Ausgabe 
1.10.1918
Seite
3
 
Einzelbild herunterladen

irajavcff-3etfung.

ein zweites kam dann heraus und sagte nur: .Unter den Sabeln und Husen der französischen Kavallerie war's besser als da drin," und aus voller

Brust: .Gottlob!"

Als eine Stunde darauf ein Zug mit den Ober­beamten von der Hauptstation anlangte und die Nachricht brachte, daß nur ein leichter Defekt den Zug, dem wir zur Hilfe ausgefahren waren, den wir aber in der eigenen Not fast ganz vergessen hatten, genötigt, habe, das Hilfssignal zu geben, fanden die Herren Gebhard als den unerschrockensten der Leute beim Abräumen des Trümwerberges. Wie wir aber die Bestien von Wagentrümmern mit Ketten und Lokomotiven herab und beiseite rissen und vierteilten, wie wir ste mit Winden und Hebe­bäumen stürzten und auseinanderspalteten, um die Bahn so schnell als möglich freizumachen das

war jetzt eine Lust!

Mittags rollten die Züge zwischen den Trüm­merhaufen hindurch und an der toten Lokomotive vorbei über glatte Bahn, und aus 'allen Fenstern derselben'schauten die Passagiere mit entsetzten Ge­sichtern auf das, Ewas auf der Eisenbahn passieren kann!" . '

Abends aber erzählte ich dann Gebhards Töch- terchen, meinem Liebling, wie nahe daran sie ge­wesen sei, eine Waise zu werden. Das Kind schüt­telte aber den blonden Kops und sagte lächelnd: .Du siehst ja aber, Onkel Inspektor, daß der liebe Gott es nicht gewollt hat!'' .

9

per Kampf geht nicht um geographische Namen.

Hermann Steqemann, der bekannte schweizer Militärkritiker, dessen großangelegte .Geschichte des Weltkrieges" sich auch in Deutschland eines berech­tigten Ansehens erfreut und dem Verfasser viele Leser gewonnen hat, schreibt im Berner .Bund" vom 25. August: Die Offensive der Verbandsmächte ist in ihre zweite Phase getreten. Aus der Stoß­offensive ist eine Druckoffensive geworden, die sich in schweren Schlachten zäh, blutig, krastverzehrend nach Nordosten wälzt. Man kann die Kennzeichnung der Fochschen Angriffe als Druckoffensive vom 18. August datieren, also aus den zweiten Monat seiner strategischen Gegenoperation anwenden, die am 18. Juli zwischen Marne und Aisne begonnen hat und heute die ganze Frontmitte der Westfront erfaßt hat. Von Soissons bis Arras greifen die Franzosen, Engländer und Amerikaner in großen Verbänden und mit der ganzen Fülle ihres technischen Rüst­zeuges an, während.an den Flügeln Teilangriffe stattfinden, die im Tal der Lys besonders heftig lind und dort wohl auch operativer Absichten und Bedeutung nicht entbehren.

Die Schlacht schleppt sich weiter. Die Verbands­mächte setzen sie nicht nur auf dem Gebiet, sonderu auch im Geist der ersten Sommeschlacht fort, die Deutschen verzichten daraus, sie in einen bestimmten geographischen Rahmen zu spannen, und weichen unter dem Druck des Gegners in elastischer, dem Bewegungskrieg angenäherter Verteidigung aus die Zonenbesestigungen, die sich von Lille über Cambrai und St. Quentin nach Laon erstrecken. Erst dort kann unter Umständen ein neuer operativer Gedanke ausblitzen.

In ähnlicher Weise schreibt ein Franzose. Unsere Soldaten rücken nach Noyon und Lassigny vor, Namen, die bei uns einen unvergleichlichen Klang haben, schreibt Lson Bailby im Pariser .Jntran- sigeant". Aber im Grunde genommen sind es doch nur Namen. Ob die Deutschen diese verwüsteten Städte besitzen oder nicht, ist nur dann von Be­deutung, wenn sie den Besitz einer Straße, einer Eisenbahn oder einer strategisch bedeutsamen Höhe darstellen, sonst sind weder Noyon noch Lassigny das Blut eines Franzosen wert. Deshalb darf man das Rundschreiben Ludendorffs nicht ins Lächerliche ziehen, das seinen Armeebefehlshabern empfiehlt, nicht der geographischen Eigenliebe nach­zugeben, die die Verteidigung oder Wiedereinnahme -eines Gebietes zu teuer bezahlen läßt. Seien wir

aufrichtig auch wir haben die Richtigkeit dieses Gedankens ein wenig spät verstanden. Wie viele Monate lang ist unser schönes Heer von 1914 un­nützerweise von Führern aufgebraucht worden, die noch ganz von rhrem persönlichen Ruhmesscheine durchdrungen waren, gegen unnütze Ziele, die nicht mehr wert waren als eine Sandburg, um die sich die Kinder am Strande streiten. Man schlägt sich nicht um den Ruhm, Ludendorff hat Recht. Man schlägt sich, um den Gegner zu besiegen.

Der Kampf gegen den deutschen Heist.

Der Sonntags-Nummer der .Krieger-Zeitung" des Kyffhäuser-Bundes (Deutscher Kriegerbund) ent­nehmen wir die folgenden Ausführungen:

Der Feind hat neben dem Kamps gegen die deutschen Waffen den Kampf gegen den deutschen Geist ausgenommen. Diese Warnung an Heer und Heimat stellte der Generalfeldmarschall v. Hinden- burg an die Spitze seiner Kundgebung. Der Glaube des deutschen Volkes an die eigene, in vier Kriegs­jahren erwiesene Krast soll durch die systematische Propaganda feindlicher Agenten und Flugblätter untergraben werden, und Kleinmut in den eigenen Reihen kommt der Wirkung des feindlichen Giftes entgegen. Warum? Weil wir im Westen, frei­willig dem Gegner ausweichend, erobertes Gebiet Preisgaben? Ist das Anlaß zum Zweifel an Krast und Sieg? Wie ist denn die Lage? Wir bewegen uns auf Feindesboden, und es ist gleichgültig, wo wir aus ihm unsere Schlachten schlagen, wenn wir den Gegner nur von den Fluren der Heimat fern­halten und ihn schwächen, wo und soviel wir können. Das haben wir vier Jahre lang getan und tun es noch. Wir haben Rußland und Ru­mänien zum Frieden gezwungen, der Balkan ist fest in unserer Hand, in Italien stehen unsere Ver­bündeten weit drin im feindlichen Lande. Zur See muß England, das sich so gern das meerbeherr­schende nennen ließ. Tag um Tag die unverändert erfolgreichen Angriffe unserer U-Boote gegen seine Handelsflotte aushallen. Also wie liegen denn die Dinge? Die Sieger sind wir! Und daß wir's bleiben, dem muß jetzt all unsere Anstrengung gelten. Nicht nur draußen an der Front, sondern auch drinnen in der Heimat, und drinnen wie draußen in der Einstellung unseres Geistes, denn von ihr wird es abhängen, daß wir die Sieger bleiben. Das weiß der Gegner. Darum seine Offensive gegen den deutschen Geist. Aber im deutschen Volke wissen's anscheinend noch nicht alle. Es muß die Gefahr erkennen, in die es gerät, wenn es jetzt Nerven und Willen und seelische Kraft verliert. Niemand darf sich darüber einer Täuschung hingeben, daß die Gegner Deutschlands Vernichtung wollen. Zu den Stimmen aus Eng­land und Frankreich, die diese Absicht seit vier Jahren unverhüllt zur Schau tragen, gesellen sich in jüngster Zeit immer mehr auch solche aus Amerika. An die Stelle der humanitätstriefenden Phrasen Wilsons ist der brutale Wille der Gewalt getreten. Deutschland kämpft um sein Bestehen als Staat und freies Volk! Und darum muß Volk und Heer in dem einen einig sein: Es gibt für uns

niemals ein: Hände hoch! Denn damit, aber auch nur damit, wären wir in der Tat wehrlos und verloren.

Das zum Bewußtsein aller, und dieses Bewußt­sein zum eisernen, unerschütterlichen Kampfwillen zu machen, das ist jetzt die Forderung der Stunde.

Immer wieder tauchen in der Tagespresse Nach­richten auf, daß da und dort Kriegsbeschädigte als Hausierer ihr Brot verdienen müssen, daß die armen Leute, die sich oft mit dem Gehen hart tun, von Haus zu Haus ziehen müssen, um pfennigweise ihr Brot zu suchen. Was ist da Wahres daran? Soll wirklich der Drehorgelinvalide unseligen Angedenkens wieder in neuer Auflage erscheinen? Die Allge­meinheit, wie auch die Kriegsbeschädigten stellen

beunruhigt diese Frage; beide haben ein Recht auf eine eindeutige klipp und klare Antwort.

- Wenn heutzutage ein Kriegsbeschädigter behaup­ten wolle, er könne sich sein Brot nicht anders verdienen als durch Hausieren, so ist das offenbar eine völlige Verkennung der Sachlage; es ist nicht richtig, daß der Kriegsbeschädigte lediglich seiner Verwundung wegen gezwungen ist, gerade diesen Beruf zu ergreifen. Wir unterscheiden aber dabei wohlgemerkt zwischen .Hausierer" und Hausierer; dem Stande als solchem soll keineswegs zu nahe getreten werden, die Standesangehörigen wissen aber nur zu gut, wie sehr sie selbst unter der Kon­kurrenz jener.Berufsgenossen" zu leiden haben, die irgend ein körperliches Gebrechen recht sichtbar zur Schau tragen (so z. B. wenn einer, der den Fuß oder ein Bein verloren hat, absichtlich mit Krücken geht und ablehnt, ein Ersatzglied zu tragen^und die das Gewerbe lediglich deshalb betreiben, um dadurch mit dem Schein eines geschäftlichen Angebors an wehr Menschen heranzukommen. Der Zweck ist zu durchsichtig, als daß er nicht sofort von jedem an­ständig denkenden Menschen erkannt und mit ehrlicher Entrüstung abgewiesen würde: es handelt sich um jene üble Form von Bettelei, gegen die man in den wenigsten Fällen einschreiten kann, weil eben der Betreffende einen Wandergewerbeschein in der Tasche hat, mit dem er sich gegen Belästigung durch die Polizei deckt. Es ist dies eines der trübsten Kapitel auf dem Gebiet des öffent'ichen Wohlfahrts­wesens, gegen das man wohl stets erfolglos an- kämpsen wrrd, iyeil die breite Allgemeinheit diese Art der Bettelei zumeist begünstigt und nicht selten das Einschreiten behördlicher Stellen hindert.

Wie steht . nun drr aufrecht denkende Krieas- beschädigte zu einem derartigen Beginnen? Er lehnt es rundweg ab und das mit gutem Recht, denn: fürs erste widerstrebt es jedem rechtlich den­kenden Menschen, von seinen Mitmenschen eine Gefälligkeit zu verlangen, ihr Mitleid in Anspruch zu nehmen, ohne eine gleichwertige Gegenleistung zu bieten; fürs zweite sträubt sich das soldatische Ehrgefühl dagegen und fürs dritte hat der Kriegs­beschädigte für den Fall, daß er seinen Beruf wirklich nicht mehr ausüben kann, einen Anspruch auf regelrechte Versorgung und Fürsorge. Den Anspruch auf Mitleid, das man durch ein paar Pfennige ablöst, lehnt jeder Kriegsbeschädigte mit Fug und Recht ab!

Mitleid braucht der Kriegsbeschädigte um so weniger, als durch die großzügig organisierte Kriegs- beschädigtensürsorge doch eine Gewähr dafür geboten ist, daß wohl jeder willige und arbeitssreudige Kriegsbeschädigte eine Arbeitsmöglichkeit finden kann, die seinen Verhältnissen entspricht und ihm sein Fortkommen sichert. Wenn es heute gelingt, sogar Blinde, die man doch allgemein zu den Aermsten, Härtestbetroffenen unter den Kriegsbeschädigten zählt, in lohnenden Arbeitsverhältnissen in der Industrie und im Gewerbe unterzubringen, so ist die Angabe, daß es dem Betreffenden trotz vielfacher Bemühungen nicht gelungen ist, eine geregelte Tätigkeit aufzufinden, doch ziemlich unglaubwürdig. Eines steht zweifel­los fest: Jetzt, wo alle Kräfte, auch die früher un­brauchbaren. herangezogen werden, um den geregelten Gang des Volkslebens aufrecht erhalten zu können, ist es gänzlich ausgeschlossen, daß man für eine einigermaßen arbeitswillige Krast kein geeignetes Betätigungsfeld ausfindig machen kann. Man darf ruhig sagen, daß derartige Behauptungen beweisen, daß der Betreffende kein allzugroßer Freund einer geregelten Tätigkeit ist, und daß er es vorzieht, als .Hausierer" von der Hand in den Mund zu leben.

Der systematische Ausbau der Fürsorge ermög­licht es, auch Schwerstbeschädigten eine gesicherte Zukunft zu verschaffen; die Fälle, in denen Ampu­tierte in -Dauerstellungen untergebracht wurden, zählen nach Tausenden. Freilich ist dabei notwendig, daß der Kriegsbeschädigte sich an die Erfordernisse der Stellen anpaßt, daß er willig die anfallenden Arbeiten übernimmt und sie nach bestem Können durchführt. Ehrliche Arbeit findet immer ihr Brot und wo Der Wille zur Arbeit vorhanden ist, braucht einem vor der Not nicht bange zu sein! Es ist das auch ein Punkt, der vielfach übersehen wird. Derartige Berufstätigkeit als Hausierer wird nicht selten als Verlegenheits- oder Gelegenheits-