Concordia.
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und namentlich auch ihr Deine wahren Gefühle über unſere Verlobung möglichſt ſchonend zu zeigen.— Einen Punkt, fuhr er nach einer Weile fort,„den Du vorhin erwähnteſt, muß ich Dich auch noch bitten, nie wieder zu berühren. Du deuteteſt auf mein Verlöbniß mit b dieſes beſtanden hat, iſt kein Hemmniß meiner Verheiratung mit ihrer Tochter, ebenſowenig wie mit jeder Anderen, doch
ich wünſche nicht, daran erinnert zu werden. Es genügt,
daß Petronel davon in Kenntniß geſetzt iſt, und daß ſie darin V
kein Hinderniß gegen unſere Verlobung fand; ich bitte Dich prechen. Doch nun, liebe
Mrs. Fleming hin; daß
daher darum, weiter nicht davon zuſ Marcia, vergieb es mir, wenn ich Dich vielleicht durch eins
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meiner Worte verletzt haben ſollte. Daß meine Mittheilung
Dich gewaltig in Erſtaunen verſetzt hat, begreife ich ſehr wohl, ebenſo, daß es Dir anfänglich ſehr ſchwer werden wird, Dich V an den Gedanken zu gewöhnen; doch in Deinem Staunen darfſt Du nie vergeſſen, was Du mir und Petronel ſchul⸗ dig biſt.“ V
Nach dieſen Worten küßte er ſeine Schweſter auf die Stirn
und ließ ſie allein. Klar ſah dieſe ein, wie unklug ſie ge⸗ handelt, indem ſie dem Strom ihrer Gefühle Luft gemacht, und wie ſie ſich jeden Einfluß auf ihren Bruder(wenn ſie V einen ſolchen überhaupt je gehabt) zerſtört. Der bloße Ge⸗ danke der Verheiratung deſſelben erfüllte ſie mit Eiferſucht und Zorn, und würde ſie auch dann bitter gekränkt haben, wenn er ſich eine ihrer intimſten Freundinnen, wie z. B. Miß Mathilde Upjohn, auserkoren. Freilich hatte ſie ſelber öfter die Gerüchte über ſeine Verlobung genährt; allein das hatte ſie nur gethan, um alle Aufmerkſamkeit der Damen, die ihr ſtets Furcht bereiteten, abzuleiten.
Einen eigentlichen Grund, Petronel nicht zu lieben, hatte ſie nicht; doch ſie war ſchon auf die Liebe Ulih's zu ſeiner Couſine Ciſſy Halſtedt eiferſüchtig geweſen und hatte es nicht überwind n können, daß er ſie ſo lange betrauerte; dieſe Eiferſucht hatte ſie nun auf Ciſſy's Tochter übertragen, der ihr Bruder ſo viel Wohlwollen zeigte. Ihr ſehnlichſter Wunſch war es geweſen, daß Herr Bertram Petronel nach Oyley entführte. Doch nicht aus Wohlwollen für ihren Freund, ſondern nur aus Furcht vor dem ſich täglich ſteigernden Intereſſe ihres Bruders für ſein Mündel, denn einige Sorge, daß dieſe ſie eines Tages erſetzen würde, hatte ſie wohl ſchon gehabt, obgleich ſie das, was ihr jetzt drohte, nie befürchtet hatte. Da ſie nun ihre Abneigung gegen ihre Couſine ſtets deutlich zu erkennen gegeben hatte, lag die Möglichkeit, daß ihr Bruder keine große Neigung haben könnte, ſie ferner im Hauſe zu behalten, ſehr nahe und mit Grauen dachte ſie an die einſame Exiſtenz, die ihr dann bevorſtand; bisher war ſie ſo ſtolz geweſen in dem Gefühl, den Bruder allein zu be⸗ ſitzen, und der Gedanke, daß nun gerade das Mädchen, das ihren Frieden ſo oft ſchon getrübt und ſich ihrer Herrſchaft
ſchon mehrfach widerſetzt hatte, die Veranlaſſung zu ihrem Fortgehen geben würde, war keineswegs dazu angethan, ihre Gefühle gegen Die, welche an ihrem Unglück Schuld war, zu mildern. Sie war ſo alt, daß ſie füglich ihre Mutter hätte ſein können, und nun ſollte ſie ihr den erſten Platz im Haufe abtreten, ſollte Liebe gegen ſie heucheln, und zwar nur, weil ihr Bruder ſo ſchwach und charakterlos geweſen war, ſich in ihre hübſche Larve und in ihre rothen Backen zu verlieben.
Die und nimmer hätte ſie das erwarte„„s Nie und nimmer halte ſie das erwartet, und in dieſem Augen⸗
blick noch ſchien es ihr unbegreiflich; zornentbrannt und unter Thränen ging ſie zur Ruhe und wünſchte nichts ſehnlicher, als daß ſie am anderen Morgen mit dem Troſte erwachen möchte, daß Alles nur ein böſer Traum geweſen ſei. Leider war dem nicht ſo, ihr Glück war dahin! Schon die Art und Weiſe, wie Doktor Ford am anderen Morgen vom Früh⸗ ſtückstiſch aufſprang, als die Thür ſich öffnete und Petronel eintrat, und wie er das erröthende Mädchen begrüßte, über⸗ zeugte ſie von der Nichtigkeit ihrer Wünſche. Während des Frühſtücks ſprach er ganz offen von der Verlobung und ſagte, daß er die Abſicht hätte, Nachmittags ſelbſt nach Frampton zu fahren, um Lionel und Lady Halſtedt die Neuigkeit mitzu⸗ theilen. Miß Marcia zwang ſich, hierzu zu lächeln, und ge⸗ wann es ſogar über ſich, einige beglückwünſchende Redensarten zu machen, was den Bruder ſehr zu erfreuen ſchien und wo⸗ für Petronel ſie in ihre Arme ſchloß.— So war der Friede wiederhergeſtellt.—
Als Ulih Ford Nachmittags in Frampton aus ſeinem
Wagen ſprang, war er in nicht geringer Aufregung. Das ganze Haus war zufällig voll Beſuch, Lady Otho Vivian war mit ihren Kindern dort, außerdem war Archibald Hal⸗ ſtedt, der ſeit einem Jahr verheiratet war, für einige Tage von London gekommen, und noch verſchiedene Fremde. Doch weder das große Publikum, das er dort traf, noch die Neuig⸗ keit, die er brachte, waren es, die ſeine Aufregung hervor⸗ riefen, ſondern nur der Gedanke an die Bemerkungen, welche etwa fallen würden, ſobald er ſeinen Entſchluß, eine Tochter ſeiner Couſine Ciſſy zu heiraten, mittheilen würde. Er fand die ganze Familie im Garten; ein Wort von ihm rief Sir Lionel und Lady Halſtedt in's Bibliothekzimmer, wo er ſie ohne weitere Umſchweife von dem Zweck ſeines Kommens in Kenntniß ſetzte. Vollſtändig ſprachlos lauſchte der Onkel ſeinen Worten, und die Tante, die überhaupt etwas ſchwer von Begriffen war, ſtarrte ihn ungläubig an. Schon fühlte Ulih Ford ſeinen Muth wanken.
„Ich weiß wohl, daß die Altersverſchiedenheit zwiſchen uns nicht unbedeutend iſt,“ ſagte er und nahm ſich in ſeiner nervöſen Aufregung ein Blatt Papier als Spielzeug vom Tiſch,„ich habe Petronel auch die Nachtheile im ſchärfſten Lichte klarzu⸗ machen geſucht; doch ich hoffe, Sie halten es für keine Ein⸗ bildung, wenn ich ſage, ich habe die Ueberzeugung, ſie liebt mich wahrhaft, und mir wird es Zeit meines Lebens eine
heilige Pflicht ſein, dieſe Liebe zu erwidern.“
„Alſo Du haſt wirklich die Abſicht, ſie zu heiraten?“ be⸗ merkte Sir Lionel nachdenklich.
„Ich will es, vorausgeſetzt, daß Sie mir dazu ihren Konſens
geben.“ „Aber, Ulih, ich dachte ja, ſie würde einen Herrn Bertram heiraten?“ ſagte Lady Halſtedt. „Lady Halſtedt, ich wünſchte nur, Sie unterbrächen uns nicht fortwährend, das hat immer zur Folge, daß ich vergeſſe, was ich dem jungen Ford ſagen wollte,“ rief der Baronet ärgerlich aus. Ulih ſah ſich genöthigt, ſeine Tante flüſternd zu beruhigen. „Alſo unſer Großkind wünſcheſt Du zur Gattin, Ford? ſing Sir Lionel wieder an,„die Tochter des gewiſſenloſen Zeichenlehrers Fleming? Haſt Du auch wohl bedacht, daß fein Blut in ihren Adern fließt und daß Du in Deinem
ſein


