Jahrgang 
2 (1879)
Seite
379
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Ein verachtungsvoller Blick traf ſie aus ſeinen Augen. Sie erſchien ihm in dieſem Augenblick zu niedrig, um ſie ſelbſt mit Füßen zu treten, und unwillig verließ er den Salon, die Thür heftig hinter ſich in das Schloß werfend, daß Marie zuſammenfuhr. Da eilte Nanette herbei.

Prächtig, himmliſch! der iſt von Ihnen zurechtgewieſen,

daß ihm die Luſt vergehen wird, Sie zu ſtören!

Meinſt Du? fragte Marie.Aber wie ſehe ich aus, Kind?

Wie ein Engel der Herr Lieutenant wird entzückt ſein, antwortete das Kammermädchen.Kommen Sie nur in den Garten! er muß ſogleich erſcheinen.

Und doch iſt es ein Unrecht, ein Betrug, den ich Villeneuve ſpiele, meinte Marie.

Dem Bären, dem mürriſchen Klotze! Ach, Madame, wie himmliſch Sie waren, als Sie ihn in Betreff des alten Königs zurechtwieſen! Ich wette, er ſchäumt vor Wuth. Wie ſeine Fauſt ſich ballte, wie finſter er dreinblickte, daß Sie ſich unterſtanden, eine andere Meinung zu haben. O, der Despot! der Tyrann! Und ſolcher Gewaltherrſchaft wollten Sie noch eine Gewalt über ſich einräumen?

Du magſt recht haben; aber im Grunde ſind alle Männer Tyrannen und behandeln uns als Sklavinnen, die ſich in ihren Willen fügen müſſen, mag derſelbe auch unvernünftig ſein. So war auch mein Vater, über den ich meine Mutter oft bitter weinen ſah.

Ach, Madame, verſetzte Nanette,das iſt doch nicht immer der Fall. So bin ich feſt überzeugt, daß mein Charles ſich ſtets unter das Pantoffelholz beugen wird. Sonſt würde ich dem Gärtner auch nicht die Ehre anthun wollen, ihn zu heiraten. Und auch Herr du Chatelet wird zu Ihren Füßen

Unvporſichtige Schwätzerin, unterbrach Marie die Rede; denkſt Du nicht daran, daß dieſe Mauern vielleicht Ohren haben, daß ich verloren bin, wenn Ernſt davon erfährt!

Ohne Furcht, Madame, erwiderte Nanette;Koch und Kammerdiener ſind auf dem Sprunge, auf einige Stunden zu

Weine zu gehen, und mein Gärtner ſollte ſeine Ohren in Acht

nehmen, wenn er ſie zu etwas gebrauchen würde, was mir nicht beſonders paßte. Was aber den Brummbär betrifft, ſo verläßt er ſicher ſein Zimmer nicht ſo bald. Im Garten werden wir freilic

Ja, komm' in den Garten! fiel Villeneuve's Geliebte ein, die kaum ihre Neugier des verſprochenen Anbeters wegen zu zügeln vermochte.

Als die Beiden mehrere Gänge durehſchritten hatten und in den Theil des Gartens kamen, der durch Bosquets und künſt⸗ liche Anlagen am ſchattigſten war, trat ihnen ein Mann entgegen, den Nanette ſogleich für Herrn du Chatelet erkannte. Derſelbe war von hoher Figur und ſchien, wie auch wirklich der Fall war, angenehme Geſichtszüge mit feinen Manieren und angeborener Grazie zu verbinden.

Verzeihung, daß ich hier eingedrungen bin, redete er, ein Knie beugend, Marie an;aber es trieb mich, der Schönheit meine Huldigung darzubringen.

Um Gottes willen, mein Herr! wer ſind Sie? Wenn man uns überraſchte!

O, fürchten Sie nichts; Ihre treue Nanette ſorgt für Sicherheit. Wer ich bin, fragen Sie mich? Ein Unglücklichen wenn das Sonnenlicht Ihrer Augen mir nicht lächelt, der

Hand zum Kuſſe reichen.

So ſtehen Sie doch aber auf, ſagte Marie, der das Ueberſchwengliche ſeiner Worte ſchmeichelte.

Erheben Sie den, von der Macht Ihrer Schönheit in den Staub Geſchleuderten, entgegnete er.

Sie reichte ihm die Hand, die er, aufſpringend, mit Küſſen bedeckte.

Ich ſollte mich vor Ihnen faſt fürchten, bemerkte ſie, vor dem Sturme in Ihnen.

Befehlen Sie, und der Orkan wandelt ſich zum Zephir.

Ihre Worte ſind ſo füß, ſo gewählt, als ob Sie ein Poet wären.

Iſt nicht die Liebe die Mutter der Dichtkunſt? Wer könnte unempfindlich bleiben, wenn er wie ich ſo glücklich iſt, Arm in Arm mit Ihnen von den Sternen beneidet zu werden!

Arm in Arm war eigentlich unrichtig; der in der da⸗ maligen Modeſprache redende Lieutenant der Garde hatte weit ungezierter als ſeine Rede ſie leicht umſchlungen. So wan⸗ delten ſie dahin einer Grotte zu, die in der Nähe der Hinter⸗ pforte angebracht war.

Wie wir geſehen, hatte der Krieger einen leichten Sieg errungen.

Koſend ſaßen die Beiden in der Grotte. Eine Stunde mochte ſo verfloſſen ſein, da erhellte ſich plötzlich die Gruppe. Vor ihnen ſtand aber eine finſtere, drohende Geſtalt.

10. Kapitel. Der Aeberfall.

Mein Gott! Ernſt! rief erſchreckt die treuloſe Maitreſſe des jungen Edelmanns aus.

Erkennſt Du mich wirklich, nichtswürdige Dirne? ſchnaubte dieſer ſie an.Schlange, die ich vom Abgrunde zurückgeriſſen und die mich verräth! Hierher, Charles, mit Deiner Laterne, daß ich auch den Schuft erblicke, den Marder im Taubenhauſe, ehe ich ihn mit Prügel ſammt ſeiner Metze hinausjage.

Ehe aber der Gürtner, der Verlobte Nanette's, den Willen, ſeines Herrn ausführen konnte, war Alerander du Chatelet aus der Grotte getreten und hatte ſeinen Degen gezogen.

Mein Herr, ſagte er,ich warne Sie, länger dieſen Ton beizubehalten, den ein Offizier nicht erträgt. Alſo fein höflich, oder mein Degen fliegt Ihnen in zwei Sekunden um die Ohren.

Wenn der Gardelieutenant auf die Muthlofigkeit ſeines Gegners gerechnet hatte, ſo war die Täuſchung auf ſeiner Seite; denn in demſelben Moment blinkte auch Villeneuve's Klinge im Scheine des zwiſchen Wolken hervortretenden Mon⸗ des.Wohl, mein Herr, ſagte Ernſt,mir eben zur gelegenen Zeit. Vertheidigen Sie ſich.

Die beiden Gegner waren wohl gleichgewandte Fechter; Alexander hatte aber den Vortheil größerer Kraft, während Ernſt nur ſeiner von Minute zu Minute eiſiger werdenden Ruhe es verdankte, die immer hitzigeren Ausfälle des Lieute⸗ nants zu pariren.

Mein Herr, Sie werden ſich Blößen geben, wenn Sie ſich ſo ungewöhnlich ereifern, bemerkte er. 49

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