Jahrgang 
2 (1879)
Seite
371
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Es war eine Dame. Das Geſicht hielt ſie ſo gewendet, daß er nichts von demſelben zu ſehen bekam; aber als ſie ſich nun erhob und nach der entgegengeſetzten Seite entfernte, ſchloß er aus dem anmuthig graziöſen Gang, trotzdem ein langer Mantel ihre Geſtalt faſt gänzlich bedeckte, daß letztere ſchlank und geſchmeidig ſein müſſe.

Wenn auch der Abend nur erſt im Anbrechen war, doch wollte es Rolf bedenklich erſcheinen, um dieſe Zeit hier, ſo weit von der Stadt, eine Dame allein anzutreffen. Er neigte zu dem Glauben, daß er vielleicht, ohne es zu wollen, durch ſein unzeitiges Erſcheinen ein verabredetes Stelldichein ver⸗ fitelt habe. 5

Nach einigen Augenblicken ſtand er ebenfalls auf und ſah nun die dunklen Umriſſe der Geſtalt von dem weißlich leuch⸗ tenden Fußſteg des Dammes in ſcharfen Konturen ſich abheben.

Dort oben mochte ſich's beſſer gehen, als auf dem hol⸗ perigen Weg, den Rolf, um zur Stadt zurückzugelangen, nun wieder einſchlagen wollte, und ſo beſchloß er, gleichfalls jenen Weg zu wählen, nur in der entgegengeſetzten Richtung, welche die Unbekannte genommen. Wenn er dann rechts abbog, mußte er, allerdings mit einem kleinen Umweg, auch von dieſer Seite auf die Fahrſtraße gelangen, die nach der Stadt führte.

Concordigä. 371

Die Bewegung in der friſchen Luft hatte ihm wohlgethan und den läſtigen Druck im Kopf vermindert.

Langſamen Schrittes, öfter ſtehen bkeibend und mit den Augen dem Laufe des in tiefem Bett liegenden, ſilberglänzen⸗ den Stromes folgend oder die Bruſt dehnend und ſtreckend und dem friſch wehenden Winde bietend, war er den Damm hinabgewandelt. Eben wollte er nun den jäh ablaufenden, ſchmalen Pfad, welcher an die drüben liegende Fahrſtraße reichte, betreten, als er lauſchend ſtehen blieb.

Schon einige Male hatte ſein Ohr rauhe, widrige Töne vernommen, die offenbar aus den Kehlen nicht ganz nüchterner Erdenſöhne kamen und von dieſen für Geſang genommen wurden.

Rolf hatte anfangs nicht darauf geachtet; jetzt hörte er ein johlendes, wieherndes Gelächter, dazwiſchen aber den Hilfe⸗ ruf einer weiblichen Stimme. M

Wie der Blitz zuckte ihm der Gedanke durch's Hirn: Es iſt die Unbekannte!

Gewiß! Sie hatte ſich nach der Richtung, aus der die Stimmen drangen, entfernt und war in die Hände dieſer vermuthlich aus einem Wirthshaus an der Landſtraße kommeng

den, wüſten Geſellen gerathen.

(Fortſetzung folgt.)

Betronel.

Noman aus dem Engliſchen von Florence Marryat.

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(EFortſetzung.)

Vetter Ulih, darf ich eintreten? Ich habe etwas mit Dir zu beſprechen, ſagte Petronel.

Sie ſtand in der Thür, deren Schwelle ſie nie ohne Er⸗ laubniß überſchritt, ganz das Abbild deſſen, was ſie für ihn war, der Engel ſeines Lebens. Er zog ſie herein und drückte ſie an ſein Herz. Wenn in dieſem Augenblick der Himmel ſelbſt feinen Bannfluch auf ſie geſchleudert, ſo hätte er doch in ihr ſein Alles, ſein Ideal erblickt und nicht von ihr laffen können.

Vetter Ulih, Du bereuſt es doch nicht?

Dieſe Frage war das Echo von dem, was er vorhin ge⸗ dacht. Mit feſter Stinmme antwortete er ihr:

Berenen? Liebling, darum wollte ich Dich eben befragen.

Dir könnte die Reue leichter kommen als mir!

Wie kannſt Du nur ſo etwas ſagen? Ach, ich bin ja ſo jung noch und ſo thöricht, Du ſtehſt in jeder Beziehung ſo

hoch über mir!

Was das Alter anbetrifft, ja, Petronell Haſt Du es

Dir auch vergegenwärtigt, daß wir um zweiundzwanzig Jahre verſchieden ſind?

Warum kommſt Du denn immer wieder auf unſere Jahre zurück? ſagte ſie mit ſchelmiſch klagender Stimme.Ich glaube gar, Du thuſt es abſichtlich, Vetter Ulih, um mich an meine Unbedeutenheit und Einfalt zu erinnern.

Es iſt und bleibt aber doch immer eine böſe Kluft zwiſchen uns..

Sollte die Liebe ſie denn nicht überwinden können? fragte ſie mit ſchmeichelnder Stimme.

O, Petronel, Du haſt recht! Ich muß von Dir lernen! Für die Liebe giebt es kein Alter. Den ganzen Vor⸗

mittag über habe ich mich mit dem Gedanken gequalt, daß es für Dich kein Glück ſein könnte, an einen ſo alten Mann, wie ich bin, gekettet zu ſein. 6

An einen alten Mann? wiederholte ſie ſchmollend; Du willſt mich wohl glauben machen, daß Du ſchon blind und taub biſt und nächſtens auch lahm wirſt? Ich wundere mich nur darüber, daß Du Deinen Händen und Füßen nicht auch alle Kraft abſprichſt. Nun gut, Vetter Ulih, ich kann Dir ſagen, auch ich habe mich unabläſſig gequält; nun ſind wir quitt.

Womit denn? Du haſt mich wohl darum bedauert, daß ich ein ſo großes verzogenes Kind zu beaufſichtigen und in Ordnung zu halten bekomme?

Ja, etwas der Art war es. Ich dachte daran, ob meine Thorheiten Dir auch nie zu viel werden könnten, und nament⸗ lich auch daran, ob auch nichts im Stande ſein würde, mir Deine Liebe zu rauben.

Nein, Petronel, nichts auf der Erde und im Himmel! deſſen kannſt Du verſichert ſein!

Auch nichts von dem, was ich geſagt und gethan habe, Vetter Ulih, und was mir früher paſſirt iſt? Glaube nur, ich bin oft wild und gedankenlos geweſen und habe ſchon viel Unſinn gemacht.

Davor fürchte ich mich nicht, Liebling. Es ſoll mir gleich ſein, wenn Du auch noch ſo viel Unſinn, wie Du ſagſt, ge⸗ macht haſt.

O, wie glücklich machſt Du mich durch dieſe Zuſage! antwortete ſie ſanft.Ich hatte den ganzen Vormittag keine Ruhe, man weiß ja nie, was paſſiren kann, und ich konnte

9 Ganapfon n umnip 0 11 Doho ruhaft den Gedanken, daß Du mir je im Leben ernſthaft grolleu 47*