Concordia.
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Weibe und in Deinen Kindern ſeine Tugenden wieder auf⸗ leben ſehen kannſt?“
„Wenn Sie Petronel kennten, Sir Lionel, würden Sie anders ſprechen, ſie hat nur Gutes und Reines geerbt, ſie iſt im erhöhten Maße das liebliche Ebenbild ihrer Mutter!“
Bei dieſen Worten ſtockte Ulih Ford und erröthete tief.
„O, wie oft habe ich mich ſchon danach geſehnt, ſie kennen zu lernen! Das arme Kind!“ ſeufzte Lady Halſtedt.
„Ihrer Mutter, ſagſt Du?“ rief Sir Lionel grollend aus; von der Erſchütterung, die ihm vor Zeiten die Nachricht von dem Tode ſeiner Tochter verurſacht, hatte er ſich ſehr bald erholt.„Ich ſoltte nicht denken, daß ſie das in Deinen Augen heben könnte.— Ford, es iſe nicht das erſte Mal, daß wir Beide in derartigen Angelegenheiten konferiren; doch die Zeiten haben ſich geändert!“
„Ach, die arme Ciſſy!“ bemerkte die Mutter,„bedenken Sie doch, Sir Lionel, ſie iſt todt und wird uns nicht mehr betrüben. Wir können es Ulih Ford nicht genug danken, was er an ihrer Tochter gethan hat.“
„Sie hat uns im Leben tief genug betri eine ungehorſame, pflichtvergeſſene Tochter, und für Dich war ſie ein Fluch, Ford. Ich habe es Dir damals oft geſagt, Du ſollteſt Gott danken, daß Du frei von ihr warſt; Du wollteſt mir aber nie glauben.“
„Sir Lionel, Sir Lionel, bedenken Sie, von wem ſprechen!“ unterbrach ihn ſeine Gattin.
„Ich ſage ſtets, was ich denke; und jetzt denke ich, es wäre ſehr wünſchenswerth, daß Sie mich nicht ſo oft und auf eine ſo unerträgliche Art und Weiſe in meinen Reden unter⸗ brächen.“.
„Entſchuldigen Sie,“ ſagte Ulih Ford,„doch dieſe Unter⸗ haltung iſt peinvoll für mich. Es iſt ſchon ſo lange her, daß meine Couſine einen anderen Mann mir vorzog, es lohnt ſich nicht mehr, davon zu ſprechen; wie ſehr ich auch darunter gelitten habe, ſo kann ich doch in Wahrheit ſagen, ich habe ihren Namen ſtets geachtet, und nie mehr als jetzt, wo ich es um ihrer Tochter willen thue.“
„Du warſt ſtets ſo gut, Ulih!“ murmelte Lady Halſtedt.
„So haſt Du Dich alſo zu einer ſo großen Thorheit ent⸗ ſchloſſen?“
„Ich fürchtete es wohl, daß Sie an unſerer Altersver⸗ ſchiedenheit Anſtoß nehmen würden,“ erwiderte Doktor Ford zaghaft,„doch Sir Lionel, ich denke, Sie wiſſen, daß meine Lage derart iſt, daß ich Petronel eine ihr gebührende Stell⸗ ung bieten kann.“—
„Ah, Unſinn! An's Alter habe ich gar nicht gedacht! Wenn es einem Manne, der ſo ſituirt und geachtet iſt, wie Du, einfällt, ſich an die Tochter eines namienloſen Abenteurers wegzuwerfen, ſo iſt es für ſie die höchſte Ehre, ſie mag fünfzehn Jahre oder fünfzig alt ſein. An ſie dachte ich aber gar nicht, fondern nur an Dich.“
„Sie haben ſie noch nicht geſehen,“ entgegnete ſein Neffe mit ſtolzem Lächeln.—
„Du haſt ſo viel Laſt und Unkoſten von ihr gehabt,“ ſagte Sir Lionel,„wenn Du nicht das Recht haben ſollteſt, ſie für Dich zu behalten, ſo möchte ich doch ſehen, wer es haben ſollte. Ich denke mir, Du kamſt hierher in der Abſicht, mich
um meinen Konſens zu bitten; iſt das der Fall, ſo gebe ich ihn Dir aus vollem Herzen. Das Kind kann ſich glücklich
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Sie
Schande, wie ſeine Mutter. Doch nun laßt uns wieder zu den Uebrigen in den Garten gehen.“
Die Erinnerung an das Unrecht der Heimgegangenen be⸗ rührte Ulih ſehr ſchmerzlich; man ſah es ſeinen Mienen an. Wenn auch Ciſſy Halſtedt ſchwer gegen ihn gefündigt, ſo hatte ſie doch mit der Liebe ihrer Tochter Alles wieder gut gemacht. Den Kummer, den ſie ihm verurſacht, hatte er längſt über⸗ wunden, und nichts berührte ihn ſchmerzlicher, als wenn ihr Andenken geſchmäht wurde.
„Für Ihre Glückwünſche und Einwilligung danke ich Ihnen herzlich,“ ſagte er, indem er die Hand des Onkels ergriff, „doch es thut mir innig leid, wenn Sie dabei noch Groll gegen die Heimgegangene fühlen. Ich weiß es, daß Sie Mitleid mit mir fühlten, als meine erſte Liebe ſo bitter ge⸗ täuſcht wurde, und das war mir ein Troſt; doch ein weit größerer würde es mir ſein, wenn Sie mir die Zuſicherung geben könnten, daß Sie jetzt das, was Ihnen und mir ſo viel Schmerz und Trübſal verurſacht, vergeſſen und für die Heimgegangene nur freundliche Geſinnungen hegen wollten. Laſſen Sie uns vereint hoffen, ſie einſtens vor Gottes Thron in Frieden wiederzuſehen!“
Der alte Herr ſchien bewegt; mitten im Zimmer hielt er an und ſtützte ſich auf den Arm ſeines Neffen, zum Sprechen war er unfähig.
„Wiederſehen werden wir uns, Sir Lionel, und vielleicht früher als wir denken. Wie ſchwer würde uns das Sterben mit einem ſolchen Groll im Herzen werden? Es ſcheint mir unchriſtlich und unmöglich, dieſen noch länger hegen zu wollen! Ich ſcheue mich nicht, einzugeſtehen, daß ich nicht immer ſo dachte; auch für mich gab es eine Zeit, in der mein Herz durch Kummer und Schmerz ſo verhärtet war, daß ich allen Glauben verloren hatte und für mich jedes Glück für unmög⸗ lich hielt. Und dennoch leuchtet es mir wieder und zwar in einem höheren Glanze wie zuvor, und mein Herz iſt erfüllt von Dank gegen Gott, den Allgütigen.“
„Weiß dieſes Kind Dich denn völlig zu würdigen, liebt es Dich auch ſo, wie Du es verdienſt?“
„Ich glaube es, ich bin feſt davon überzeugt!“ antwortere Doktor Ford ernſt.
„Und ſie macht Dich wahrhaft glücklich?“
„Ja, gewiß!“
„Und haſt Du das feſte Vertrauen, daß Alles ſo bleiben wird, und daß ſie Dich nie ſo täuſcht, wie ihre Mutter es that?“
„Ich weiß, daß ſie es nie thun wird!“
„Dann ſage ich aus vollem Herzen: Gott verzeihe der armen Ciſſy ihre Sünden und gebe, daß wir Alle uns der⸗ maleinſt in Frieden wiederſehen!“
„Dank Ihnen, Sir Lionel!“
Weitere Worte wurden zwiſchen Doktor Ford und Sir Lionel über dieſen Gegenſtand nicht gewechſelt,— deren bedurfte es auch nicht— und das Schweigen wurde erſt durch Lady Halſtedt unterbrochen.
„Alſo den Pfarrer heiratet Petronel nicht, Ulih? Was will der denn nun anfangen?“ 1
Das weiß ich wirklich nicht,“ erwiderte Doktor Ford
„— S
lachend,„ich bedauere ihn aufrichtig. Doch ich denke, er


