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Concordia.
habe lieber dieſen Vagabunden zum Sohn, als Einen von Jenen!“
Churchill blickte auf ſeine Gattin, als ob er ihre Gefühle erkennen wollte. Aber Madge, ſo zärtlich und mitleidig ſie gegen Arme und Unglückliche war, zeigte jetzt die Miene der Unbeugſamkeit. Rebekka war ihr beſonders antipathiſch, ein Schmuzflecken auf dem ſchönen Bilde des Gutes Penwyn, den ſie ſchon lange entfernt geſehen hätte; und nun erſchien dieſe Rebekka in einem neuen und noch unangenehmeren Lichte, als die Mutter eines Einbrechers. Es war daher kaum ſeltſam, daß Mrs. Penwyn wünſchte, daß der Lauf des Geſetzes nicht durch unverdiente Gnade gehemmt werde.
„Ich bedauere, daß mein Wunſch, Euch gefällig zu ſein, mir nicht erlaubt, einem Verbrecher ſeine That nachzuſehen, weil er Euer Sohn iſt,“ ſagte Churchill mit leiſer Deutlichkeit, indem er dem durchdringenden Blicke der Zigeunerin mit einem feſten Blicke aus ſeinen eigenen grauen Augen begegnete.„Der Verſuch war zu verwegen, um überſehen werden zu können. Ein Mann bricht um Mitternacht in mein Haus natürlich nur mit einer üblen Abſicht ein.“
Noch ſprach er kein Wort über die Diamanten, welche er an der Perſon des Einbrechers gefunden hatte.
„Er brach nicht in Euer Haus ein,“ argumentirte Rebekka, „Ihr ließt Euere Fenſter offen und er ging hinein. Ich weiß, er hatte getrunken und wußte kaum, wohin er ging und was er that. Hätte er ſeinen Witz beiſammen gehabt, er hätte nicht einem ſchwachen Mädchen es möglich gemacht, ihn zu fangen,“ ſetzte ſie mit Verachtung hinzu.
„Er mag trunken geweſen ſein,“ ſagte Churchill mit einem gedankenvollen Blicke,„aber das verbeſſert kaum ſeine Sache. Es iſt nicht angenehm, des Nachts einen betrunkenen Vaga⸗ bunden im Hauſe zu haben. Was ſagſt Du, meine Theure?“ fragte er, ſich mit einem Lächeln an Madge wendend; aber es war nicht ganz das Lächeln, das ſein Geſicht ſonſt zu erheitern pflegte, wenn er ſie anblickte.„Willſt Du Dein Prärogativ der Gnade ausüben? Soll ich verſuchen, was ich thun kann, damit dieſer Vagabund mit einigen Tagen Arreſt im Gefäng⸗ niſſe zu Penwyn davonkommt, anſtatt wegen verſuchten Raubes verurtheilt zu werden?“
„Ich habe kein Mitleid für einen Mann, der ſeine Hand gegen meine Schweſter erhob,“ antwortete Madge mit Wärme. „Sir Lewis hat mir Alles erzählt. Er ſah, daß dieſer Schurke ſeine geballte Fauſt erhob, um Viola in's Antlitz zu ſchlagen. Er würde ſie für ihr ganzes Leben entſtellt oder vielleicht getödtot haben, hätte Sir Lewis ſeinen Arm nicht aufgefangen. Du kannſt alſo nicht vorausſetzen, daß ich für einen ſolchen Unhold bitten werde.“
„Kommen Sie, Mrs. Penwyn, Sie ſind eine Frau und Mutter,“ bat Rebekka,„Sie ſollten gnädig ſein!“
„Nicht auf Koſten der Geſellſchaft! Juſtiz und Ordnung würden in der That vernichtet, wenn die Gnade ſich auf einen Böſewicht erſtreckte, wie Euer Sohn es iſt.“
„Sie ſind hart, Lady,“ ſagte die Zigeunerin,„aber ich denke, ich kann ein Wort ſagen, das Sie beſänftigen wird. Laſſen Sie mich zu Ihnen in dem nächſten Zimmer ſprechen.“ Sie blickte gegen die halboffene Thür eines anſtoßenden kleinen Gemaches.„Laſſen Sie mich nur fünf Minuten mit Ihnen allein ſprechen— Sie thun gut, wenn Sie nicht
„Nein“ ſagen, um Ihretwillen,“ drängte ſie mit einem Blich auf Churchill.
Mr. Penwyn erhob ſich plötzlich mit finſterer Stirne und ergriff Madge am Arme, als ob er ſie von der Zigeunerin wegziehen wollte.
„Ich werde keine Verbindungen zwiſchen Euch und meinem Weibe dulden,“ rief er aus.„Ihr habt geſagt, was Ihr zu ſagen hattet, und habt Eure Antwort erhalten. Ich will für Euch thun, was ich kann, Euch gewähren, was Ihr billiger⸗ weiſe für Euch ſelbſt verlangen könntet.“ Und mit Nachdruck ſetzte er hinzu:„Aber Euer Sohn muß ſein Schickſal hinnehmen. — Treſillian, wir ſind bereit.“
„Lady, Sie würden beſſer thun, mich zu hören,“ bat die Zigeunerin.
Dieſe Bitte wog leicht genug bei Madge Penwyn. Sie beobachtete das Geſicht ihres Gatten, und dieſes hatte einen Ausdruck, der allein ihre Entſcheidung beeinflußte.
„Ich will Euch hören,“ ſagte ſie zu der Zigeunerin. „Churchill, erſuche Treſillian, einige Minuten zu warten.“
„Madge, woran denkſt Du?“ rief ihr Gatte.„Sie kann nichts zu ſagen haben, das nicht bereits geſagt worden iſt. Sie hat ihre Antwort.“
„Ich will ſie hören, Churchill, und allein⸗“ Das„Ich will“ war von einem gebieteriſchen Blick begleitet, wie er in Madge Penwyn's Geſicht nicht oft zu ſehen war— und wie er von ihrem Gatten nie zuvor geſehen worden war.
„Wie Du willſt,“ antwortete er ſehr ruhig und machte Platz für ſie, damit ſie in das anſtoßende Zimmer gelangen könne.
Rebekka folgte und ſchloß die Thür zwiſchen den zwei Zimmern. Es entſtand eine ſchwache Bewegung, und dann ging das Geſumſe der kleinen Menge wieder in Schweigen über. Jedes Ange richtete ſich nach der geſchloſſenen Thür; Jedermann war neugierig, zu wiſſen, was dieſe beiden, ſo ver⸗ ſchiedenen Frauen einander zu ſagen hatten.
Es entſtand eine Pauſe von beiläufig zehn Minuten. Churchill ſaß bei dem Gerichtstiſche, ſchweigend und nachdenk⸗ lich. Mr. Treſillian beſchäftigte ſich unruhig mit den Schreib⸗ materialien und gähnte ein⸗ oder zweimal. Der Inquiſit ſtand auf ſeinem Platze, mürriſch und finſter, und er ſah aus, als ob er das letzte Individuum wäre, welches die Vorgänge des Tages betrafen.
Endlich öffnete ſich die Thür und Madge erſchien. Sie
kam langſam in das Zimmer— langſam, und wie eine Per⸗
ſon, die nur mit großer Anſtrengung zu gehen vermag. Das Geſicht, welches ſie Churchill zuwendete, war ſo bleich und verſtört, daß ſie ausſah wie Jemand, der ſich eben von einer ſchweren Krankheit erhoben. Churchill erhob ſich, um zu ihr zu gehen, aber zögernd, als ob er zweifle, ob er ſich ihr nähern dürfe— faſt, als ob ſie einander fremd geweſen wären.
„Churchill,“ ſagte ſie ſchwach, indem ſie ihn mit ſchmerz⸗ lichem Ausdrucke anſah— mit einem Blicke, in dem die tiefſte Liebe und Verzweiflung gemiſcht waren. Auf dieſen Blick, auf dieſes Wort ging er zu ihr, legte ſeinen Arm um ſie und führte ſie ſanft zu ihrem Sitze zurück.
„Du mußt dieſen Mann freimachen, Churchill,“ flüſterte ſie ſchwach.„Du mußt.“
Er neigte ſein Haupt, aber er ſprach kein Wort, nur preßte er ihre Hand mit einem Griffe, ſtark wie der Todes⸗


