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Concordia.
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Ich nahm die Einlage, von der ſie ſprach, auf und öffnete ſie raſch. Einem Fremden hätte der Inhalt vielleicht ganz bedeutungslos erſcheinen können. Herr David ließ ſich darin nur über einige Farben und über deren Behandlung aus, fügte dann in alltäglichen Redensarten ſein Bedauern über das Aufhören meiner Malſtunden hinzu und ſprach die Hoff⸗ nung aus, mir mit der Zeit nochmals wieder im Leben zu begegnen. Mit meinen Augen aber las ich aus jeder Zeile
Verfolgung; der Brief war offenbar mit beſonderer Vorſicht abgefaßt für den Fall, daß er in unrechte Hände gerathen könnte; doch ſchon darin, daß er überhaupt geſchrieben war, und daß Herr David angab, es ſei die Antwort auf eine Anfrage von mir, die ich nie an ihn gerichtet, und ſchließlich in der Andeutung, daß er Antwort von mir erwarte, fand ich hinreichende Beweiſe, daß er ihn nur an mich geſchrieben hatte, um mich auf das, was nun folgen würde, vorzubereiten, und daß damit der Anfang zu einem weiteren Briefwechſel gemacht war. Wie ſollte ich mich dabei benehmen, was ſollte ich thun, um mich vor dieſem ſo verhaßten Briefwechſel zu bewahren? Ich ging mit den Briefen nach meiner Stube
und ſetzte mich dort hin, um in Ruhe Alles zu überlegen.
Das Eine ſchien mir zweifellos; antwortete ich nicht, ſo wurde mein Vater ärgerlich— ärgerlich, wie an jenem ſchreck⸗ lichen Tage, an dem er damit drohte, mich der Sorge Vetter Ulih's zu entziehen und mich nach einem fremden Lande zu bringen, wo mich weder franzöſiſche Feinde noch engliſche Freunde ſehen würden. Dieſe Drohung klang mir noch immer in den Ohren, und mit Schaudern dachte ich daran, daß er noch jetzt ſie jeden Tag ausführen konnte; reizte und erbitterte ich ihn jetzt, da ich noch ſchutzlos war und er noch die erſten Anſprüche auf mich hatte, ſo ſchrieb er einfach an mich und gab mir den Befehl, zu ihm in's Ausland zu kommen; dort konnte er mich dann feſthalten und mich zwingen, einen ſeiner Genoſſen zu heiraten. Ich wußte ja, daß er ſich dadurch nicht in Gefahr brachte, wenn er meinem Vormund ſeinen Aufenthaltsort anvertraute, und in meiner Unerfahrenheit und Dummheit bildete ich mir ein, ſchon um ſich zu rächen, würde er lieber ſich ſelbſt die Laſt, mich unterhalten zu müſſen, auf⸗ laden, als mich an einen wohlhabenden Mann verheiratet
zu ſehen. (Fortſetzung folgt.)
Der Räuberkönig von Varis. Roman von Wilh. Grothe. (Fortſetzung)
Villeneuve war auf ſeinen Landſitz, eine Villa vor den Thoren Paris', zurückgeeilt, um dort den Tag ferner zu⸗ zubringen. Der junge Edelmann hatte ſich hier ein kleines Elyſium geſchaffen.— Der Garten zeigte ſchon jenen Anſatz zum Baroken, der ſich nach und nach zum Rokoko ausbildete, ein Name, den Frau von Pompadour ſpäter erfunden haben ſoll. Es iſt wahr, daß das Rokoko eine Ueberkünſtelung, einen Standpunkt darſtellt, der die wirkliche Schönheit über⸗ holt hat und darum nicht ſchön genannt werden kann; aber er gehört harmoniſch zu jener Zeit, der eine Sündfluth folgen mußte, um mit der glänzenden äußeren Schminke, mit den ariſtokratiſchen Formen die innere Hohlheit, die Fäulniß zu vertilgen. Das Rokoko gehört zu dem Schmucke, der Eigen⸗ thümlichkeit des vorigen Jahrhunderts, und ohne ſeine raffinirte Sinnlichkeit und elegante Bequemlichkeit mußte der Mangel un wahrer Sitte, die ſich hin und wieder mit Frömmelei umgab, noch widerlicher erſcheinen, als dies wirklich der Fall. Für einen kindiſchen oder überfeinerten Geſchmack wird das Rokoko Muſter des Liebenswürdigen ſein, dem fortgeſchrittenen Manne blickt aber aus ihm die Wolkenperrücke und der Haar⸗ beutel und der Zopf an. Dennoch wird man ſich nicht nur bald in das Rokoko finden, ſondern die Vorzüge ſeiner Be⸗ quemlichkeit anerkennen müſſen; dennoch giebt ſeine Eigen⸗ thümlichkeit unſeren Sinnen den Eindruck, als hauche aus ihr Vorzüge des dolce far niente, des
eine liebliche Fee uns die! arbeitsloſen Genuſſes zu; die liebliche Fee trägt freilich s Toupet und
Schönheitspfläſterchen und Hackenſchuhe, ein hohe kokett aufgeſchürzte Kleider, den Schäferſtab in der einen und die ſchwülſtige Ode in der anderen Hand; aber ſie blickt ſo verführeriſch⸗träumeriſch uns in die Augen, daß wir ihr den Arm bieten, um mit ihr einen Spaziergang zu machen, oder zu einer Meuynet anzutreten,
Baumesſchatten oder in großgeblümten Möbeln folgt.—— — Das ländliche Beſitzthum des Herrn de Villeneuve beſtand aus einem ziemlich großen Garten im Rokokogeſchmacke mit verſchnittenen Hecken und Bäumen, mit Amoretten, deren ſehr fleiſchige Glieder ihre irdiſche Herkunft nur zu deutlich an⸗ zeigten, und dergleichen Statuen und Grotten, und aus einer Villa, die ganz zu dem Garten paßte, obwohl ſie eher klein genannt werden konnte. Eine Mauer umgab das Ganze auf mehr als drei Seiten, nur vor dem anderen Gärtchen zwiſchen Landhaus und Straße, dem Vorplatze, zog ſich ein eiſernes Gitter.
Die Villa ſelbſt war zweiſtöckig. Das untere Stockwerk beſtand aus einem Salon, dem Empfangs- und dem Speiſe⸗ zimmer; das obere bewohnte Villeneuve mit ſeiner Maitreſſe ebenfalls, indem dort das Schlafzimmer, wie das Arbeits⸗ gemach des jungen Edelmannes und andere Räume ſich be⸗ fanden, die nicht größer als die eben genannten Gemächer waren. Hierher zog man ſich des Abends, wenn kein Beſuch die Einſamkeit belebte, zurück.
Die drei Manſardenſtuben bewohnten die Dienſtboten des Hauſes: der Koch, der Kammerdiener und die Zofe. Erſterer ein ältlicher Mann, der Zweite auch ſchon lange über die Jahre der Jugend hinaus, aber noch immer von jener Elaſtizität, die dem Franzoſen, in dieſer Stellung beſonders, mit Recht zugewieſen wird. Beide waren alte Diener des Hauſes Villeneuve. Nanette, die Zofe, diente der Maitreſſe, ſolange dieſe mit Ernſt liirt war, alſo faſt Jahresfriſt; ſie war klein, raſch, gewandt und etwas mager, übrigens ihrer die Madame genannt
der ſodann die Ruhe im
Herrin Marie Courbier ſehr zugethan, wurde.* Marie Courbier war if und ſich durch die Flucht den Händen 48
die Tochter eines Finanzbeamten,
der Unterſchleife gemg 4 der Unterſchleife gemacht


