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Gießen.
Nr. 8.
ßyronik.
Ter Friede, den die Mittelmächte am 0. Februar mit der Ukraine geschlossen haben, hatte die großrussischen Machthaber veranlaßt, ohne ausdrücklichen Friedensschluß tun Krugszustaud mit Deutschland formell für beendigt zu erklären. Tatsächlich sollte ihnen die Beendigung des Kriegszustandes die Möglichkeit geben, ihre Herrschaft über alle Gebiete Rußlands auszudehnen und überall mit brutaler Gewalt den sozialistischen Staat, wie sie ihn denken, zur Durchführung zu bringen. Es find denn auch immer größere bolschewistische Truppenmafsen in der Ukraine eingefallen und haben sich sogar des ukrainischen Regierungssitzes Kiew bemächtigt, während gleichzeitig bolschewistische Truppen, die sogenannte Rote Garde, in Esthland und Livland, sowie in Finnland sengend und brennend, und die sich ihnen nicht fügenden Einwohner ermordend, vordrangen. In dieser Sachlage konnten die Mittelmächte nicht untätige Zuschauer bleiben. Ter Friede mit der Ukraine sollte im Ausgleich mit der Freigabe des ukrainischen Gebietes uns den Getreide- Überschuß des Landes zugänglich machen. Wir konnten dieses Ergebnis des Friedensschlusies nicht dadurch vernichten lasten, daß wir die ukrainische Republik selber von den Roten Garden der Bolschewisten zerstören und die Getreidevorräte des Landes unbrauchbar machen ließen. Infolgedessen sind die deutschen Truppen der Heeresgruppe Lin sin gen in die Ukraine einmarschiert, um sie rn Zusammenarbeit mit ukrainischen Truppen von den Zerstörerbandrn der Bolschewisten zu befreien. Am 20. Februar wurde die große weißrustische Stadt Minsk besetzt. Am 22. Februar haben die deutschen Truppen Schitomir und Berditscheff besetzt. Zugleich sind die deutschen Truppen der Heeresgruppe Eichhorn über die Tüna vorgedruogen und haben bis zum 20. »Februar Livland bis zum Peipussee mit den Städten Wenden, Walk und Dorpat besetzt, andere Truppen rückten über das Eis des Rigaischen Meerbusens in Esthland ein, besten großer Krieg^hafcn Reval am 20. Februar eingenommen wurde. Ueberall wurden die deutschen Truppen von der eingeborenen Bevölkerung als' Befreier begrüßt. Die demoralisierte russische Armee hat nur an wenigen Stellen Waffenwiderstand geleistet. Die Folge des deutschen Vorgehens im Osten wardiebedingungslose Unterwerfung der bolschewistischen Regierung. Durch Funkspruch vom 21. Februar erklärten sich die Bolschewisten bereit, die deutschen Friedensbedingungen anzunehmcn. Diese Bedingungen, die nunmehr'von der deutschen Regierung formuliert wurden, fordern die vollkommene Freigabe der von den Weltmächten besetzten Randgebiete. ferner Livlands, Esthlands und Finnlands seitens der ruffischen Regierung, außerdem dre Erklärung ihrer Nichteinmischung in der Ukraine. Am 24. Februar hat die bolschewistische Regierung sich diesen Bedingungen unterworfen. Es sind nunmehr Vertreter zum Abschluß des Friedens nach Brest Litowsk obgesandt worden.
Auch die rumänische Regierung hat sich genötigt gesehen, in Friedensverhandlungen einzutreten, die in Bukarest geführt werden. Der deutsche Staatssekretär des Auswärtigen. Herr v. Kühlmann, und der österreichische Ministerpräsident des Auswärtigen. Graf C z e rn i n. find nach Bukarest gereist. um mit dem rumänischen Ministerpräsidenten A v e r e s c u die Bedingungen des Friedens zu vereinbaren. Kommt nun auch noch der Friedensschluß mit Rumänien zu stände, was allerdings noch nicht völlig sicher ist. so ist an unserer Ostfront von der Ostsee bis zum Kaukasus der Friede hergestellt.
Die Türkei ist bereits im Begriff, die von den Russen geräumten Gebiete wieder zu nehmen.
Auf der Seite der Entente zeigt sich nach wie vor der entschiedene Wille, den Krieg fortzusetzen. Am 23. ruar hat Sonnino in einer Rede der italienischen Kammer von neuem die annerionistischen Kriegsziele der italienischen Kriegshetzer proklamiert.
Zn der denkwürdigen Reichstagssitzung vom 25. Februar hat Graf Hertling noch einmal den deutschen Willen zu einem Verständigungsfrieden erklärt, indem er in eingehender Besprechung auf die von Wilson ausgestellten Friedensgrundlagen einging. Vor allem hat er erklärt, daß Deutschland nicht die Absicht habe, in irgend einer Form Belgien zu behalten. Sollte diese neue Erklärung der .Friedensbereitschaft wiederum ohne entscheidende Antwort von der Seite der Entente bleiben, so müßte allerdings auch im Westen die Gewalt der Waffen entscheiden, wie sie im Osten entschieden hat. Was immer im Westen geschehen wird, das deutsche Gewiffen ist frei von jeder Blutschuld.
Am 23. Februar kehrte S. M. S. .Wolf' nach Ibmonatlicher Fahrt zurück. Der Erfolg dieses Schiffes ist eine hervorragende Leistung. S. M. S. ,W o l f" hat 210 000 Brutto-Registertonnen versenkt und kehrte mit einer Beute von Rohstoffen und Nahrungsmitteln im Werte l»on vielen Millionen Mark zurück. Tie Ianuar-Tauchbootbeute beträgt 632000 Tonnen versenkten Schiffsraums. Als erstes Iahres- ergebnis des uneingeschränkten Tauchbootkrieges wurden 9 590000 Tonnen versenkt.
Der alte Glöckner
Von W. Kor ölen ko.*)
Es dunkelte.
Das kleine Dorf lag still versteckt im Schatten des Tannenwaldes am User des still hinfließenden Flüßchens in der sternklaren Frühlingsnacht. Hin und wieder treten Gestalten einsamer Wanderer aus dem Dunkel des Waldes hervor, es zeigt sich ein Reiter, ein Bauernwagen fährt mit knarrenden Rädern vorbei: das sind alles Bewohner des Dorfes, die zur Kirche eilen, um dort den anbrechenden Feiertag würdig zu beginnen.
Mitten im Dorfe erhebt sich aus einsamem Hügel das Kirchlein, hell blinken die Fenster und hoch oben im Nebel versinkt das altersgraue Türmlein.
ES knirscht die morsche Treppe. Der alte Glöckner besteigt sie mit unsicheren Schritten, und nach kurzer Zeit versendet ein neuer Stern in der Höhe sein Licht — die Laterne in der Hand des Glöckners.
Schwer wird es dem Greise, die steile Treppe hinaufzuklimmen. Die alten Füße wollen nicht mehr gehorchen, stark hat ihn das Leben mitgenommen, die Augen blicken auch nur noch schwach . . . Zeit ist es für den Alten zur ewigen Ruhe zu gehen — doch der Tod kommt nicht! Die Söhne, die Enkel sah er dahinsinken. Alte und Junge hat er zu Grabe geläutet, ihn schien der Tod vergessen zu haben; doch wird ihm das Leben nicht leicht.
Oft hat er schon Ostern eingeläutet, er weiß auch nicht mehr, wie oft er die bestimmte Stunde hier oben auf dem Glockenturme erwartet hat. Und nun, heute soll es wieder geschehen, so Gott will.
Mit schweren Schritten nähert sich der Alte dem gebrechlichen Geländer des TurmeS und lehnt sich an.
Ringsum im Schatten erblickt er nur mühsam die Gräber des Friedhofs. Die schwarzen Kreuze mit ihren ausgebreiteteu Armen scheinen wie Wächter ihre Toten zu wahren. Hie und da bewegen sich auch noch unbelaubte Birken mit ihren glänzend weißen Stämmen.
Von unten steigt wie warmes Frühlingswehen der erfrischende Geruch junger Sprossen der Bäume und der stille Friedenshauch des Kirchhofs herauf zum alten Makar . . . Was wird ihm wohl dies neue Jahr bringen? Wird er wohl heute übers Jahr wie sonst Ostern mit feierlichem Glockenschlage begrüßen, oder aber wird er da unten . . . dort fern in jener Ecke des Friedbofs schlafen, und wirdauch seinen Hügel ein Kreuz schmücken? Wie Gott will . . . Er ist bereit; doch jetzt muß er wieder den hehren Feiertag verkünden. .Gott sei Ehre und Dank!" flüstern seine Lippen; er blickt nach oben zum Himmel, wo Millionen von Sternen blinken; er bekreuzt sich ...
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*) Ter Frieden mit der Ukraine hat aus dem Feind einen Verbündeten gemacht. Es wird daher intereffieren, etwas von Leben und Denken des ukrainischen Volkes zu hören. Wir bringen eine Skizze des ukrainischen Dichters K o r o l e n k o zum Abdruck, die in ihrer Innigkeit und Gemütstiese an manche deutsche Schöpfung erinnert — man denkt an Rethels Holzschnitt ..Ter Tod als Freund" mit dem alten Glöckner, der im Turme entschlafen ist, während der Tod den Glockenstrang zieht.
Himmel und Erde, und die weiße Wolke, die dort im Raume langsam dahinschwebt, und der dunkle Tannenwald, der unten rauschend sich bewegt. und das Plätscherndes unsichtbaren Flüßchens, — alles das ist ihm alt und lieb und bekannt. Ein ganzes Leben hängt daran. Längst Vergangenes steigt vor ihm auf: wie er mit seinem Vater
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