Jahrgang 
2 (1879)
Seite
382
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Minna's

3. Kapitel.

Einer ſehr natürlichen, kleinen Koketterie nachgebend, machte Cornelie an dem großen, nächſtfolgenden Tage eine ebenſo elegante wie geſchmackvolle Toilette, und als ſie in dem ſchwarz⸗ ſeidenen Ripskleide mit der eleganten Tunika, die ihre eben⸗ mäßige, ſchlanke und doch volle Geſtalt vortheilhaft hervorhob, mit der kleidſamen Friſur und dem einfachen, aber koſtbaren Sammetpaletot in das Wohnzimmer trat, um noch einen raſchen Blick in den Spiegel zu werfen, da konnte ſich Minna eines bewundernden Lächelns nicht erwehren, und indem ſie um ihr Fräulein herumging, Cornelien von allen Seiten betrachtend, meinte ſie ſchmunzelnd:Na, ſchlecht kleedet Sie der Anzug nich.'s bringt zwar keen Ilück, wenn man wie ſo een Nachtuvael. ſchwarz wie Pech, ſich trauen läßt, aber bei die Civilleute wird det wohl keenen Einfluß haben. Müſſen Sie denn da auch ſagen, wie alt Sie ſind, Cornelchen? Anſehen dhut Ihnen heute Keener Ihre dreißig Jahre und der Herr Bräutigam wird ſeine Freude an Ihnen haben. Kommt er bald, um Sie zu holen? Ick ſterbe vor Neugierde, ihn zu ſehen.

Wieder flog eine verrätheriſche Röthe in Corneliens Wangen; ſie huſtete verlegen und nahm ihr Taſchentuch vor's Geſicht, als hätte ſie plötzlich Zahnſchmerzen bekommen. Ohne auf Frage zu antworten, nahm ſie die feinen perlgrauen Handſchuhe vom Tiſch, ſetzte ſich ein kleines, allerliebſt garnirtes Hütchen auf, und indem ſie mit einer ihr ſelbſt lächerlich

erſcheinenden inneren Bewegung, die ſie vergebens zu bemeiſtern

ſuchte, der Dienerin die Hand reichte, ſagte ſie leiſe:Mein Bräutigam erwartet mich beim Standesbeamten; ſeine Zeit iſt ihm knapp zugemeſſen, und darum geh', Liebe, hole mir eine Droſchke erſter Klaſſe; es iſt Zeit. Ich erzähle Dir Alles, wenn ich wiederkomme.

Mit faſt ängſtlicher Haſt drängte ſie Minna hinaus, die, vor ſich hinraiſonnirend, den Befehl auszuführen giung.

Doktor Hans Schmidt bereitete ſich auch für den feierlichen Akt vor, und wir müßten lügen, wollten wir ſagen, daß ihm dabei recht wohl zu Muthe geweſen wäre. So lange nur von dem Plane die Rede geweſen war, hatte ihn die ganze

Geſchichte unendlich amüſirt es war einmal etwas Anderes,

dem Hergebrachten ganz Widerſtrebendes, und Haus Schmidt, der originelle Handlungen ebenſo wie originelle Menſchen liebte, war ganz entzückt von ſeiner Idee allein bei der Ausführung derſelben fühlte er ſo etwas wie moraliſchen Katzenjammer, und während er ſeinen Frack, weiße Weſte und Binde anlegte, beſchlich ihn eine förmliche Angſt, und kalter Schweiß perlte von ſeiner Stirn, als die beiden Vertrauten, ſeine intimſten Freunde, die ſchon taufend Tollheiten während ihrer gemeinſam verlebten Studienjahre mit ihm ausgeführt hatten, bei ihm eintraten.

Sie kannten Cornelie Winter nur aus ihren Schriften und glaubten dem guten T Doktor Schmidt auf's Wort, daß die Betreffende eine alte Jungfer ſei, der mau einen ſolchen ſelt⸗ ſamen Freundſchaftsdienſt leiſten könne, ohne in Gefahr dabei zu gerathen. In animirteſter Stimmung kamen ſie bei dem Freunde an, der aber ein ſo ſeltſames Geſicht machte, mit ſo ſauer⸗ſüßer Miene die neuen Handſchuhe anzog, daß ſie in ein wahrhaft homeriſches Gelächter ausbrachen, als er, mit einem tiefen Seufzer ſie begrüßend, die Worte hervorpreßte:

Concordia.

auf's Höchſte beluſtigt,

So iſt mir bei einer ſolchen Trauung zu Muthe; wie ent⸗

ſetzlich, ſchauderhaft muß erſt das Gefühl ſein, wenn aus der Sache Ernſt wird!

Der betreffende Standesbeamte wohnte weiter von Cor⸗ nelien als von Schmidt entfernt, und die beiden Leutchen hatten daher das Abkommen getroffen, ſich unterwegs in einer Konditorei zu treffen, um kein Aufſehen zu machen, und wäh⸗ rend die Freunde des Doktors, von der ſtillen Angſt Schmidt's auf das Standesamt gingen, eilte Schmidt an den beſtinuten Ort, wo Cornelie bereits ſeiner harrte.

Auch nicht einen Blick warf er auf ſie, die bei ſeinem Ein⸗ tritt zuſammenſchrak, und lautlos half er ihr in die wartende Droſchke und ebenſo ſchweigend legten ſie den Weg zurück Cornelie vor ſich hinblickend, der Doktor mit den Fingern an die kleinen Scheiben des Wagens trommelnd.

Erſt dicht vor dem Standesamte erhielt Cornelie ihren ſonſtigen Muth wieder, und einem raſchen Entſchluſſe nach⸗ gebend, ſagte ſie haſtig:Reut Sie Ihr Opfermuth, Doktor⸗ chen? Dann ohne géne, ſagen Sie es, noch iſt es Zeit. Enfin ein Wort!

Lächerlich! entgegnete er, ſich zuſammenraffend,ich denke gar nicht daxan, es zu bereuen. Wie kommen Sie denn auf dieſe Idee doch da ſind wir. Reichen Sie mir Ihren Arm, Cornelie; wir müſſen unſere Rolle mit Anſtand und Grazie durchführen.

Merkwürdigerweiſe waren ſie und die beiden Zeugen die

Einzigen, die außer den nöthigen Beamten anweſend waren,

und da alle Formalitäten erfüllt waren, ſo ging Alles trefflich vonſtatten.

Der Standesbeamte wunderte ſich nicht wenig über das wunderliche neugehackene Ehepaar, das ſich nicht einmal nach der Beendigung der Ceremonie einen Kuß gab, und ein eigenthümliches Lächeln flog über ſein Antlitz, als der Doktor, gravitätiſch wie ein ſpaniſcher Grande, einen Kuß auf die Hand ſeiner Gattin drückte.

Doktor Sauer und Aſſeſſor Fröhlich, die Freunde Schmidt's, hatten ſich bei dem Anblick Corneliens einen eigenen Blick zu⸗ geworfen.

und die luſtigen braunen Augen Sauers hingen mit un⸗

verhohlenem Wohlgefallen an dem intereſſanten, heute ganz

wunderhübſchen Geſichte Corneliens, an ihrer anmuthigen Ge⸗

ſtalt, und das liſtige Augenzwinkern Sauer's fand bei Feullich

Erwiderung.

Ich hoffe, liebe Cornelie, daß Du es nicht waxſchmuühen wirſt, ein kleines Frühſtück mit mir und meinen Freunden einzunehmen, begann Schmidt zögernd.

Cornelie zuckte zuſammen. DasDu des Doktors kam gar zu unerwartet, und ganz befangen meinte ſie:Das wird ſich wohl doch nicht ſchicken, und

Was, fiel Sauer ein, Sie mit Ihrem angetrauten Mann und deſſen beſten Freunden ein Dejeuner einnehmen? Gnädige Frau, das faſſe ich nicht.

Schmidt warf dem Freunde einen ſtrengen, verweiſenden Blick zu. Der Ton des Doktors ärgerte ihn, allein das Komiſche der Situation, die ſichtbare Befangenheit Corneliens, die ihn zu amüſiren anfing, ſiegte über die momentane Miß⸗ ſtimmung, und indem er ihr ſeinen Arm bot, ſagte er ein⸗

Sauer ſtieß Fröhlich zu wiederholten Malen an, dieſer kniff wieder von Zeit zu Zeit den Freund in den Arm,

es foll ſich nicht ſchicken, daß

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