Concordia. 3871
Nur einen Moment ſenkte Ernſt de Villeneuve das Haupt, dann ſagte er:
„Wohl, verbirg Dich, mein Junge— mich ſollen ſie be⸗ reit finden, ſie zu empfangen.“
„ Ich ſtehe zu Ihnen, ſo lange ein Hauch noch in meiner Bruſt iſt.“
Die Beiden flogen raſch dem Hauſe zu. Die Lichter er⸗ loſchen im Salon wie auch in dem Zimmer des jungen Edel⸗ mannes, die Thüren wie die Fenſterläden wurden geſchloſſen. Eine Minute nachher durchhuſchten einzelne dunkle Geſtalten, von Baum zu Baum ſchleichend, den Garten.
„Wer da?“ ertönte es aus dem Fenſter des Gemaches, welches Ernſt als Arbeitszimmer ſich erwählt hätte.„Wer da? Sprecht oder ich gebe Feuer.“
Niemand antwortete— der Garten lag ruhig im Monden⸗ ſchein da.
Jedenfalls wäre es Ernſt lieber geweſen, ſeine Gegner zu ſehen; die Stille berührte ihn wie eine die Bruſt belaſtende Gewitterluft. Anders dachte Charles, der Gärtner, der un⸗ abläſſig ſchaffte, um die Treppe mit einer ſtarken Barrikade zu decken
„Noch zehn Minuten,“ ſagte er,„und die Hundsvötter ſollen mir nicht hinüber. Dann ſind wir völlig ſicher.“
Der junge Edelmann unterſuchte noch einmal ſeine Waffen. Dieſelben waren in beſtem Zuſtande, die vier Piſtolen, wie die Muskete ordentlich geladen, der Degen in der Scheide gelockert. Einfacher war die Bewaffnung des Gärtners; ſie beſtand aus einer Hellebarde und einem Hirſchfänger.
Minute auf Minute verſtrich, dieſelbe Stille blieb auf den Garten gelagert. Immer unheimlicher wurde dieſe Ruhe. Hätte Villeneuve nicht das Dahinhuſchen der dunklen Geſtalten bemerkt, er hätte dem Berichte, daß eine Schaar gegen ihn
heranziehe, keinen Glauben ferner geſchenkt, kaum daß er ſich ſelbſt nicht täuſchte und was er geſehen, für ein Phantom hielt.
„Faſt möchte ich hinaus,“ äußerte er unwillig.
„Um Gott nicht,“ warnte Charles,„da ſind Sie ver⸗ loren.“
„Freilich hat das Ganze einen ſehr banditenartigen Anſtrich,“ verſetzte Ernſt.„Aber die Grabesſtille tödtet mich; ich muß Leben, Geräuſch um mich vernehmen.“
Er ergriff eins ſeiner Piſtolen und ſchoß zum Fenſter hinaus, auf ein nahes Bosquet.
Ein gellender Pfiff erwiderte den Knall, im nächſten Augenblicke ſchlugen ein halbes Dutzend Piſtolenkugeln durch das Fenſter, ohne daß eine den Vertheidiger traf.
„Wetter, die Sache beginnt ernſtlich zu werden,“ ſagte dieſer und trat zurück..
Im nächſten Augenblicke hatte der Sturm begonnen, waren die Angreifer in dem unteren Stockwerke des Hauſes⸗ Wäre nicht Charles' Barrikade geweſen, Villeneuve hätte in wenigen Minuten unterliegen müſſen, da er die Fenſter nicht aus den Augen laſſen durfte, weil man unter dem Schutze der im Hinterhalte liegenden Schützen zwei Leitern ſchon an dieſelben aufgeſtellt hatte. Trotz der Schutzwehr des Gärtners war die Lage des jungen Edelmannes aber wenig beneidens⸗ werth, ja verzweifelt genug. Das Landhaus ſtand ſehr ver⸗ einzelt; aber ſelbſt wenn man den guten Willen der Nachbarn, die von den Schüſſen erweckt waren, als ſichere Hilfe anſchlug, ſo war dieſe doch unter den günſtigſten Bedingungen vor einer halben Stunde nicht anzunehmen. In dieſer Zeit aber mußten die beiden Vertheidiger aller Wahrſcheinlichkeit nach
überwunden ſein. (Fortſetzung folgt.)
Eine komiſche Geſchichte. Von O. Bach. (Fortſetzung.)
„Na, ſoll denn der junge Herr— oder is es een Oller— hier wohnen, oder ziehen wir aus? Mir is janz ſchwindlig von die Neuigkeit,“ ſagte Minna.
Cornelie war bis über die Stirn roth geworden. Das Mißliche der Situation wurde ihr in dieſem Momente recht klar, und verlegen blickte ſie vor ſich hin; allein ihr guter Humor und der ihr liebgewordene Gedanke, auf ſo gutem Wege an das Ziel ihrer Wünſche gelangt zu ſein, führte ſie bald über die peinliche Empfindung, die ſich ihrer bemächtigt hatte, hinweg.
„Ich will bei Minna zum erſten Mal meine Lüge vor⸗ bringen und bei ihr die Wirkung beobachten,“ dachte ſie, und ſchnell erwiderte ſie daher auf deren Frage:„Das wird die Zukunft entſcheiden; für jetzt muß mein Bräutigam mich verlaſſen; eine wichtige Erbſchaftsangelegenheit ruft ihn von mir, und um mich noch vor ſeiner weiten Reiſe ſeine Gattin nennen zu dürfen, geſchieht dieſe raſche Verbindung. Sieh', liebe Minna, es wäre doch möglich, daß ihn unterwegs der Tod träfe, dann ſiele das rieſige Vermögen an Seitenverwandte, und darum ſoll ich ſchnell ſeine Frau werden, damit ich dann die Erbin werden kann.“
„Ach, das is ſcheen von dem Herrn!“ rief Minna gerührt, „ach Jott, er wird doch nich ſterben, nee, Fräulein, det derf er nich, det wäre ja jammerſchade um ihn. Aber ſagen Sie 'mal, Cornelchen, wie heeßt er denn eegentlich und woher kennen Sie ihn denn?“
„Er heißt Schmidt,— iſt es nicht ein ſüßer Name?“ erwiderte Cornelie emphatiſch,„und ich kenne ihn ſehr, ſehr lange,— er iſt meine einzige, meine erſte Liebe.“
Nach dieſen Worten eilte ſie hinaus, da ſie nicht länger ernſt zu bleiben vermochte, und Minna blickte ihr kopf⸗ ſchüttelnd nach.
„Schmidt heeßt er und ihre erſte und ihre eenzige Liebe is er!— Na, ick kenne ihr doch von Anbeginn ihres Lebens und habe noch nie jemerkt, det ſie Eenen liebt!'s kommt ja ooch nich een Mannsbild zu uns,— und ick bin wirklich neugierig, det Menſchenkind zu ſehen. Is des eene Welt,“ ſeufzte ſie,„ſonſt mußte man monatelang Vorbereitungen für den Hochzeitsſtaat und für die Hochzeit treffen, und nu jeht's, haſt de nich jeſehen, wie et jeht und ſteht in die Ehe hinein. Det nennen ſie Fortſchritt.“


