Jahrgang 
2 (1879)
Seite
367
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Concordia.

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kleidetiſch ging und verwundert auf ihr bleiches Spiegel blickte, das letzten Abend ihren Gäſten ſo heiter ge⸗ ſtrahlt. Sie ſah nachdenklich auf ſich ſelbſt, ſich erinnernd, daß ſie fortan eine Rolle zu ſpielen und ein verhängnißvolles Geheimniß zu bewahren hatte. Kein bleiches Ausſehen, keine verrätheriſche Bläſſe durfte die entſetzliche Wahrheit verrathen. V

Madge, ſagte ihr Gatte jetzt, nachdem er zwei⸗ oder b dreimal gedankenvoll durch das Zimmer geſchritten,ich habe Dir zu meiner Selbſtvertheidigung kein Wort zu ſagen. Ich ſtand vor Dir bekennend, ein Sünder von der ſchwärzeſten Farbe. Doch mußt Du Dir nicht einbilden, daß mein ganzes Leben von derſelben Farbe iſt, wie jene abſcheuliche That. Es iſt nicht ſo. los genug geweſen tadelloſer vielleicht als die Laufbahn eines jungen Mannes mit Zwanzig in unſerer modernen Civiliſation.

Geſicht im

Bis zu dieſer Stunde iſt mein Leben tadel⸗

Verſuchung zu gemeinen Sünden iſt mir nie⸗ mals nahegetreten. Ich war unſchuldig bis zu jener ver⸗ hängnißvollen Stunde, in der mein böſer Genius mir den Preis eines Verbrechens rieth für das, was preislos iſt. Macbeth war ein muthiger und ehrenhafter Soldat, wie Du weißt, als die verhängnißvollen Schweſtern ihm auf der Haide begegneten und ihre Verſprechen in ſein Ohr ziſchten. Und in dieſem Momente ergriff ſchuldvolle Hoffnung ſeine Seele und in

Gedanken war er bereits ein Mörder. Theuerſte, ich bin nie⸗ mals ein Böſewicht, ein Betrüger, oder Lügner, oder Feigling geweſen. Ich habe die Ruchloſigkeit, die andere Menſchen über ein ganzes Leben ausbreiten in ihren Lieblingsſünden, in ein großes Verbrechen ausgegoſſen.

Und das wird verziehen werden, rief Madge mit der erhabenen Miene der Ueberzeugung.Es wird, wenn Du nur bereueſt.

Wenn es Reue iſt, eine Handlung ungethan zu wünſchen, dann habe ich ſeit mehr als zwei Jahren bereut, antwortete er.Horch, Liebe, das iſt die Glocke zum zweiten Frühſtück. Wir dürfen unſere Freunde nicht durch unſere Abweſenheit beunruhigen. Oder bleibe, ich will in den Speiſeſaal hinab⸗ gehen. Du thuſt beſſer, zu ruhen. Armes, gequältes, zärt⸗ liches, treues Herz, wie ſehr bedürfen wir Beide der Ruhe! Nein, Lieber, ich will mit Dir hinabgehen, antwortete Madge feſt.Aber laß mich an Dich eine Frage richten, Churchill, und dann will ich nie wieder zu Dir von unſerem Geheimniß ſprechen. Dieſes verhaßte Weib Du haſt ſie für heute befriedigt, aber wie lange wird ſie befriedigt bleiben? Iſt da nicht eine neue Gefahr zu befürchten?

Churchill zog die Stirn in düſtere Falten.

(Fortſetzung folgt.)

Gefunden!

Roman

von

C. Engels.

(Fortſetzung.)

Nach dem Souper ſang die Varonin.

Sie ſang!

Wenn man mit einem Meſſferrücken an einen alten, zer⸗ ſprungenen Thontopf ſchlüge, ſo würde man dadurch einen ihrer Stimme ähnlichen Ton vielleicht erzielen. Keine Friſche, kein Wohllaut, kein Metall nur etwas Thönernes in dieſer Kehle! Und wenn des Lauſchenden größere Aufmerkſamkeit ſich der Ausſprache zuwandte, ſo mußte jeder Laut der ſchönen, weichen italieniſchen Sprache ihm verloren gehen durch den einen, mit konſequenter Beharrlichkeit hingeſchnarrten Konſo⸗ nanten rrrrrrrrrrr!

Das konnte Serafine von Salventrot, die Spötterin, un⸗ möglich ungeahndet hingehen laſſen.

Brrrrr machte ſie der Gräfin Klichy in's ſchüttelte ſich leiſe,ſchade, daß ich meinen Papagei nicht mit⸗ gebracht habe. Der könnte einhelfen, wenn ihre Zungenn auskeln unter der Anſtrengung dieſes fürchterlichen Schnarrens er⸗ lahmen ſollten. Was ſie nicht ſchnarrt, bleibt ihr im Gaumen ſtecken. Gütige Euterpe, iſt das Geſang?

Gewiß hätte ſie die Langmuth ihrer Zuhörer noch länger in Anſpruch genommen, die kleine Dame im himmelblauen Sternenkleid mit dem Kamelientuff an der Seite, wären nicht ſoeben beim Erheben des Kopfes ihre Augen denen ihres

Gatten begegnet. 1

Und dieſe Augen blickten ſo zornig, bohrten ſich mit ſo drohendem Ausdruck in die ihren, daß ſie in ſichtlicher Ver⸗ wirrung zurücktrat und dadurch auch Herrn von Plotzki, der ſie begleitet, die erwünſchte Gelegenheit zum Aufſtehen und

Sichzurückziehen gab.

Ohr und

Wie zufällig ſteckte man wohl hier und da die Köpfe zu⸗ ſammen oder ließ ein verſtohlenes Lächeln über die Wange gleiten, war aber natürlich zu wohlerzogen, um irgendwelche bemerkbare Zeichen weder des Mißfallens noch des Beifalls erkennen zu laſſen.

Die Geſellſchaft theilte ſich jetzt in verſchiedene Gruppen, von denen eine, den verlockenden Klängen des Orcheſters folgend, nach dem großen Saale ſtrebte, um die jugendlichen Geſtalten im Rythmus des Tanzes anmuthig zu wiegen, die zweite, aus älteren Herren beſtehend, die ſtilleren Freuden des Spielſaales aufſuchte, und endlich eine dritte alte Damen mit bauſchigen Seidenroben, weißen Locken und goldenen Lorgnons auf den ſpitzen Naſen die rings an den Wänden befindlichen Divans in Beſchlag nahm, wo ihr unermüdliches Geplapper, Geſchnatter, Gegacker nur von der Ausdauer, mit der ſie noch unermüdlicher Gefrorenes zu eſſen verſtanden, übertroffen wurde.

In einem Winkel des Korridors unerreicht vom hellen

/ Licht der Girandolen, ſpielte ſich während des Geſanges der Baronin eine Szene ab, weſentlich verſchieden von derjenigen, zu deren Heldin aufzuwerfen in eitler Selbſtverblendung die g 8 8

kleine Dame ſich nicht entblödete.

Ein Jüngling mit kunſtvoll gekräuſeltem Haupthaar, die Spitzen ſeines dünn hervorſproſſenden Schnurrbarts kühn hoch aufgewirbelt, war damit beſchäftigt, gefüllte Flaſchen Töpfe eiligſt in einen dickbauchigen Korb zu verpacken

Neben ihm, dicht in die Ecke geſchmiegt, mit die Arbeit ſchneller von ſtatten ging, ſtand Fränzch

Zweie viere jechſe zählte ſie und ſpreizte die Finger auf die Flaſchen;alſo ſechſe, Dolfi, merk Dir s!

und