Dszavekk-^eikung.
aus dem Bachtale, nicht dichter und nicht breiter alS der Reitschleier einer Dame, kreuzte den Schatten, kaum kniehoch auf dem Geleise liegend.
3<ir hatte das eben aus der Ferne ohne Arg gesehen, als ich in eine jener momentanen Somno- lenzen fiel. die wir Eisenbahnpraktiker wohl an uns kennen und die oft selbst den aus der polternden, rüttelnden Maschine Stehenden ganz unwiderstehlich packen, wenn eine andauernde Gesahrspannuna sich in relative Sicherheit löst.
3ch träumte — nur eine Sekunde lang — daß Gebhard seinem im Garten Blumen begießen- den Töchterchen riefe — fahre auf — höre ihn schreien — sehe ihn. oben auf dem Wagen stehend, wild den Arm im Kreis schleudern --da — blitzschnell durchzuckte mich der zweite Gedanke — da ö>ueite Unglück — ein furchtbarer Stoß sch.eudert uns nach vorne — Krachen, Knirschen — das ganze - Geleise ist von blauen, sprühenden Flammen beleuchtet — im Stürzen noch sehe ich. wie die Maschine sich hoch aufbäumt, daß man ihr fast m den Schornstein blicken kann — dann sich hinten hoch emporhebt, einen Strom glühender Lava aus dem Feuerkasten gießend — sehe, wie die Kohle aus dem Tender mit einer dicken, weißen Wassermasse und großen Quadern gemischt, wie von einer Puloermine geschleudert, in die Luft fliegt - wie unser Wagen sich neigt und uns ausschüttet wie einen Sack voll junger Katzen, und dabei dachte ich vollkommen klar: .Ja. ja. es ist aus!' Die fliegenden Quadern waren vom Parapet der Brücke_
je§t geljt es in die Tiefe — dann sprühen mir Funken aus den Augen und alles ist vorbei — mir war, ich ertränke; kalt rings um mich und ich sänke — sänke immer tiefer lange — lange — dann aber hörte ich jemanden sagen: .Nein, der Inspektor ist nicht tot, geben Sie ihm noch einen
.® u & fa en — und gleich darauf konnte
Aufschlägen und sah den Feuermann Hellwald mit einer Fackel und den Arbeiter Oehme
Tendergießkanne über mich gebeugt, letzteren ,m Begriffe, mir eine neue kalte Dusche zu geben, ^m Nu war ich ganz bei Besinnung und auf den ^incnkatznaß, mit dröhnendem Kopfe schüttelte ich mich, probierend, ob alle Glieder ganz. Hier und da brannte und schmerzte es — wer konnte fetzt daran denken! Ich mochte eine Viertel- oder halbe Stunde bewußtlos gelegen haben. Es war pechstnster, das Gewitter war über den Mond herausgekommen: nur zwei von unseren Fackeln brannten noch Bei ihrem düstern Licht und den Blitzen sah ich südwärts eine dunkle Masse über-
emandergestürzler Wagen liegen — nordwärts lag
dre Maschine auf der Seite und brauste/ sterbend, Dampf und Wasser aus.
.Wir sind mir blauem Auge daoongekommcn, Herr Inspektor,' sagte Hellwald, .ich glaube, es ist niemand tot oder schwer verletzt. Einige haben fremch tüchtige Knuste bekommen. Der Führer
drin im SmtionLhause, die Bahnwärtersfrau
~ dort sitzen auch ein paar an der Böschung, denen nicht gut zu Mute ist.
Keine Antwort — nur Kopfschütteln. . Kerls. -
rufe ich, hart von Schmerz und Schreck gepackt,
.wenn der Beste von uns auch der einzige Verun
gluckte wäre. Kommt, helft suchen l — Fackeln und Laternen her!'
. Die Lichter wimmelten in die Gebüsche, ob er vielleicht dorthin geschleudert fei. Ich umschritt mit gackeln den Trümmerhaufen. Ein wildes Chaos dre.fach übereinander, durcheinander, ineinander gestobener Wracks von Fuhrwerken. Doch oben auf allen fast unversehrt, senkrecht aufgebäumt ragte ein schwerer, sechSräderiger Wagen, zwanzig Fuß
vom Boden emporgehoben; darunter ein Berg von Splittern, Bruchstücken. Fetzen. Die Gestelle des
.Habt Ihr eine Idee, wie die Teufelei gekom-
mcn ist. fragte ich, ihm die Fackel aus der Hand
nehmend, um den ersten Blick auf die Unglückrstätte zu tun. '
.Freilich, Herr Inspektor - die Bahnarbeiter hatten einkn ckeinen Bahnmeisterwagen im Geleise stehen lassen, und die Bestie mußte doch gerade in den drei Handbreit Schatten und Nebel auf der Station stehen - da sind wir draufgefahren - ausgegceist —die Maschine überschlug sich fast, alles
gmg drüber und drunter — auch haben wir den steinernen Perron mitgenommen. Freilich hundert Schrut werter hinten auf der Brücke — da sprächen wir nicht mehr miteinander!'
Ich stellte mich aus ein Bruchstück des Perrons und ruf laut meine Leute, einen nach dem andern beim Namen, die ich kannte wie das A B-C. Von allen bekam ich aus Ferne und Nähe aus der Dunkelheit her Antwort, wenn auch von manchem ^^^verbissen. — .Ja, mein Gott! wo ist denn Gebhard? Hilft er jemandem?' Keine Antwort — Aber überall gegenseitiges Fragen. .Ja, wo ist er denn < Hast du — du — du ihn nicht gesehen?'
einen Fuhrwerks steckten unter dem Kasten des andern, ein drittes war. zerspaltend, aufreibend, m den Kasten des vierten halb hineingekrochen. Dies lag auf der Seite, jenes kehrte die Räder gen Himmel — schwere Träger — lange Eisen- fchienen starrten, losgerissen, verbogen, wie Spieße allenthalben au« den wüsten Massen hervor — Achsen, mannsschenkelstark, zerknickt — Räder, an U-förmig zusammengedrückten Stahlachsen, lagen "^Ergestreut, bis über den Bahnkörper hinausge- geschleudert — ein grandios-grauenhaftes Monument geMaktlgen Kcäftekampfes.
In dem Trümmerchaos Knackte und prasselte es zuweilen noch unheimlich, wenn ein Balken oder Sparren unter der Wucht seiner wildaufge- türmten Last brach; dann und wann stürzte auch em Stück Wagenrad oder eine aus den Angeln gerissene Tür oder eine Tragfeder oder ein Achsenlager von der Höhe des Scheiterberges herab _
wn wagten uns bis unter die überhängenden Massen, wir steckten die Köpfe tief zwischen klaffende Balken und lose liegende, schwere Eisenmassen. _
o eine Spur des Braven oder seiner
Leiche! Zuweilen rief ich auch, mein eigenes Be- glnnen verspottend, seinen Namen in die Splitter, und Trümmerklüfte hinein. Halt! - was war das? - Em Wimmern! Täuschung! Unmöglich!
Nein, wahrhaftig, es wimmert — mitten im Trümmerverge. - Heiliger Gott! Gebhard steckt —
Ü"* Es-tzlichen Masse. .Stillei Ruhe! Ruhe! —donnerte ich unter die arbeitenden
und suchenden Leute hinaus, die schon die Werkzeuge zur unsäglich mühsamen Arbeit des Abtragens dieses Berges von fast unlöslich ineinander verknoteten. zerbrochenen Wagengliedern herbeischleppten.
— .Gebhard lebt! Er liegt unter dem Wagen-
Haufen !* Totenstill wurde es, man hörte die Fackeln
knistern und die ersten Tropfen des heranziehenden
Gewitters auf Holz und Metall der Trümmer schlagen.
schrie ich. tief zwischen
das Gebälk kriechend.
.Ich lebe! Ich glaube, daß ich unverletzt bin,
aber ich kann mich nicht rühren,' antwortete eine leise Stimme.
-Warum nicht?' schrie ich wieder.
m 'Weil ich eingeklemmt bin zwischen Boden und Wand des zerdrückten Packwagens, auf dem ich gesessen habe.'
Wir erstarrten zu Eis und sahen uns mit Kasernen Blicken an. Wie sollten wir den Unglücklichen da herausbekommen? Jede Veränderung der Lage der Trümmer, jeder-Ruck, den wir denn Abräumen derselben taten, konnte ihn ja zermalmen. Da Hub die Stimme drinnen matt, aber klar und deutlich wieder an:
»Herr Inspektor, rühren Sie nicht an die zerbrochenen Wagen, solange es dunkel ist. Sie kriegen mich sonst nicht lebendig heraus. Wenn der Balken über mir zwei Zoll herabrückt, bin ich tot.'
Mir brach der Angstschweiß aus. Da Hub sie wieder an:
.Morgen früh, wenn's hell wird und ich noch versuchen Sie's vorsichtig, mich herauözuholen. Glückt s nicht, ist's gewiß nicht Ihre Schuld — bringen Sie dann — meinen Kindern —'
Er schwieg — oder man hörte nichts mehr, denn das Gewitter brach mit Donner und Blitz los Der Regen strömte unablässig hernieder, der Boden wurde weich, manche Stützung gab nach. Anurrend walzte sich manches große Wagenwrack
um ewige Zoll, niemand von uns achtete dessen Wir stützten, steiften und festigten, schweißtriefend, als sei der Trümmerhaufen der Tempel Salomonis Zuweilen schrie ich hinein. Man hörte nichts — « war wohl tot. Ich saß auf einem zerbrochenen Rade und weinte wie ein Kind. Es dämmerte — aber noch wagten wir uns nicht an die Arbeit Die Leute alle waren ernst und blaß ; jeder fühlte, daß der geringsten Unvorsichtigkeit, jeder Ungeschicklichkeit vielleicht em uns allen wertes Leben hing Um halb vier Uhr riß das Gewölk im Osten und die ausgehende Sommersonne schien bis ins Innerste des Trümmerberges hinein. Ich umschritt ihn mit dem Lokomotivführer, der sich erholt hatte, berat.-.d welche der miteinander verknoteten Massen war Zuerst hmabzustürzen oder herauszuziehen, daß sie nicht andere mit sich riß und die Lage des Ganzen sich zum Verderben des vielleicht doch noch Leben- den änderte, ihn zerquetschte. Wo sollten wir stützen und festigen, um ihn zu schützen? Wo durften wir wagen, zu bewegen? Wo lag er überhaupt?
Plötzlich klang es vernehmlich wieder mitten aus
3n"eftor<* mmern : ' 5etr 3 n fP ett0C - S-rr
.Gebhard, lieber Gebhard I Ja, was wollen Sie!'
Und dann weiter in mühsam abgebrochenen Sätzen: .Die Sonne scheint jetzt herein zu mir; uh sehe deutlich, wie die Trümmer liegen. — Ich mn — dicht an den Träger des Güterwagens 1020 gedrückt. Können Sie — das Gestell, das darüber
und zu dem Blechdache des öfter- reichlichen Hüttelwagens kommen — das mich fast erstickt — ohne daß mich etwas erdrückt — so wäre es wohl möglich, daß ich hinauskliechen könnte.'
hinel^^ ^ ben ° ^su"d, Gebhard?' fragte ich'
»Ich rveiß es nicht, meine Beine sind ganz starr, der Druck hat über Nacht sehr zugenommen.'
Lautlos, ernst und besonnen gingen wir mit unseren besten Winden und Werkzeugen an die Arbeit. Gottlob! Da ragte ja der Puffer de8 Wagens 1020 aus den Trümmern. Er wurde solid gespreizt, gestützt und festgeknebelt. J-tzt galt es, zu dem darauf ruhenden Gestell zu kommen. Bel jedem Stück Holz, jedem Splitter, den wir entfernten, jedem Bolzen, den wir abschraubten, wurde der ganze Trümmerbau besichtigt, geprüft, gefestigt. Wir feilten starke Barren und Stangen, sägten mühselig im engsten Raume dicke Balken und Bohlen durch, bohrten festgeklemmte Stücks heraus, hoben mit den sanftest wirkenden Schraubenwinden — der Schweiß rieselte uns von den Gliedern — und dennoch krachte und knackte es oft. in dem Teuselsgewirre, daß wir meinten, jetzt müßten wir den Todesschrei hören. Der liebe Gott war aber mit uns — gerade als die Sonne gegen zehn Uhr glühend herabzubrennen begann, gelang es mir. die erste Schraubenwinde unter das verfluchte Blechdach des Hüttelwagens zu bringen.
Kaum hatte ich die Kurbel drei- oder viermal gedreht und gesehen, daß es sich knisternd hob. 'lang ein tiefes .Gottlob!' aus dem Trümmerhaufen heraus und zugleich ein freieres, lauteres: .Halt! Jetzt nicht weiter an dem Dache, Herr Inspektor, stützen Sie erst die Achse links von Ihnen, sie kommt sonst herab' — ' es geschah — .jetzt schneiden Sie die Stütze vor Ihnen durch — spreizen Sie das Gestell oben etwas sicherer — und jetzt heben Sie mit der Schraubenwinde in Gottes Namen wieder an. - Halt! jetzt genug oben! Ich bin mit dem Oberkörper frei — jetzt lassen Sie unten noch etwas anheben — aber um Gottes Willen vorsichtig, sonst ist's im letzten Augenblicke noch aus mit mir!'
Plötzlich rappelte und rührte es sich in den Trümmern und — unter dem Blechdach des ver- - dämmten Hüttelwagens kroch unser Gebhard eilends heraus auf allen vieren, mit entsetzten Blicken hinter sich- schauend, bis er aus dem Bereiche deS furchtbaren Trümmerberges war — dann ließ er sich flach auf das Gesicht ins naffe Gras fallen und der Körper des starken Mannes schütterte vor Schluchzen — durch das hindurch man nur die Namen seiner Kinder hörte. Dann aber stand er fest auf, reichte mir und dem Lokomotivführer, dann allen denen, die blaß und froh umherstanden, die Hand, ging ins Haus, trank ein Glas Wein und


