Jahrgang 
2 (1879)
Seite
370
Einzelbild herunterladen

Concordia 4

370

Sie lief auf das Feld, durch Wald und Buſch, immer querfeldein, unbekümmert, ob die Dornen das Kleid zer⸗ fetzten oder die Hände blutig riſſen dort am ſchmalen Grasrain ſah ſie ihn, den treuen Nimrod an ſeiner Seite, und ſie mußte ihm nahe ſein, ihm gegenüberſitzen und ihn immer wieder anſtarren mit den häßlichen, ſchwarzfunkelnden, brennenden Augenſternen.

Wohl erhob er ſich dann und ging wieder heim, meinend,

ſie werde ihre Wanderung in's Feld weiter verfolgen nein! Sie lief neben ihm her wie ein Hündchen; und wenn er auch noch ſo lange Schritte nahm und, um ihr zu ent⸗ kommen, ſchneller und ſchneller lief, ſodaß ihm beinahe der Athem ausgehen wollte Sditha blieb nicht zurück, hielt ſtaudhaft gleichen Schritt mit ihm.

Ein Tag beſonders war es, der nicht aus ſeiner Erinnerung weichen wollte.

Editha war zur Jungfrau herangereift; er ſelbſt, damals Attaché bei der*e ſchen Geſandtſchaft, verlebte einige Wochen Urlaub im elterlichen Hauſe.

Schon ſeit längerer Zeit ſchien ihm des Vaters Weſen ein ungemein niedergeſchlagenes, gedrücktes, während auch die Mutter durch ihr noch leidenderes, ermattetes Ausſehen ihm bei ſeiner diesmaligen Anweſenheit Anlaß zu ſchmerzlichen Befürchtungen gab.

Der Grund dieſer Veränderung in Beider Stimmung ſollte ihm nicht lange verborgen bleiben. Wohl ahnte er bereits, daß ein ſolcher in äußeren Mißgeſchicken zu ſuchen ſei, ohne doch von der ganzen Schwere derſelben eine Ahnung zu haben.

Der Vater entdeckte ihm, daß die Güter vollſtändig über⸗ laſtet und daß bei den Mißernten der letzten Jahre, wohl auch bei der nicht gerade muſtergiltigen Bewirthſchaftung ein abſoluter Rückſchritt im Ertrage derſelben zu verzeichnen ſei. Ja noch mehr. Nicht nur alle Mittel, über die, als freies Eigenthum, er ſelbſt verfügen durfte, hatte er hinein⸗ geſteckt, auch ein großer Theil von Editha's Vermögen war nach und nach dazu verwendet worden, augenblickliche, pein⸗ volle Verlegenheiten zu decken.

Alles umſonſt! 8

Jetzt ſtanden die Gläubiger vor der Thür, gerade jetzt, wo er Rechnung zu legen hatte über den Verbleib von Editha's Geldern. Schimpfliche Entdeckung ſtand bevor, und nichts konnte ihn retten aus dieſer entſetzlichen Lage, als der eine Ausweg, der freilich Alles mit einem Schlage ändern, der die Ehre der Familie wiederherſtellen und obendrein die Verhältniſſe dauernd wieder zu glänzenden machen mußte Rolf's Verbindung mit Editha!

Er weigerte ſich! Editha ſein Weib ihm ſchauderte vor dem Gedanken.

Und dennoch mußte es ſein! Dennoch gab er nach, als

er den Vater in dumpfer Verzweiflung ausrufen hörte: So bleibt mir keine Wahl lieber todt als entehrt! Er gab

nach, als die Mutter, der Abgott ſeiner Seele, mit bleichen, thränenüberſtrüömten Wangen vor ihm ſtand, die Hände ſtehend erhoben: Rolf, mein Sohn, ich überlebe die Schande nicht!

Die Aermſte! Nicht lange mehr ſollte ſie ſich der ihr wiedergegebenen Ruhe erfreuen; geknickt und zu Boden getreten

Br 4 auu 10 re ros RANS 5 7 blieb doch einmal die Blume ihres Lebens, da ſie wohl wußte,

mit wie ſchwerem Herzen Rolf ſein Opfer auf den Altar der

Familienehre niederlegte. ihres Sohnes ſtarb ſie.

Bald folgte ihr der Gatte. Perfide genug von dem alten Herrn, ſich aus der Welt zu machen, ehe infolge der ſo unglücklich ſich geſtaltenden Ehe ſeines Sohnes die Stimme des Gewiſſens mit bitteren Selbſtvorwürfen in ihm erwachte.

Rolf kümmerte ſich um Editha gar nicht. Er ſuchte ſie niemals, mied vielmehr ihre Nähe, und verwandte die freie Zeit, die ſeine Stellung als Legationsrath ihm übrig ließ, zu wiſſenſchaftlichen Studien.

Daß ihm nach einem Jahre ein Töchterchen geboren wurde, änderte in dieſem Verhalten nichts. Editha verlor in ſeinen Augen nichts von jenen, ihn in innerſter Seele erkältend und abſtoßend berührenden Eigenſchaften, die er ſtets an ihr gehaßt; vielleicht ſogar flößte ſie ihm durch ihre gänzliche Un⸗ befähigung zu einer vernunftgemäßen Erziehung des Kindes im Laufe der Zeit noh mehr Widerwillen ein.

Ihrer plötzlich erwachten Neigung zu rauſchenden Feſtlich⸗ keiten und Vergnügungen entzog er ſich inſoweit, als er nur bei jenen Soiréen und Ballabenden, welche die Konvenienz zu beſuchen gebot, erſchien. Anderen Einladungen folgte er ſelten; meiſt war es alsdann Herr von Plotzki, der ſtatt ſeiner die Baronin zu hegleiten hatte.

Joſt von Plotzki, früher Regierungsaſſeſſor, war ein ent⸗ fernter Verwandter von Editha's verſtorbener Mutter.

Wenige Monate nach der Heirat

Ohne an ein beſtimmtes Domizil gebunden zu ſein, hielt er ſich bald hier, bald dort auf; die böſe Welt munkelte, daß er während des Höhepunktes der Saiſon vielfach an den grünen Tiſchen Wiesbadens, Baden⸗Badeus und Homburgs zu finden ſei, um mit gewohntem Glück der Leere ſeines Beutels zu ſteuern. Gegenwärtig weilte er für einige Zeit im Hauſe Editha's und hatte ſich ein heller Kopf die Gunſt des Legationsrathes dadurch zu erwerben gewußt, daß er, abgeſehen von ſeinen geſellſchaftlichen Taleuten, demſelben auch in Bearbeitung ſchwieriger, amtlicher Berichte mit außer⸗ ordentlichem Scharffinn und gewandter Feder an die Hand ging.

Weiter und weiter der Richtung zu, die ihn in's Freie führte, wanderte Rolf von Seidenau. b

Heut' war die Luft, wenn auch ſcharf, doch klar und rein, ſsdaß der Blick weit in die Ferne ſchweifen konnte.

Wo war er eigentlich? Richtig! Hier, liuks im Zick⸗ zack, mit glatten Wegen und Stegen und abgezirkelten Naſen⸗ plätzen, dehnten ſich meithin die ſüdlich vor der Stadt geſchaffenen Anlagen, und dort, nach Weſten zu, erhob in auſehnlicher Höhe ſeinen grauſchwarzen Körper der lange Damm, welcher zur Abwehr gegen den bedeutenden, noch eine ganze Strecke hinter dieſer Schutzmauer fließenden Strom künſtlich aufgeworfen war.

Rolf richtete ſeine Schritte nach den Anlagen und wanderte ziellos darin umher; endlich, um für einen Augenblick zu ruhen, nahm er auf einer Bank Platz.

In keineswegs angenehme Gedanken verloren, ſtarrte er eine Weile. vor ſich nieder und war beim Aufblicken nicht wenig erſtaunt, auf einer ſeitwärts ſtehenden Bank ein menſchliches Weſen zu entdecken, das ſchon vor ihm dort geſeſſen haben mußte, deſſen Anweſenheit er vorhin aber nicht bemerkt. 4

3

8