Ausgabe 
15.6.1918
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Gießen.

Nr. 15.

15. 0uni 1918.

Khronik.

Am 27. Mai hat der dritte Teil der deutschen Offen­sive gegen Frankreich begonnen. Die Stellung der Franzosen am Damenweg zwischen Soissons und Reims, die von den Deutschen in freiwilligem Rückzug nach langen schweren Kämpfen den Franzosen im Herbste vorigen Jahres über­lassen worden war. wurde in überraschendem Ansturm ge­nommen. Abgekämpfte englische Divisionen waren in dieser Stellung. die als Ruhestellung galt, untergebracht worden. Vom Feinde wurde kein nennenswerter Widerstand geleistet, sodaß der deutsche Ansturm sofort weiter über die Talsenken der Aisne und der Vesle weitergeführt werden konnte. Schon am 28. Mai fiel Fismes mit einer ungeheuren Beute in unsere Hände. Am 28. Mai standen unsere Truppen bei Fd re en Tardenois und am 81. Mai war bereits durch den Stoß von Norden nach Süden die Marne er­reicht. die seit dem September 1914 außerhalb des deutschen Machtbereiches lag. Der Erfolg der Offensive machte sich alsbald auch an den Flügeln der deutschen Stellung geltend. Am 88. Mai fiel die französische Festung Soissons, früher schon waren di^ Forts, die Reims im Norden und Nordweften umgeben, in deutsche Hände gefallen und damit die deutsche L'nie hart an Reims herangetragen Die deutsche Offensive änderte nunmehr ihre nord-südliche Richtung in eine ost-w-stliche Richtung, indem die Linie zwischen Noyon und der Marne vorgetragen wurde. An der Marne wurde am 1. Juni Chateau Thierry erreicht und damit die deutsche Stellung nach Süden hin durch das Marnetal auf weite Strecken gesichert. Das von unseren Truppen besetzte Nordufer beherrscht vollkommen dos Südufer und damit ist die wichtigste französische Bahnlinie Parts-Nancy durch­schnitten und für die französischen Truppenverschiebungen unbrauchbar gemacht. Chüteau Thierry selbst ist von den Außenforts von Paris nicht ganz 65 km entfernt. Zwischen Noyon und Chateau Thierry wurde die Linie bis an den Wald von Fert6 Milon herangetragen. Am 5. Juni war dieser Teil der Offensive im Westen abgeschlossen. Er hat uns gegen 60'000 Gefangene und einen Geländegewinn in der Größe der hessischen Provinz Starkenbury, daneben große französische und englische Lagerstädte mit unüberseh­barer Beute eingebracht. Ter Geländegewinn ist umso wert­volle», als es sich dabei um weite Strecken vom ^rieg ver­schonter. gut bebauter Gebiete handelt. Am 8. Juni be­gann die Offensive von neuem in dem von Noyon nach Südwesten bis Montdidier anschließenden Abschnitt. Auch hier wurden Erfolge erzielt und bereits am ersten Tage 8000 Gefangene gemacht.

Unsere U-Boote haben inzwischen ihre Arbeit an der Südostküste der Vereinigten Staaten von Amerika ausge­nommen nnd nach amerikanischen Mitteilungen schon eine große Anzahl wertvoller amerikanischer Schiffe versenkt.

Nachdem am 25. Mai der Reichstagspräsident Kämpf gestorben war, fand am 8. Juni die Neuwahl des Prä- sidiums statt. Zum Präsidenten wurde d?r Zentrumsabge­ordnete F e h r e n b a ch, zum Vizepräsidenten der Sozialdemo­krat Scheide mann, der Fortschrittler Dove und der Nationalliberale Paasche gewählt.

Ins verschlossene Land?)

Von Legationssekretär Tr- v. Heutig.

Von Afghanistan wußten wir, als wir es be­traten, wenig mehr, als uns die spärlichen Zeichen der Karte erzählen konnten. Wir waren zwar auf ein Zusammentreffen mit der im allgemeinen fremdenseindlichen Bevölkerung vorbereitet, glaubten aber nicht an die Schauergeschichten, die ringS um die Grenzen erzählt wurden: Kosaken, denen die Pferde beim Tränken weggelaufen waren, sollten von den blutdürstigen Afghanen ohne Kopf zurück­geschickt worden sein, und dergleichen mehr. Wir wußten, das waren englische Märchen denn England hat ein Interesse daran, alle, die ihm mißliebig sind, vom Eintritt ins verschlossene Land abzuschrecken.

Dagegen erwarteten uns andere, ganz unvor­hergesehene Schwierigkeiten. Aus dec Karte waren einige Dörfer vermerkt. Sie hatten wir als Ziel­punkte unserer letzten Märsche gedacht. Schon die erste Wasserstelle indes, die wir nach Aussage des Führers unterwegs antreffen sollten, war vertrocknet. Unser aller bemächtigte sich eine starke Gereiztheit. Seit vier Tagen hatten wir nun schon wieder kein süßes Wasser gehabt; das Salzwasser von Mdzun aber hatte weder Tiere noch Menschen zu erquicken vermocht. Noch ties im Nachtdunkel gelangten wir dann an den Punkt, den auch unser Führer mit dem Namen der Karte bezeichnete. Es war aber weder ein Dorf noch eine Quelle, sondern nur eine Felsaussprengung, in der sich, mit ausgelauchtem Mist und einer üblen Kameljauche vermischt, vom Frühjahr her noch etwas salziges Wasser befand. Es war so schlecht, daß weder die Pferde noch die wenig verwöhnten Maultiere bei allem Durst es anzurühren wagten. Sie beschnupperten eS nur mißtrauisch. Unsere Futtervorräte hatten wir schon

*) Wir entnehmen die folgende Darstellung mit Erlaub­nis des Verlags einem der spannendsten und inhaltsreichsten Ullsteinschen Kriegsbücher .Meine Diplomaten­fahrt ins verschlossene Land/ Der Verfasser wurde vom Auswärtigen Amt zum Emir von Afghanistan entsandt, um während des Weltkriegs mit diesem unabhängigen mo­hammedanischen Herrscher in Mittelasien Beziehungen anzu­knüpfen. Die Diplomatenfahrt war von Erfolg gekrönt. Sie hat auf mühsamen Wegen durch die russischen und englischen Sperrkordons in der persischen Wüste und durch das unzugängliche Hochgebirasland Pamir in Montblanc- Höhe nach den Sandwüsten Chinas, dann in kühner Aben­teurerfahrt über Japan nach Amerika geführt.

tags zuvor gänzlich verausgabt. Die Anstrengungen der letzten Zeit, verbunden mit Dysenterie und anderen Krankheitsfolgen, hatten auch die meisten von uns so geschwächt, daß wir kaum glaubten, weiterzukommen. Dazu herrschte eine Hitze, wie wir sie nur an einigen Tagen in der Kewir er­lebt hatten. Das Thermometer stieg im Schatten auf 62 Grad Celsius, eine bei den chemischen Wir­kungen der'Hochlandssonne gefährliche Temperatur. Das Herz pumpte mühsam. Röhr und ich versuchten uns dadurch lebendig zu halten, daß wir uns die oben beschriebene Lake über die Kleider gossen; die schnelle Verdunstung brachte uns ein wenig Kühlung.

Große, und kleine Sorgen bestürmten mich. Wie würden nach dieses Tages Sonnenbrand die Tiere, die wir frei in die Wüste hatten treiben müssen, einen weiteren Marsch ertragen? Einen meiner Leute, der ungehorsam gewesen war und nicht das ihm zugewiesene Tier genommen hatte, hatte ich, um ihn zu strafen, zu Fuß laufen lassen. Eigensinnig war er in der Nacht zurückgeblieben und immer noch nicht eingetroffen. Schließlich lief ich in meiner Ungeduld ihm entgegen. Lief, ohne aus die spitzen Steine zu achten, bis er als ganz kleiner Punkt am Horizont erschien. Meinen übrigen Afridis fiel das Lagern in der Glut-onne so schwer, daß sie um Erlaubnis baten, bis zum nächsten Rastpunkt vorwärts marschieren zu dürfen. Ich gab ihnen diese Erlaubnis, traf sie aber am Abend sehr bald, denn sie hatten doch ihre Kräfte überschätzt. Vor Schwäche waren sie einfach am Wege liegengeblieben.

Der nächste, noch schwerere Nachtmarsch sollte zunächst einen kleinen Alarm für unsere in Ver­zweiflung absterbenden Nerven bringen. Dicht neben uns ertönte ein scharfer Schuß, dann noch einer und ein dritter. Aha! das sind die bewaffneten Hirten, die, wie man uns erzählt hat, den Grenz, schütz ausüben und keinen Fremden hereinlassen dürfen! Die Karawane stöckle, Röhr ritt in der Richtung des Schalls. Doch schon nach' wenigen Minuten löste sich die unbehagliche Spannung. Einige unserer Oesterreicher hatten den Weg ver­loren, waren umyergeirrt und hatten sich nur durch Signalschüsse zu Helsen gewußt.

In Mogul-Badschah, auf das wir so große Hoffnungen gesetzt hatten, waren wir zuerst trostlos. Statt des vermuteten Dorfes fanden wir nur Ruinen, statt des Wassers nur einen schwefligen Pfuhl. Die Tiere konnten die Flüssigkeit nicht ein-