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wird einen Erſatz finden, es iſt ihm ſchon mehrfach ſo er⸗ gangen.“
„Wann wirſt Du ſie uns denn hierher bringen?“ fragte Sir Lionel.
„Wen?— Petronel? O, Sir Lionel, ſo bald, wie Sie es mir nur erlauben!“
„Dann müßt Ihr aber Alle kommen und einige Tage hier bleiben. Laß ſehen! Heute haben wir Donnerstag, am Montag gehen Brandon's und Scott's weg, dann ſind wir unter uns, es bleibt nur noch ein junger Verwandter von Sir Otho. Ginge es nicht, daß Du und Marcia mit unſerem Großtöchterchen am Dienstag oder Mittwoch kämeſt? Ich denke, bei dieſem heißen Wetter vertauſcht Ihr recht gern Rockbury für einige Zeit mit Frampton.“
„Für Marcia und Petronel wird es ein herrlicher Tauſch ſein, wenn Sie ſie gütigſt aufnehmen wollen; was mich an⸗ betrifft, lieber Onkel, ſo kennen Sie mein Leben und wiſſen, daß ich leider keinen Tag frei habe; doch es wird mir eine große Freude ſein, wenn Sie meine zukünftige Frau kennen lernen.“
„Abends zum Eſſen, hoffe ich, wirſt Du doch kommen können?“ drängte Lady Halſtedt in ihn, worauf er zuſagte, ſo oft es ihm möglich wäre, kommen zu wollen; dann reiſte er wieder ab. Er vermochte es kaum zu faſſen, daß Alles ſo gut gegangen war und daß das Schickſal ſich ihm ſo günſtig gezeigt.
Ein ſehr unliebſames Geſchäft hatte er Abends noch zu beſargen, das nämlich, ſich hinzuſetzen und Bertram von dem Erfolg ſeiner Werbung in Kenntniß zu ſetzen. Er fürchtete ſehr, ſein Freund könne die Vermuthung aufkommen laſſen, daß er unredlich gegen ihn gehandelt und Vortheil aus ſeiner Abweſenheit gezogen hätte. So theilte er ihm denn ſeine Gefühle von Anfang an mit, auch daß er dieſe abſichtlich zurückgedrängt, um ihm die erſte Chance zu geben.
Nachdem Ulih auch nach dieſer Seite hin ſeine Schuldig⸗ keit gethan, gab er ſich ganz ſeinem Glücke hin, und es iſt ſchwer zu ſagen, wer von den Beiden, Petronel oder er, der Glücklichere war. Er wurde ein ganz anderer Menſch; mit dem Beſitz ihrer Liebe ſchien neues Leben und neue Jugend in ſeine Adern geſtrömt zu ſein. Was kümmerten ihn nun alle die haarſträubenden Geſchichten, die er gehört, die Warn⸗ ungen von Freunden und die Befürchtungen des eigenen Herzens? Um Alles zu vergeſſen, brauchte er Petronel nur anzuſehen, und wenn er daran wieder dachte, ſo mußte er darüber lachen, daß er ſo ſchwach und thöricht geweſen war, an ſolche Unwahrſcheinlichkeiten zu glauben.
Doch nun muß ich meiner Heldin das
Wort abtreten. 8. Kapitel. Betronel's Cagehuch.
Es war bitter für mich, daß mein junges Glück ſo grauſam geſtört wurde durch den Eingang des Briefes von meinem Vater. Eben wollte ich anfangen, es mir klarzumachen, was mir bevorſtand, und daß es noch ein vollkommenes Glück hier auf Erden für mich gäbe, ich wollte von meiner unge⸗ trübten Zukunft träumen, da wurde mir dieſe moraliſche Hand⸗ granate vor die Füße geworfen, die jeden Augenblick explo⸗ diren konnte. Andere vor mir mögen auch wohl gehofft und geträumt haben wie ich, und ſpäter auch getäuſcht worden
ſein. Wenigen aber iſt wohl die Zeit des Glückes ſo karg zugemeſſen worden, wie mir. Eine eiſige Kälte und ein Ge⸗ fühl namenloſen Elends überlief mich; es ſchien mir auf der einen Seite unmöglich, den Vetter zu heiraten, ohne ihm das unſelige Geheimniß anzuvertrauen, auf der anderen Seite unerreichbar, den Vater dahin zu ſtimmen, daß er mir die Erlaubniß gäbe, die Wahrheit zu entdecken. Bei Erzählung der Ereigniſſe nach meiner Rückkehr nach Rockbury habe ich ſo ſelten der Epiſode mit Herrn David Erwähnung gethan, daß man faſt glauben könnte, ich hätte ſie vergeſſen oder auf⸗ gehört, mich damit zu quälen; doch es war nicht der Fall. Während meiner Krankheit und Geneſung allerdings habe ich wenig daran gedacht, zu der Zeit war mein Herz ganz von der einen für mich ſo hochwichtigen Frage in Anſpruch ge⸗ nommen, da trat die Exiſtenz meines Vaters etwas in den Hintergrund, und es ging mir, wie es der Jugend oft ergeht: Aus den Augen, aus dem Sinn! Dazu fühlte ich mich unter den Flügeln des Vetters ſo ſicher und geborgen, daß ich faſt ſchon hoffte, den Namen des Herrn David nie wieder hören zu dürfen. Daran hatte ich nie gedacht, daß er an mich ſchreiben könnte!
Und nun hatte er es gethan, und ich wunderte mich faſt
darüber, daß ich die Zeit vorher ſo ruhig geweſen war. Von
Felicite d'Alvan hatte ich ſchon verſchiedene Briefe bekommen, ſie hatte das Penſionat verlaſſen und lebte bei ihren Eltern in Brüſſel. Unſeres früheren Zeichenlehrers hatte ſie nur einmal erwähnt, und zwar hatte ſie mir mitgetheilt, bald nach meiner Abreiſe hätte er Miß Little benachrichtigt, ſeine Zeit ſei zu ſehr in Anſpruch genommen, um ihren Schülerinnen noch fernerweit Unterricht geben zu können— ein Grund, der mir nur Redensart zu ſein ſchien. Doch nie hatte ich daran gedacht, daß Felicite von Herrn David ſelbſt dieſes Alles erfahren hatte und daß er amit ihr an einem Orte lebte; wie ſie mir die Einlage ſchickte, theilte ſie mir das Nähere mit. Ce bel homme, ſo nannte ſie meinen Vater⸗ lebte nicht allein wieder in Brüſſel, ſondern ſie ſah ihn auch oft. Eine ihrer intimſten Freundinnen, Eulalie Themar, hatte Privatunterricht bei ihm, und da ſie des Morgens viel bei ihr war, fand ſie oft Gelegenheit, ihn zu ſehen und zu ſprechen. Er war hübſch und liebenswürdig, wie immer, und hätte, wie ſie ſelbſt meinte, ihrem Herzen gefährlich werden können, wenn nicht ein gewiſſer Herr Moore exiſtirt hätte(dieſer lebte zur Zeit in England, und unter der Trennung von ihm ver⸗ blutete faſt ihr Herz). Herr David ſpräche oft von mir und meinen Verhältniſſen, hörte ſtets mit Intereſſe Einiges aus meinen Briefen und bedauerte immer, daß er vielleicht nie im Leben wieder Gelegenheit finden würde, mich zu ſehen. „Enfin mamie,“ ſchloß Felicite,„Du haſt eine Eroberung gemacht, und in Deinem Intereſſe bedauere ich nur, daß Herr David kein verkappter Herzog iſt. Wie die Sachen ſtehen, konnte ich es ihm nicht abſchlagen, beifolgende Einlage zu be⸗ ſorgen, die, wie er verſicherte, nur einige Rathſchläge in der Malerei, wonach Du verlangt haſt, enthält. Ich erbot mich, ihm Deine Adreſſe zu geben, doch er ſagte, es verſtieße gegen die engliſche Sitte, daß Herren mit jungen Damen korre⸗ ſpondirten. Hier in Belgien ſind wir toleranter, das weißt Du aus eigener Anſchauung; doch Du kannſt ſchweigen, mamie, und ſo lange Niemand außer uns von Enereli Brief⸗
wechſel hört, iſt keine Gefahr dabei.“


