ſchmerz. Und dann ging er zu Mr. Treſillian, der des ganzen Geſchäftes müde zu werden anfing und immer gefügig war wie Wachs in den Händen ſeines magiſtratiſchen Kollegen, und der ſich in dieſer Angelegenheit gar nicht mit eigenen Ideen beunruhigte. Er hatte auch in letzter Zeit ſich mit ſolchem Eifer der Dreſſur von Jagdhunden zugewendet, daß ihm kaum noch irgendwelcher Eifer für die Gerichtsbank übrig bleiben konnte.
„Ich finde, daß ſehr viel Unklares in der ganzen Ge⸗ ſchichte iſt,“ ſagte Churchill vertraulich zu ihm.„Der Menſch iſt der Sohn meiner Parkthorſchließerin und, wie es ſcheint, ein ziemlich anſtändiger, arbeitſamer Burſche. Er hatte zu viel getrunken und wanderte letzte Nacht auf dem Gute umher; ſo kam er wohl auch in's Herrenhaus— meine Diener find dafür zu tadeln, daß ſie die Thüren offen ließen— und Viola ſah ihn und war furchtſam und machte einen etwas unnöthigen Lärm. Und dann ſchlugen meine Wildwächter den Burſchen etwas mehr, als es nöthig geweſen wäre. So denke ich wirklich, man könnte ihn mit einem oder zwei Tagen Arreſt laufen laſſen, oder auch mit einem ſtrengen Ver⸗ weiſe—“
„Ja— ja— ja— ja— ja!“ ſagte Mr. Treſillian, indem er ein ganzes Lauffeuer von Beſtätigungen während Churchill's Rede losließ.„Gewiß! Laßt den Menſchen lau⸗ fen, wenn er nicht gerade eine verbrecheriſche Abſicht hatte und wenn Mrs. Penwyn es wünſcht. Ladies ſind ſo theil⸗ nehmend. Ja, ja!“
Mr. Treſillian dachte viel mehr an ſein fünfzehn Acker großes Weizenfeld, das eben für die Sichel reif war, als an das vorliegende Geſchäft. Schnitter waren eben ſelten im Lande, und er war noch nicht klar darüber, wie er dieſes ſein Getreide hereinbringen ſollte.
Anſtatt alſo die Zeugen ſchwören zu laſſen und ein ſcharf⸗ ſinniges Kreuzverhör abzuhalten, enttäuſchte Mr. Treſillian die verſammelte Zuhörerſchaft, indem er blos ein paar ſcharfe Worte an den Gefangenen richtete und ihn dann an ſeine Geſchäfte wies mit der Warnung, nie wieder die Nachbarſchaft zu beunruhigen, da es für ihn das nächſte Mal viel ſchlimmer ausfallen würde. Der Uebelthäter wurde ferner angewieſen, dankbar zu ſein gegen Mr. und Mrs. Penwyn, welche die Mildherzigkeit gehabt hätten, nicht auf der Anklage zu be⸗ ſtehen. Und ſo war das Geſchäft vorüber und der Gerichts⸗ hof erhob ſich. Die Menge zerſtreute ſich langſam und mur⸗ melte etwas über laxe Juſtiz, ſehr enttäuſcht dadurch, daß der fremde Verbrecher nicht verurtheilt worden war.
„Wenn es Einer von uns geweſen wäre,“ bemerkte ein Mann zu einem Nachbar,„ſo wäre er wohl nicht ſo leicht davongekommen.?
„Nein,“ grollte ein Anderer.„Wenn es irgend ein armer Teufel geweſen wäre, der ſein Weib geſchlagen, es wäre ihm ſchlimm ergangen.“
Alles war vorüber. Viola und Sir Lewis Dallas, die in einer Fenſtervertiefung ein wenig kokettirt und zärtliche Worte ausgetauſcht, ohne ſich ſehr für den Fortgang der Er⸗ eigniſſe zu intereſſiren, waren maßlos überraſcht über den plötzlichen Schluß des Verfahrens, und nicht wenig enttäuſcht, denn Viola hatte ſchon erwartet, auf dem Zeugenplatze bei den Bodmin⸗Aſſiſen zu erſcheinen, Kreuzfragen zu erhalten von irgend einem jungen Advokaten, und dann von dem Rich⸗
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vielleiht einen Hochruf von der Menge zu hören. konnte unerwarteter ſein, als dieſes Ende.
„Das ſieht Madge ähnlich,“ rief Viola aus.„Sie kann Einen eine halbe Stunde glauben machen, daß ſie zornig ſei, aber bei der erſten Bitte ſchmilzt ihr weiches Herz. Das abſcheuliche Weib am Parkthore hatte für ihren abſcheulichen Sohn gebeten.“
Madge, weißer als Sommer⸗Lilien, ſah jetzt nicht aus, als ob ſie ſich in einem Zuſtand befinde, daß man Fragen an ſie richten könnte.
„Sehen Sie nur, wie übel ſie ausſieht,“ ſagte Viola zu Sir Lewis.„Man hat ſie recht nervös gemacht mit dieſen Vorgängen jetzt. Laſſen Sie uns fortgehen.“
Es war auch keine Intervention von Sir Lewis noth⸗ wendig. Churchill führte ſeine Gattin aus dem Zimmer. Sie gingen Beide aufrecht und blickten feſt auf die Menge, aber Madge war bleich wie der Tod.
„Wirſt Du nach Hauſe reiten, Churchill?“ fragte Madge, als ihr Gatte ſie in den Wagen hob.
„Ja, Liebe, ich kann Tarpan ebenſowohl zurückreiten, wie ich mit ihm kam.“
„Ich hätte es lieber, Du kämſt mit uns,“ ſagte ſie mit einem flehenden Blick.
„Wie Du wünſcheſt, Theure. Lewis, wollen Sie Tarpan reiten?“
Sir Lewis blickte auf Viola und dann auf ſeine Stiefel. Es war eine Ehre, Tarpan zu reiten, aber kaum ein an⸗ genehmes Ding, ihn ohne Stege an den Beinkleidern zu beſteigen; und dann wäre Lewis gern mit Viola vis-à-vis nach Hauſe gefahren.
„Jedenfalls, wenn Mrs. Penwyn wünſcht, daß Sie im Wagen zurückfahren,“ ſagte er gutmüthig, aber mit einem Blicke auf Viola, welcher zu ſagen ſchien:„Sie begreifen hoffentlich vollkommen, welches Opfer ich bringe.“
Die Fahrt nach Hauſe war eine ſehr ſchweigſame. Viola litt von der Reaktion nach der Aufregung und lehnte ſich mit ſorgloſer Miene zurück. Madge ſah gerade vor ſich hin, mit ernſten, ſtarren Augen in den weiten Raum blickend. Und doch war nicht ein Wölkchen an dem blauen reinen Himmel, und die Schnitter ſtanden in dem gelben Getreide, wendeten ihre braunen Geſichter der Equipage des Gutsbeſitzers zu und dachten, ſich die Locken von der feuchten Stirn ſtreichend, was für ein ſchönes Leben doch ſo vornehme Leute hätten, ſo raſch durch die warme Luft dahinzufahren, ſanft hingelehnt auf weiche Kiſſen, und mit nicht mehr Anſtrengung, als dazu nöthig war, einen ſeidenen Sonnenſchirm zu halten.
„Aber wie bleich Mrs. Penwyn ausſieht!“ ſagte einer der Männer, ein Eingeborener des Ortes, zu ſeinem Kameraden. „Sie ſieht nicht aus, als ob ſie ſo viel genöſſe von den guten Dingen dieſes Lebens. Sie ſieht bleicher und ermüdeter aus,
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als irgend Einer von uns.
Nichts
6. Kapitel. „Dies iſt ſeltſamer, als ſolch' ein Mord!““ Sie befanden ſich in Madge's Ankleidezimmer, dieſem ge⸗ räumigen, vielfenſterigen Gemache mit ſeinen geſchloſſenen venetianiſchen Jalouſien, welches kühl und ſchattig war, ſelbſt


