſſe dieſe langweiligen, einförmigen Häuſermaſſen, dieſe kaſernenartig angelegten Gebäude, wo man mit vielen, uns oft ſo unangenehmen Menſchen zuſammenwohnen muß. Wenn mit denſelben ein näherer Verkehr auch nicht ſtattfindet man ſieht ſie, und ſchon das iſt zu viel.

Sie haben recht, erwiderte Rolf;ein angenehmes, inniges Familienleben, deſſen Sie ſich gewiß erfreuen hier ſeufzte er leiſebietet Ihnen ja auch unendlich mehr.

Die Unbekannte antwortete nicht gleich. Es wollte Rolf bedünken, als blicke ihr klares Auge plötzlich traurig.

Ich kenne ein ſolches nicht, erwiderte ſie dann;nicht mehr, ſeit vor kurzer Zeit ein liebes Weſen, das einzige, das mir nahe ſtand, von hinnen ging. Ich wohne mit meiner alten Dienerin allein in dem Hauſe.

Vergeben Sie mir, bat Rolf,wenn ich mit meiner Bemerkung noch friſchblutende Wunden berührt haben ſollte; es lag dies nicht in meinem Willen.

Gewiß nicht, denn Sie konnten es ja nicht wiſſen! ant⸗ wortete ſie und blickte ihn treuherzig an.Doch da ſind wir! Leben Sie nun wohl; noch einmal meinen wärmſten Dank!

Sie ging die wenigen Stufen zum Hauſe hinan, zog aus der Taſche des Mantels einen Schlüſſel hervor, öffnete und ſchloß dann, auf Rolſ's Gruß noch einmal freundlich dankend, die Thür.

Er ſtand vor dem kleinen Hauſe und ſah zu den Fenſtern hinauf.

Nach kurzer Zeit bemerkte er Licht hinter denſelben und trat einige Schritte zurück, um ſeine Unbekannte noch einmal zu ſehen.

Wirklich nahte dieſelbe dem Fenſter, aber nur, um im ſelben Augenblick mit weißer Hand die Rouleaux hinabzu⸗ laſſen und ihm damit grauſam jeden Einblick zu wehren.

4. Kapitel. Im Rothen Ochſen.

Das war ein luſtiges Leben im Rothen Ochſen!

Die große Wirthsſtube zu ebener Erde, wo allerlei vor⸗ überziehendes Geſindel einkehrte, Fuhrleute ihren Schoppen tranken, Viehtreiber raſteten und zechten, machte mit den vor Schmuz ſtarrenden Wänden, an denen überall die unſauberen Abdrücke plumper Finger zu erkennen waven mit den rohen, längs dieſer Wände aufgeſtellten und ihnen an Un⸗ ſauberkeit nichts nachgebenden Tiſchen und Bänken einen düſteren, unheimlichen Eindruck.

Noch erhöht wurde derſelbe durch die mangelhafte Be⸗ leuchtung, welche einige, an den Wänden aufgehängte, trüb und unrein brennende Lampen ſpendeten.

Mit Mühe nur ließ ſich in dieſer peſtilenzialiſchen, ſich ſchwer auf die Lunge legenden Atmoſphäre athmen. Der aus dem Duft von allerlei Kräutern ſchlechteſter Sorte gemiſchte Tabaksqualm, der Dampf der rauchenden Lampen, dazu die Ausdünſtung von Menſchen, welche auf Reinlichkeit und Pflege des Körpers kein übergroßes Gewicht legten, rangen bis zum

Aeußerſten um die Herrſchaft mit einem penetranten Zwiebel⸗

geruch, der wolkenartig in dieſem Raume auf⸗ und abwallte. 2 7

Hinter dem Schänktiſch ſtand der Wirth, ein unterſetzter Mann mit plumpen, gemeinen Zügen.

Unaufhörlich ſchänkte er Bier und Branntwein in eine Reihe vor ihm aufgepflanzter Gläſer, die eine ebenſo gemein ausſehende Dirne den brüllend danach verlangenden Gäſten kredenzte.

Dazwiſchen Gläſerklingen und gurgelnder Geſang, dröhnende. Fauſtſchläge auf die ſchmuzbedeckten Tiſche, oder Fluchen und wüthendes Trampeln mit nägelbeſchlagenen Stiefeln!

Ein ſtereotypes Grinſen lag wie verſteint auf dem Geſicht des Wirthes wie des Mädchens; nur ausgeprägter noch wurde es bei letzterer, wenn einer der Gäſte ihren dicken, rothglän⸗ zenden Armen oder Backen einen wohlgemeinten, ziemlich derben Schlag verſetzte, und bei erſterem noch zähnefletſchender, ſobald einer der halbtrunkenen Zecher ſich in dem Grade laut und ungebührlich betrug, daß unter Sukkurs eines von dem Mäd⸗ chen ſchnell herbeigeholten, hanebüchenen Kellners ſein Hinaus⸗ werfen nothwendig wurde.

Ein ſolches Intermezzo ſpielte ſich ſtets mit wahrhaft be⸗ wunderungswürdiger Gewandtheit ab.

Eins zwei drei! Wie ein Pfeil ſtürzte der Wirth ſich auf ſeinen Auserkorenen, erfaßte ihn mit ſicherem Griff hinterrücks beim Schopfe, ſein Helfer bei den Beinen und im Handumdrehen befand der Störenfried ſich vor der Hausthür, wo ſeine menſchenfreundlichen Träger ihn ſanft auf die Erde betteten.

Auf höflichere Weiſe als im Rothen Ochſen wurde nirgends hinausgeworfen.

Jener Kellner verſchwand dann wieder bis zum Nächſten, denn er hatte ſeinen Standpunkt eigentlich oben.

Oben, das heißt im erſten Stock der Hauſes, befand ſich ein großer Saal. Derſelbe lag mit ſeiner Ausſicht theilweiſe nach dem großen, wüſten, hinter dem Gebäude befindlichen Garten, welcher im Sommer von den meiſten Gäſten lieber zum Aufenthalt gewählt wurde als das dunkle, verräucherte Gaſtzimmer.

Das bunte Bild in letzterem mit ſeiner ewig wechſelnden Gruppirung, ſeinen verdächtigen Baſſermann'ſchen Geſtalten, ſeinen widrigen Tönen und Farben welch' ein ſchwacher Abglanz nur des tollen Treibens hier oben!

Hier war die eigentliche Seele des Etabliſſements.

Noch ſtaub⸗ und dunſterfüllter als unten die Atmoſphäre; noch ſchwerer zu ertragen, weil die Hitze in dieſem hell⸗ erleuchteten Saale eine noch erſtickendere.

Mit tollen Juchzern die Klänge des Orcheſters akkom⸗ pagnirend, ganze Wolken von Staub emporwirbelnd und in ihrem raſenden Dahinſtürmen nicht rechtzeitig Ausweichende zu Boden rennend, drehen ſich und wirbeln bei dem be⸗ täubenden Schalle einer ohrzerreißenden Muſik zahlloſe, bunt zuſammengewürfelte Paare.

Die Damen dieſer Geſellſchaft es iſt unnöthig, eine Erklärung ihrer Stellung abzugeben; meiſt ſind es bedauerns⸗ werthe, ausgeſtoßene Geſchöpfe, welche nichts mehr zu ver⸗ lieren haben.

Die mit raffinirteſter Koketterie zuſammengeſetzten Toiletten, die wild und fieberhaft erglühenden Geſichter, der völlig zwang⸗ loſe Verkehr dieſer Paare untereinander Alles das verräth zur Genüge, daß Anſtand und Geſittung hier zu ſuchen ver⸗. lorene Mühe ſei.

Junge Männer, oft aus den höchſten Ständen, verkehrten