372 Concordia.
könnteſt, nicht ertragen. Doch Du wirſt immer Vertrauen zu mir haben, nicht wahr, Vetter Ulih? Was man Dir auch von mir ſagen möge?“
„Mein liebes Kind, ſchlage Dir dieſe Sorge aus dem Sinn; nie wird Jemand wagen, das zu thun; davor brauchſt Du mich gar nicht zu warnen.“
4 Einen Augenblick wollte es ihm ſonderbar ſcheinen, daß ſie gleich am erſten Tage mit dergleichen hervortrat, doch er ſchob es auf ihre große Liebe zu ihm und dachte nicht weiter
darüber nach.
„Eins noch!“ flüſterte ſie ihm in's Ohr, als ſie ſich rüſtete, fortzugehen.„Du mußt der Couſine Marcia die
Mittheilung machen; ich wage es nicht, ich fürchte mich zu
— ſehr vor ihr.“
„Ja, ich werde es thun, ſo wie Du Dich nachher zurück⸗ gezogen haſt, ich hatte es mir ſchon vorgenommen. Doch, Petronel, Deine Furcht mußt Du nun ablegen, ſie iſt ja jetzt Deine Schweſter.“
„Nein, nein!“ rief ſie angſtvoll aus,„das iſt ſie nicht; ich denke oft, ſie würde froh ſein, wenn ich todt wäre!“
Er legte ihr die Hand vor den Mund.
„Doch, ſie würde es!— Iſt es denn nothwendig, daß
ich ſie liebe? Alle meine Liebe möchte ich gern Dir allein zuwenden, es ſei denn, daß ſie Dir zu viel und zu langweilig wird!“
So ſprechend, traten ſie an die Treppe und gingen hinunter.
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82 7. Kapitel.
Wie Doktor Ford's Freunde über ſeine Verlobung
dachten.
Doktor Ford fühlte eine Angſt wie ein Schulknabe bei dem Gedanken, daß ſeine Schweſter ſchon etwas von ſeinen Abſichten gemerkt haben könnte, und noch mehr, als er Abends nach dem Thee beim Aufbruch ſah, daß Marcia Anſtalt machte, zugleich mit Petronel das Zimmer zu verlaſſen, und daß der Augenblick zum Handeln gekommen war.
„Marcia, bitte, bleibe noch,“ ſagte er erregt,„ich möchte Dich gern noch ſprechen.“
Bei dieſen Worten floh Petronel wie ein Vogel davon nach ihrer Stube und riegelte ſich ein.
„Gern, Ulih,“ erwiderte Marcia mit gemeſſener Stimme, und ſetzte ſich, mit einem Schlüſſelkorb am Arm und beladen
mit ihrer Arbeit, einem Buchhalter und diverſen Büchern, neben Ulih. 1 „Ich habe Dir etwas mitzutheilen, was ich heute erlebt. Etwas, was uns Beide ſehr nahe angeht. Ich weiß nicht, warum ich mir einbilde, daß Dir die Mittheilung nicht will⸗ kommen ſein wird, doch ich weiß auf der anderen Seite auch, daß Dir mein Glück warm am Herzen liegt, und dieſes konumt dabei beſonders in Frage.“ „Ulih, Du ſprichſt in Räthſeln,“ ſagte Marcia; ihre Mienen drückten Erſtaunen und Spannung aus. * Zis dahin war Alles gut gegangen, dieſe Worte konſter⸗ nirten ihn aber; er zog ſein Schnupftuch, fuhr ſich damit
Stube auf und nieder. Endlich feſt entſchloſſen, ſich deutlich auszudrücken, rief rr aus:„Da hilft kein Klopfen auf den Buſch!— Marcia,
über die Stirn, biß ſich auf die Lippen und ging in der
iſt Dir nie der Gedanke gekommen, daß ich mich noch einmal verheiraten könnte?“
Hätte Doktor Ford ſeiner Schweſter zugerufen, ihr letztes Stündchen ſei gekommen und ſie ſolle ſich zum Tode vorbe⸗ reiten, ſo hätte ſie nicht erſchrockener und enttäuſchter aus⸗ ſehen können; ſie erhob ſich, der Schlüſſelkorb, die Arbeit, die Bücher, Alles glitt ihr aus den Händen und in einen verworrenen Haufen auf den Tiſch, ſie ſtand dem Bruder mit ſtarren Augen und offenem Munde gegenüber.
Ihr drohender Blick brachte Ulih wieder zu ſich ſelbſt; er war nicht der Mann dazu, auf dem Beichtſtuhl vor ihr zu ſitzen und ſeine Irrthümer zu bekennen; nun er aber ſo weit gekommen war, mochte er ihr ſeine Verlobung doch auch nicht auf unfreundliche Weiſe mittheilen.
„Das ſetzt Dich in Erſtaunen?“ fragte er ziemlich kühl und erwiderte ruhig ihren ſtieren Blick.
„Ich faſſe es noch nicht!“ ſtieß ſie hervor.„Du denkſt an's Heiraten, Ulih, habe ich recht gehört?“
„In gewiß! Ich gedenke mich zu verheiraten, und zwar ſchon uad. Iſt es denn etwas ſo ganz Abſonderliches, wenn ein Mann in meiner Stellung ſich eine Frau ſucht?“
„Ja, in ſo ſpäten Jahren ſicherlich, und zumal nach alle⸗ dem, was Du erlebt haſt; dabei habe ich Deinen Haushalt ſtets nach beſten Kräften geführt.— O, es iſt ein harter Schlag für mich!“
„Es betrübt mich, Dich ſo ſprechen zu hören, Marcia,“ antwortete er freundlich,„Du haſt treu für mich und mein Haus geſorgt, das werde ich Dir nie vergeſſen, verlaß Dich darauf; bei alledem wünſche ich aber doch, eine Hausfrau vor meinen Tiſch zu ſetzen, und das bald, viel Zeit habe ich nicht zu verlieren.“
„Aber das arme Kind,“ warf Miß Marcia ein, die plötzlich ganz gerührt war aus Mitgefühl für Petronel's ver⸗ lorene Stellung,„das Du adoptirteſt! Bedenke doch, was Du mit ihr übernommen haſt! Wenn ein Junggeſelle in Deinen vorgerückten Jahren ein Kind adoptirt, ſo darf die Welt doch wohl annehmen, daß er alle Heiratsgedanken auf⸗ gegeben, und daß er für ſeine Schutzbefohlene nach beſten Kräften ſorgen wird. Nimm es mir nicht übel, nach alledem muß ich es als ein Unrecht gegen Petronel anſehen, wenn Du Dir nun noch eine Frau nimmſt.“
„Meinſt Du das? Ich hoffe nicht! Seit verſichert, Petronel ſoll dabei nicht zu kurz kommen.“
„Das iſt Unſinn!“ rief ſeine Schweſter eifrig aus,„es iſt unmöglich, daß ſie ihre Stellung hier ſo wie bisher behält.“ „Das iſt auch gar nicht meine Abſicht!“.
„Nun gut, dann habe ich doch recht. Du beeinträchtigſt ſie, und nur um Deine Wünſche zu befriedigen.— Von mir will ich gar nicht ſprechen, wenngleich Manche denken könnten, daß ich wohl ein Recht dazu hätte. Doch das arme Kind!“
„Nun, da wirſt Du Dich über meine Mittheilung freuen, Marcia. Du nimmſt mir durch Deine Worte eine wahre Laſt vom Herzen; Petronel's Stellung hier im Hauſe wird durch meine Verheiratung nur gewinnen und nicht leiden, denn gerade ſie iſt es, die ich heimzuführen denke!“
Auf dieſen Schlag war Marcia nicht vorbereitet; ſie hatte es kaum aus ſeinen Reden verſtanden, daß er ſchon feſt ge⸗ wählt; für einen Augenblick konnte ſie vor Erſtaunen keine Worte finden. Todtenbläſſe überzog ihre Züge, ihre dunklen
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