Jahrgang 
2 (1879)
Seite
378
Einzelbild herunterladen

zur Schau

Concordia.

der Gere chtigk keit entzogen hatte. Sie war von ihm in ſehr bedürftiger Lage zurückgelaſſen worden. In derſelben hatte ſie Ernſt de Villeneuve kennen gelernt und war ſeine M aitreffe geworden. Sie war ein hübſches Mädchen, auf deſſen Beſit er ſtolz war er gewährte ihr die Mittel, ihre ziemlich boſr ſpieligen kleinen Bedürfniſſe zu befriedigen. Das waren die zwei Punkte, welche die Beiden verbanden; die gegenſeitig getragene Reigung beruhte zum Theil nur auf Sinnlichkeit, zum Theil auf Komödie. Wäre ein anderer Herr gekommen, der Marie mehr geboten, ſie würde Ernſt im Augenblicke verlaſſen haben, ohne den geringſten Kummer zu empfinden, und er würde ſich auch in dem Arme einer Anderen ſogleich getröſtet, ja das Verſchwinden ſeiner Geliebten gern geſehen haben, geſetzt, daß die Nachfolgerin eben die oder noch größere körperliche und geſellſchaftliche Vorzüge beſaß. Als Ernſt in ſeine Villa zurückkehrte, dinirte er mit ſeiner Maitreſſe. Er war dabei einſilbig, und Marie ward endlich auch der Anſtrengung müde, das Geſpräch in Fluß zu erhalten. So kam es, daß der zweite Theil des Mahles in völliger Stille und mit größerer Eile, als damals gewöhnlich, ein⸗ genommen wurde. Als das Deſſert beendet, fragte ſie, ob er keine Luſt habe, eine Partie Pique mit ihr zu ſpielen

Nein, meine Liebe, antwortete er,ich bin heute zu zerſtreut; der Tod Seiner Majeſtät hat mich ergriffen. Er⸗ lauben Sie daher, daß ich mich in die Einſamkeit zurüclziehe und mich da ſammle.

Bei dieſen Worten küßte er ihr die Hand und ging in den Garten.

Wahrhaftig, Nanette, bemerkte ſie zu der Zofe,er iſt heute unausſtehlich langweilig. Wie kann einem Menſchen nur das Ende dieſes alten, frömmelnden Königs zu Herzen gehen! Oder hat er vielleicht Geldverluſt gehabt?

Ich weiß es in der That nicht, antwortete Nanette; aber Herr de Villeneuve iſt in der That heute ſehr ſonder⸗ lich. Madame ſollte es aber, wie ich meine, leicht ſein, Alles, was Sie wiſſen wollen, zu erfahren.

Ja, wenn er nicht ſolch' ein Eiſenkopf ware, verſetzte ſie.Da glaubt man ihn völlig in der Gewalt zu haben, und findet plötzlich, daß alle unſere Freundlichkeit doch an ſeinem Willen, ſeinem Eigenſinn geſcheitert iſt. Nanette, ich ſage Dir, daß dieſe Lage wirklich unerträglich iſt.

So ſollten Sie dieſelbe ändern. Wie mancher liebens⸗ würdigere Edelmann würde ſich danach ſehnen, an Herrn de Villeneuve's Stelle zu ſein.

Kind, das verſtehſt Du ſo wenig, wie der Blinde die Farben.

Gut. So ſpielen Sie eine Intrigue, um ſich die Zeit zu vertreiben. Liebesabenteuer hinter dem Rücken des Herrn ſchmecken am ſüßeſten.

Läßt Du Dir vielleicht hinter dem Rücken Deines Karl den Hof machen, daß Du ſo etwas verſtehſt? Hute Dich, daß mir der Gärtner nicht dahinterkommt ich glaube, daß er alle Rückſicht vergißt und Dir die Schwere ſeiner Hand auf die klarſte Weiſe an den Tag legt.

71

Nanette rümpfte bei dieſer Bemerkuug ihrer Gebieterin die Naſe und fragte ſodann ungezogen, ob Herr de Villeneuve unter gleichen Umſtänden ebenſo handeln würde. Ein ſtolzer

Aſi. 5.., Blick wies ſie in die Schranken zurück.

Du vergißt, daß Herr de Villeneuve ein Edelmann und ich Deine Herrin bin.

Nanette ſenkte ihren Kopf und geſtand demüthig ein, daß ſie mit ihrer Zunge gefehlt habe, fügte jedoch hinzu, daß ihr Rath gar nicht ſo übel geweſen ſei; denn eine junge ſchöne Damee dürfe nicht ſo vernachläſſigt werden, die bedürfe der Liebe wie die Pflanze des Sonnenlichtes. wie die von der Luft abgeſchiedene Blume; die Schönheit leuchte freilich hervor, aber man wiſſe nicht, ob dieſe Ab⸗ geſchiedenheit, dieſe Einſamkeit nicht ihr den bezaubernden Duft rauben könnte. Gott habe die Häßlichen nur für das Nichtgeſehenwerden geſchaffen, wen er ſo wie ihre Herrin begünſtigt, ſei nicht für den Kerker, die Nonnenzelle beſtimmt.

Der Beifall, den die Zofe ihren Reizen geweiht, hatte Marie bezaubert und gewonnen, ja ſie hörte es gern, daß Nanette ſchon einen jungen, ſchönen Edelmann, der als Lieutenant in der Garde diente, in Bereitſchaft hatte und daß derſelbe ſich am Abend in dem Garten einſtellen werde, zu deſſen Hinterpforte er den Schlüſſel beſitze. Sein Name ſei Alexander du Chatelet und ſeine Heimat Poitiers.

Villeneuve's Geliebte konnte nach dieſer Mittheilung ſogar

den Augenblick nicht erwarten, wo es zu dunkeln begann; dann

pflegte ſich Ernſt auf ſein Zimmer zurückzuziehen und dort bis lange nach Mitternacht zuzubringen. Dieſe Zeit konnte ſie, ohne daß es auffiel, im Garten zubringen, zumal da die Luft mild und warm war.

O, wie wird ſich der Herr Lieutenant freuen! rief Nanette, in die Hände klatſchend, während ſie zugleich berechnete, in wie hohem Maße ſich die Freigebigkeit des Herrn du Chatelet zeigen werde.

Als es dunkelte, kam Ernſt in den Salon, wechſelte nur wenige Worte mit ſeiner Maitreſſe und wollte ſich ſodann zurückziehen, wie er gewohnt war, als Marie in eigenſinniger Laune ihm Vorwürfe nachrief, daß er ſie kaum mehr anſehe.

Du haſt recht, ſagte er umkehrend,ich bin zu vielem Tändeln nicht eſchaffen; aber heute, glaube ich, thut mir in der That Geſellſchaft wohler, als die Einſamkeit.

Und weshalb gerade heute? Iſt Dir etwas Wichtiges begegnet? fragte Marie.

Nicht mir allein! Ganz Frankreich ſollte ſeine Stirn ver⸗ hüllen; iſt ihm doch ein Stern untergangen, der ihm ſo lange ſeine Bahnen vorgewieſen und erleuchtet hat. Heute, am erſten September, wie ich Dir ſchon geſagt, hat der glorreichſte Monarch ſeine Seele ausgehaucht. ſie,ich hatte geglaubt, daß

Nichts weiter? erwiderte Du viel im Spiel verloren. Die Stirn des jungen Edelmannes verdunkelte ſich.

Pfui, Marie, rief er aus,ſchämſt Du Dich nicht, ſo zu denken? Ich weiß wohl, daß die große Menge jubelt, daß der Pöbel vielleicht ſeine Zotenlieder ſingen wird, daß ſelbſt Verſtändigere große Hoffnungen auf den Herzog von Orleans ſetzen und ſich nicht bei der Regentſchaftsfrage an das Teſtament des großen Todten halten werden; aber Dir hätte ich eine edlere Geſinnung zugetraut.

Nun, ich wüßte nicht, weshalb ich tiefe Trauer anlegen ſollte, ſagte ſie in ſpitzen Tone.Iſt der König mein Vater, mein Geliebter gewefen? Hat er mir je einen Schmuck

geſchenkt?

Madame erſchiene ihr