Jahrgang 
2 (1879)
Seite
373
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Concordia. 373

Zugen m dem farbloſen Geſicht ſahen aus wie Ebenholzkugeln auf weißem Marmor, aus Lippen und Händen war alles Blut gewichen. Doktor Ford ſah ein, wie hart der Schlag ſie traf, und erwartete in Geduld den Sturm, deſſen Aus⸗ bruch nahe bevorſtand.

Petronel? ſtieß ſie endlich heraus,Du beabſichtigſt, Dein Adoptivkind zu heiraten? Sie, die Du gelehrt haſt,

Dich als Vater anzuſehen, mit deren Mutter Du einſt verlobt warſt? O, Du ſollteſt Dich doch vom Grunde Deiner Seele aus ſchämen!

Im erſten Augenblick ſah er wirklich beſchämt aus, wenn⸗ gleich er keinen Grund dazu hatte; als Marcia es aber wagte, ſeine aufgehobene Verlobung zu berühren, was ſie noch nie gethan, überkam ihn ein gerechter Zorn, ſeine Züge färbten ſich hochroth, und er wandte ſich ab von ihr. Daß die Welt ſeine Schwäche ſcharf beurtheilen würde, hatte er voraus⸗ geſehen, er ſah ja auch ein, daß er einigen Grund dazu gegeben hatte, darauf aber, daß auch die Schweſter ihn ver⸗ dammen würde, war er nicht vorbereitet. Trotzdem beſchloß er, ihr ruhig zuzuhören, ſo lange ihre Vorwürfe nur ihn treffen würden.

Ja, ſchämen ſollteſt Du Dich, fuhr ſie eifrig fort,ich ſtehe nicht an, Dir dieſes mit klaren, dürren Worten zu ſagen. Was werden die Leute dazu ſagen? Und gar Deine Patienten, die ihr Vertrauen auf Deinen geſunden Verſtand und auf Dein richtiges Urtheil ſetzten? Sie müſſen Dich ja für kindiſch erklären! Es iſt überhaupt ſchon eine Thorheit, in Deinem Alter noch an's Heiraten zu denken, und unter Verhältniſſen in Deinem Hauſe, die Dir Alles bieten, was Du nur wünſchen kannſt; aber unnatürlich, ja unpaſſend iſt es, daß Du Dir aus der Schulſtube ein Kind, ein unerfahrenes, völlig ungebildetes Mädchen, das Dich bisher faſt wie einen Großvater angeſehen hat, holſt. Da hätte ich Dir denn doch etwas mehr geſunden Menſchenverſtand zugetraut!

Nach dieſen Worten trat eine kurze Pauſe ein, Marcia ſchöpfte friſchen Athem, dann zog ſie ihr Taſchentuch heraus und fuhr mit weinerlicher Stimme fort:

Wenn Du eine gute, anſtändige Wahl getroffen hätteſt, ſo hätte es mich nicht ſo ſchmerzlich berührt, obgleich Deine Verheiratung unter allen Umſtänden hart für mich iſt mit Rückſicht auf das, was ich Dir bisher geweſen bin; doch der Gedanke, daß ich nun bei Seite geſchoben werde, um einem Kinde Platz zu machen, das nicht im Entfernteſten im Stande iſt, Deinem Hauſe vorzuſtehen, daß ich erleben ſoll, wie hier Alles drunter und drüber geht, und daß Du Dich dem Ge⸗ ſpött von ganz Rockbury preisgiebſt, ach, das iſt hin⸗ reichend, mir das Herz zu brechen, von dem Unpaſſenden der ganzen Sache will ich gar nicht ſprechen.

Beruhige Dich, Marcia, ſagte er lächelnd, indem er ſeine Hand auf ihre Schulter legte,ſo ſchlimm iſt es nicht.

Doch ſein Lächeln empörte ſie noch mehr, ſie konnte es nicht ertragen, wenn ſie ſich dachte, daß das, was ſie ſo un⸗ glücklich machte, ihn froh ſtimmte; ſo wehrte ſie ſeine brüder⸗ liche Berührung ab, als ob ſie von einem Feinde käme.

Es wird noch zehntauſendmal ſchlimmer werden, wie Du Dir einbildeſt, wenn Du virklich ſo thöricht ſein ſollteſt, dieſes Mädchen zur Herrin Deines Hauſes zu machen. Glaubſt Du denn wirklich, dieſes Kind, das eben aus der

Schule kommt, könnte für Dich ſorgen? Und wies ſie nicht

eben noch William Bertram ſchnöde ab, weil er ihr zu alt war? Wer von Euch Beiden iſt älter, er oder Du? Warum ſollte Petronel Dir den Vorzug geben, wenn es nicht Deines Geldes und Deiner Stellung wegen wäre? Ich muß ge⸗ ſtehen, ſie iſt eine kleine ſchlaue Schlange, ſie hat einen Kopf für Fünf und Muth für Fünfzig! Ihr heuchleriſches Weſen gegen Dich habe ich ſchon lange beobachtet, doch ich konnte es nicht für möglich halten, daß Du ſo leicht hineinfallen würdeſt.

Schweig'! donnerte Doktor Ford, und dieſes Mal er⸗ erfaßte er ihren Arm im Zorn. Geduldig hatte er Alles, was ſeine Schweſter in Bezug auf ihn geſagt hatte, angehört; als ſie nun aber dasKind angriff, wurde es ihm zu viel. Der Blick, mit dem er ſie anſah, mochte ſie zurückſchrecken. Schweig', ſage ich, und höre, was ich denke und wünſche. Du haſt mich auf eine harte Probe geſtellt, länger kann ich unmöglich ruhig bleiben, jetzt iſt es genug. Ich liebe Petronel Fleming nicht als Kind, ſondern als Weib, und habe die feſte Ueberzengung, ſie liebt mich auch, und ſelbſt wenn ganz England gegett uns aufſtände, ſo heiratete ich ſie doch. Jetzt weißt Du, was ich auf den Rath meiner Freunde gebe. Dir aber habe ich noch ein Weiteres zu ſagen: Das Kind hat keine weitere Heimat, wie unſer Haus; hierin kann ſie unter obwaltenden Verhältniſſen nicht anders bleiben als unter Deinem Schutz. Sollteſt Du nun in Deiner Aufregung von hier gehen, oder mein Haus ſo unerträglich machen, daß wir in Frieden nicht darin leben könnten, dann, Marcia, ſind wir für immer geſchieden, und ich werde mich nicht mehr für verpflichtet halten, für Dich zu ſorgen. Es iſt daher Dein eigener Vortheil, gute Miene zum böſen Spiel zu machen. Noch bin ich nicht zu Ende! Du mußt es lernen, in Petronel meine demnächſtige Frau zu ſehen, ſie wird die Herrin meines Hauſes und Alles deſſen, was mein iſt, werden; Du mußt ihre Würde der Welt und mir gegenüber aufrechterhalten; wenn Du ſie ſchmäheſt, ſo ſchmäheſt Du auch mich. Bedenke, jede Mißachtung dieſer meiner Andeutungen wird einen Bruch zwiſchen uns hervorbringen, der nicht ſo leicht zu heilen ſein wird, wie der jetzige.

Dieſe Worte ſagte er mit Feſtigkeit und Würde; Marcia's einzige Antwort darauf war Weinen und Schluchzen, jede Regung zur Widerſetzlichkeit verſchwand und ſie kehrte zu ihrer normalen, ergebenen Haltung zurück. Sobald Ulih dieſes be⸗ merkte und einſah, daß er von ihr nichts weiter zu befürchten hatte, fügte er beſänftigt hinzu:

Marcia, Du haſt dasKind nie geliebt, warum nicht, weiß Gott allein; ein lieblicheres Weſen iſt wohl noch nie in die Welt gekommen, um das Daſein eines einſamen Mannes zu beglücken; ich ſah es vom erſten Tage an; ihre kindlichen, mädchenhaften Fehler vergrößerteſt Du ſtets derart, daß Du zuletzt an das, was Du Dir einbildeteſt, wirklich glaubteſt; ich aber ſah Alles mit anderen Augen an. Damit will ich nicht ſagen, daß Petronel vollkommen iſt, nein, davon iſt ſie weit entfernt; wäre ſie es, ſo hätte ich ſie nie zu meiner Frau erwählt. Doch ſie iſt grundehrlich, ſie hat ein treues Gemüth und iſt von Haus aus fügſam, und kämeſt Du ihr nur im Geringſten entgegen, ſo könnteſt Du Alles mit ihr anfangen. Heucheln ſollſt Du nicht gegen ſie, ich bin fern davon, dieſes zu wünſchen, doch ich erſuche Dich, in Deinem Benehmen gegen ſie vorſichtig zu ſein, ſie nicht zu verletzen,