Ausgabe 
1.10.1918
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Oktober 1918.

Ausruf!

Es wird das Jahr stark und scharf hergehn. Aber man muß die Ohren steif halten, und jeder, der Ehre und Liebe fürs Vaterland hat, muß alles daran fetzen." Dieses Wort Friedrich des Großen müssen wir unS mehr denn je vor Augen halten. Ernst und schwer ist die Zeit, aber wei­terkämpfen uvd wirken müssen wir mit ollen Kräften biS zum ehrenvollen Ende. Mit voller Wucht stürmen die Feinde immer aufs neue gegen unsere Front an, doch stets ohne die gewollten Erfolge. Angesichts des unübertrefflichen Helden­tums draußen sind aber der Daheimgebliebe«cn Kriegsleiden und Entbehrungen gering. An alles dies müssen wir denken, wenn jetzt das Vater­land zur neunten Kriegsanleihe ruft. Es geht ums Ganze, um Heimat und Herd, um Sein oder Nichtsein unseres Vaterlandes. Daher muß jeder

Kriegsanleihe zeichnen!

ßyronik.

Nach Durchführung unseres Rückzuges im Westen bis zur alten Siegfriedstellung ist den Feinden weiterer Erfolg bei ihren Angriffen versagt geblieben. Vergebens stürmen Engländer, Franzosen und Amerikaner gegen diese neuen Stellungen an. Besonders heftig war der Angriff der Eng­länder und Franzosen gegen St. Quentin. Sicherlich stehen unseren Truppen an der Westfront in der nächsten Zeit noch härteste Kämpfe bevor. Wir können aber mit Sicher­heit hoffen, daß alle weiteren Bemühungen der Feinde, einen Durchbruch zu erzwingen, an der Standhaftigkeit unserer Truppen und an unseren hervorragenden Sicllungrn schei­tern werden. Größere Erfolge konnten unsere Feinde bei den Offensiven gegen die Türken in Palästina und die Bulgaren in Mazedonien ausweisen. Doch auch hier besteht die Hoffnung,' daß das Beziehen neuer Stellungen weiterem Vordringen halt gebieten wird.

Das wichtigste Ereignis in den letzten Wochen war der Friedensschritt des österreich-ungarischen Ministers des Aus' wärtigen Grafen Burian, der in einer Note die krieg- führenden Mächte aufforderte, eine Konferenz in einem neu­tralen Lande zu beschicken, in der eine vertrauliche und un­verbindliche Aussprache über die eventuelle Aufnahme von Friedensverhandlungen erfolgen sollte. Wenn dieser Schritt auch ohne Wissen der anderen Verbündeten geschehen war, io hat doch Deutschland, wie auch die Türkei und Bulgarien dem österreichischen Minister ihre vollste Zustimmung zu teil werden lassen und damit wieder aufs neu- bewiesen, daß sie alle jederzeit bereit sind, einen ehrenvollen Frieden der Verständigung zu schließen. Durch die bedeutenden Reden von Tr. S o lf und Vizekanzler von Payer war diese Ansicht der deutschen Regierung auch schon vorher kund getan worden. Wie unser Friedensangebot

vom Dezember 1916, so wurde auch dieser neue Versuch Oesterreich-Ungarns, einen baldigen Frieden herbeizuführen, von der ganzen Entente in beleidigendster Weise.zurückge­wiesen. Am 14. September hatte Graf Burian seine Note abgcsandt, am 19. September bereits hatte W ils on die ablehnende Antwort übermittelt, und nur wenige Tage später lehnten Balfour und Clemenceau diesen Frie­densschritt in einer Weise ab, der nur zu deutlich den Ver­nichtungswillen der Entente gegenüber Deutschland klarlegte. So bleibt uns also nichts übrig, als diesen Verteidigungs­krieg so lange weiterzuführen, bis die Feinde von der Aus­sichtslosigkeit. Deutschland zu besiegen, überzeugt sind. Dazu wird das Resultat der neuen Kriegsanleihe sicherlich auch sein Teil beitragen, denn jetzt, wo es um Ehre und Existenz des Vaterlandes geht, wird jeder das Seine tun, um ihr zu einem vollen Erfolg zu verhelfen.

Zur neunten Kriegsanleihe.

Inwieweit wir auf militärischem Gebiet seit der achten Kriegsanleihe einem siegreichen Frie­densschluß näher gekommen sind, darüber will ich mir selbst kein Urteil anmaßen. Ich verlasse mich in dieser Hinsicht vollkommen auf die ruhige und feste Zuversicht unserer Obersten Heeresleitung, welche uns während mehr als vierjähriger Kriegs­dauer noch niemals getäuscht hat. Und wenn heute Hindenburg erklärt: .Wir werden es schon

schaffen,' so genügt mir das.

In einer anderen Hinsicht aber hat sich, wie mir scheint, unsere Lage während des verflossenen Sommers ganz durchschlagend verändert: Während es bei uns vor sechs Monaten noch weite Kreise gab, welche wohl aufrichtig an die Möglichkeit eines annehmbaren Verständigungsfriedens glaubten, ha­ben seitdem unsere Feinde, wohl in der Wut über die Vergeblichkeit all ihrer riesenhaften Anstren­gungen und Opfer, ihre wahren Kriegsziele d. h. ihren unbedingten Vernichtungswillen gegen­über Deutschland mit einer Deutlichkeit er­klärt, welche nichts mehr zu wünschen übrig läßt. Ja! nicht nur die Zerschlagung der politischen und militärischen Großmachtstellung Deutschlands, sondern nicht . minder seine völlige wirtschaft­liche, ja selbst kulturelle Vernichtung ist heute, mindestens für die führenden Staatsmänner der Entente, das offen erklärte Ziel dieses furchtbarsten aller Kriege der Weltgeschichte.

Ich frage: Kann es bei einer solchen offen­

kundig gewordenen Sachlage in unserem Vater­lande noch irgend einen Deutschen geben, der heute

nicht mindestens ebenso freudig wie vor hundert Jahren in unserem FreiheitSkawpf bereit wäre, auch sein letztes für die Rettung des Vaterlandes einzusetzen? Ganz abgesehen davon, daß wir es ja grade unter solchen Verhältnissen garnicht nutz­bringender anlegen können, als in einer noch dazu hoch verzinslichen und denkbar sicheren Kriegs­anleihe, welche dazu bestimmt ist, uns und unseren Kindern erst wieder eine gesicherte Zukunft zu schaffen.

Rein!'wer heute, angesichts des nunmehr von unseren Feinden unzweideutig erklärten Willens unserer völligen nationalen, wirtschaftlichen und kulturellen Vernichtung noch nicht oder nicht mehr bereit sein sollte, soviel Kriegsanleihe zu zeichnen, als sein Vermögen oder sein Kredit ihm dies nur irgend gestatten, der handelt nicht nur sehr kurz­sichtig, sondern er macht sich nach meiner Auf-' faffVng auch einer schweren Versündigung gegen sein Vaterland schuldig, dem er in ernstester Stunde den schuldigen Dienst verweigert.

v. Tr. Graf von Schwerin-Lowitz.

Eine Kalallroptie.

Aus dem Leben eines alten Eisenbahnbetriebsmannes.

- Von Mar Maria v. Weber.

(Schluß.)

Es klang säst wie ein Hurraruf und löste uns allen die Gemüter, das mächtige Pusten, Raffeln und Klappern, mit dem die Maschine jetzt wie ein Rennpferd, dem man die Zügel läßt, in ihren ge­strecktesten Galopp fiel. Zahllose Funken stoben aus dem Schornstein, und die Fackeln prasselten hellauf ich winkte Gebhard, der sich spähend emporgerichtet hatte. Mit diesem Fahrtempo muß­ten wir in zehn Minuten aus Station M. sein, wo unser wahrscheinlich Nachricht von dem Unfalls­zuge wartete.

Mitten in der geraden mondhellen Linie vor uns lag ein kleiner Haltepunkt, einem benachbarten Edelsitze zuliebe errichtet, wenig benützt, ohne Aus­weiche, mit einem niedrigen steinernen Perron zwischen den Geleisen. Gleich dahinter überspannt ein hoher Viadukt aus Quadern ein steiles Bach­tal. Der Schatten des kleinen Stationshauses streckte sich schwarz über die Schienen, und ein Nebelstreifen