Ausgabe 
1.3.1918
Seite
2
 
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DszNvVkk IlViLung.

Zum ersten Mal auf diesen Glockenturm gestiegen war . . . Lieber Gott, wie lang ist dies schon her . . . und doch wie kurz! Er sieht sich selbst als Knabe mit seinem blonden Lockenkopfe, mit glänzenden Augen, wie der Wind nicht der, welcher den Straßenstaub auswirbelt, nein, ein be­sonderer, weit oben wehender seine Locken spie­lend verwirrt. Tief, tief unten sieht er viele kleine Leute, und die Hütten des Dorfes erscheinen ihm auch so winzig, und der Wald steht so fern, und der runde, freie Platz, auf dem das Dorf steht, scheint so groß, so unendlich groß.

.Da ist es ja so nah", lächelt der greise Glöckner und zeigt auf das Dorf hinunter.

So auch das Leben! Solange man jung ist,

scheint es so unendlich zu sein; da liegt es vor ihm^

als wär' es auf der Hand, von der Geburt bis

fast zum Grabe, das er sich dort in jener Ecke des

Kirchhofs bestimmt hat . . . Nun, Gott sei Dank,

Zeit ist's, zu ruhen! Ehrlich ist er den schweren

Gang durchs Leben gegangen, die feuchte Erde ist

lhm Mutter. Bald, so Gott will, ruht er in ihrem Schoße.

*

Doch es ist Zeit I Noch einmal blickt Micheitsch

hinauf zu den Sternen, entblößt sein Haupt, bekreuzt sich und ergreift die Schnüre der Glocken .

Da ertönt schon durch die Lust ein greller Glocken- schlag . . . Da, ein zweiter, dritter, vierter . . einer nach dem anderen, und durch die festliche Nacht

ergießen sich dieseziehenden.schwellenden.bald grellen, bald leisen Töne im harmonischen Glockenspiel' Die Glocken verstummen, es beginnt der Gottes­dienst. In früheren Jahren stieg Micheitsch auch die Treppen hinab und stellte sich in die Ecke an die Tür, um dem Gottesdienste zuzuhören und zu beten. Jetzt bleibt er oben, schwer trägt er die Jahre des Alters. Besonders heute fühlt er eine eigentümliche Schwere in den Gliedern. Er läßt sich aus eine Bank nieder und während er dem er­sterbenden Ton der Glocken zuhört, überläßt er sich seinen Gedanken. Woran? Er könnte selbst kaum darauf antworten. Der Glockenturm wird kaum erhellt von seiner Laterne. Die Glocken selbst sieht man kaum jn der herrschenden Dunkelheit, von unten aus der Kirche hört man gedämpft nur den Gesang der Gemeinde, und der Wind fährt leise durch die Schnüre, die an den eisernen Glocken­schlägern befestigt sind.

Der Greis läßt sein Haupt auf die Biust niedersinken, indem unzusammenhängende Bilder eines vergangenen Lebens einander abwcchseln Man singt . . . denkt er und sieht sich in der Kirche. Auf dem Altar ertönen die Stimmen singender Kinder, der alte Priester, der selige Pater Raum läßt laut seine Stimme ertönen. Hunderte von Bauern senken und heben ihre Häupter und be- kreuzigen sich . . . Alles bekannte Gesichter, und alle tot! ... Da das strenge Anllitz des Vaters neben dem sich eifrig der ältere Bruder bekreuzt und seufzt, da steht er selbst, blühend an Gesund­heit. Jugend und Kraft, voll unbewußtem Anspruch und Hoffnung auf Glück und Freude und Zukunft.

Und wo ist es, dieses Glück? Die Gedanken des Greises flammen hell auf. wie ein ersterbendes Feuer und beleuchten alle geheimen Winkel und Ecken eines vergangenen Libens. Unmäßige Mühe Leid und Sorge ... Wo ist es, dies erwartete und erhoffte Glück? Ein schweres Los furchte das junge Gesicht, beugte den kräftigen geraden Rücken lehrte so seufzen, wie der ältere Bruder geseufzt

Unb da, links, mitten unter den Frauen des Dorfes, steht auch die seine, andächtig betend das Haupt gebeugt. Sie war ihm ein gutes, ein treues Weib, Gott habe sie selig. Und auch sie hatte nicht wenig zu sorgen. Mühe und Arbeit und hartes Frauenlos machten sie schnell altern. Ihre früher hellen glänzenden Augen verloren ihren Glanz und der Ausdruck der Furcht und des Schreckens vor den unerwarteten Schlägen des Schicksals trat an die Stelle des frühern Selbstbewußtseins und Stolzes des jungen schönen Weibes . . . pnd ihr Glück, wo war es? Ein Sohn war ihnen geblieben, die

Freude und Hoffnung des Alters, und auch den bezwang die Lüge der Menschen I

Und dort steht der reiche Dorswucherer, und beugt seinen Körper bis zum Boden; eifrig küßt er ihn und schlägt ein Kreuz, um die Tränen beraubter Waisen durch ein gleißnerisches Gebet zu trocknen, und wie den Menschen, so auch Gott zu lügen . . .

Es kochte das Herz des alten Micheitsch. ernst und zürnend blicken die Gottesbilder von den Wänden hinab auf menschliches Elend und mensch­liche Lüge alles dies blieb hinter ihm weit weit zurück . . . Jetzt besteht seine Welt nur noch im dunklen Glockenturme hier hoch oben, wo der Wind heult und durch die Glockenschnüre fegt. .Gott wird richten, sein ist die Rache!' flüstert der Greis, und still fließen die Tränen über die gefurchten Wangen des Glöckners . . .

* _ *

*

Noch nie hatte der alte Glöckner seine Glocken so wundervoll spielen lassen. Sein übervolles Herz schien Leben dem kalten Metall eingehaucht zu haben, und dieses schien zu singen und in Lust und Freude zu lachen und zu weinen; zum Himmel steigen di- lebendigen Töne, empor zu den glänzenden S'ernen . . . heller erglänzen diese, während sich die Töne von neuem und neuem er­gießen und von der Erde zum Himmel widerhallen in Liebe und Lust und Wonnegefühl . . . Dumpf ertönt der tiefe Baß und mächtig steigen seine Töne hinauf und lassen Himmel und Erde wieder­tönen im Gesang: .Christ ist erstanden!'

Das alte Herz vergißt sein Leid, ein Leben voller Sorge und Mühe . . . Vergessen hat der alte Glöckner, daß sein Leben und Hoffen auf Glück nichts als ein leerer Traum war. daß er aus der Welt allein steht ... Er hört die Töne, die singen und weinen, sich erheben durch den dunklen Raum zum sternenbesäeten Himmel und nieder­sinken zur armseligen Erde, er sieht sich von Söhnen und Enkeln umgeben, hört ihre freudigen Stimmen die Stimmen der Großen und Kleinen, sich zusam- menergießen in einen Chor und singen ihm von Glück und Freude, wovon ihm das lange, dunkle Leben nichts geboten hat . . . Es zieht die Glocken­schnur der, alle Glöckner. Tränen fließen über sein gefurchtes Antlitz, mächtig schägt sein Herz im erdachten Glückestaumel ...

*

Unten stehen die Leute und sprechen zu einan­der, so herrlich habe noch nie der alte Glöckner geläutet . . .

Plötzlich erdröhnt die erhabene Glocke in mäch­tigem Schlage und schweigt. Die kleinen Glöckchen, bestürzt, beenden ihr Spiel mit einem schrillen Mißton. als wollten sie schweigend dem verklingenden Tone der mächtigen Schwester zu- hören, der noch immer hallt und erzittert und weint und allmählich im Raume erstirbt ...

Kraftlos sinkt der Greis auf die Bank und zwei letzte Zähren fließen leise und leiser über die blassen erkaltenden Wangen . . .

Laßt abtreten der alte Glöckner hat aus­geläutet ...

bis sie im Jahre 1654 nach dem Chmelniskyschen Aufstand sich in die Arme Rußlands warf und von dem russischen Zaren Alexej Michailowitsch seinem Reiche einverleibt wurde. Hier begann die neue Geschichte des ukrainischen Volkes, dessen Zusammen­gehörigkeit mit Rußland es Peter dem Großen er­möglichte, sein Reich zur Weltmacht zu gestalten. Roch trat eine Krisis ein. als Karl XU. von Schwe­den in Verbindung mit dem Hetmann Mazeppa den Zaren angriff; er wurde aber im Jahre 1709 bei Poltawa aufs Haupt geschlagen, und nun be­gann die Zeit der schweren Unterdrückung, aus der

sich die Ukrainer seit Beginn des Weltkrieges heraus­zuraffen suchten.

Die ukrainischen höheren Klaffen waren bei Kriegsbeginn denationalisiert, während die Volks­masse in dem innersten Winkel der Seele die ßr- innerung an die Vergangenheit, an die einstigen politischen und sozialen Bestrebungen aufbewahrt hatte. Treulich pflegte man das Andenken an den ukrainischen Dichter Schewtschenko, der mit dazu beitrug, daß sich die ukrainische Literatur erhalten und die Sprache weiterbilden konnte. Der Gedanke der Loslösung d-r Ukraine von Rußland und der Zusammenhalt der Stämme war so stark, daß bei Zertrümmerung des russischen Reiches die Bildung eines ukrainischen Staates sich von selbst ergab.

Der Friedensschluß der Mittelmächte mit der Ukraine ist eine welthistorisch- Tat. Schon die wirtschaftlichen Folgen sind sehr groß; denn die Ukraine ist die Kornkammer Rußlands, sie ist außer­dem reich an sonstigen landwirtschaftlichen Produkten und birgt auch Kohlen und Eisenerze. Was dies für uns in dem jetzigen Stadium des Krieges be­deutet, bedarf keiner Erwähnung; aber auch für die Zukunst liegt hier eine Ansammlung von Kräften, die den beiderseitigen Kulturintereffen dienen können.

Doch di- Wirkung des Vertrages ist außerdem eine ungeheuer politische; es ist ein gewaltiger Schritt geschehen zur Zertrümmerung der einheitlich russischen Macht, die wie ein Alp auf uns drückte Die schwere Gefahr des Ostens ist beseitigt, das Reich Peters des Großen wird uns nicht mehr über­rennen. Wenn sich auch späterhin aus den einzelnen Teilstaaten eine Art von Staatenbund bildet, lo wird er nie mehr die zusammengeballte tyrannische Gewalt des russischen Reiches in sich fassen. Rach Osten hin ist die erlösende Macht der Weltgeschichte uns zu Hilfe gekommen; was wir kaum zu ahnen vermochten, ist eingetreten; unsere Kultur braucht nicht mehr zu zittern, wie in den September- und Oktobertogen des Jahres 1914, in jenen Schicksals­tagen, als Deutschland und die deutsche Kultur in die furchtbarste Krisis gestellt war.

Der Kriede mit der Ukraine.

Aon G-heimrat Prof. Tr. Josef Köhler, Berlin.

Die Wenigsten wissen, daß die Ukraine der eigent­liche Herd der russischen Kultur gewesen ist. Hier gab im 10. und 11. Jahrhundert Wladimir, der Apostelgleiche, sein Rechtsbuch heraus, welches die fürstliche Macht begründete und späterhin im Ill.Jahr- hundert unter den Söhnen Jaroslaws erweitert wurde. Die Macht Kiews erstreckte sich weit nach Norden; neben Kiew war Perejaslaw die Haupt- stätt- der Kultur, bis im 13. Jahrhundert durch den Einfall der Tataren eine ungeheure Verwüstung eintrat, Kiew zerstört und die Bevölkerung nach Westen gedrängt wurde. Sie kam dann unter die litauische und später unter die polnische Herrschaft,

Der Friedensvertrag grenzt die Ukraine gegen die österreichisch-ungarische Monarchie und gegen Litauen und Polen ab; das österreichische Ostga- lizien wird vollkommen wiederhergestellt, das vielum­strittene Cholm der Ukraine zugewiesen, seine Grenze scharf bis in die Nähe von Lublin nach Westen geschoben, die Grenze gegen Rumänien noch Vorbe­halten. Viele Einzelheiten des Friedcnsoerkehrs müssen noch festgcstellt werden. Jn dieser Beziehung ist rein rechtlich zu bemerken: Es ist unmöglich, in einem Friedensvertrag sofort alle oft sehr ver­wickelten Fragen zu erledigen, und politisch verkehrt wäre es. den Vertrag bis zu der Zeit auszuschieben, in welcher über alle Punkte Einigkeit erzielt werden kann. Darum gilt. das völkerrechtliche Prinzip, daß, wenn aber di- grundlegenden Punkte Einverständnis erzielt ist (sog. Präliminarfrieden), dadurch bereits eine feste Vertcagsbindung besteht.

Einen Hauptbestandteil des Friedensvertrages bilden die wirtschaftlichen Bestimmungen. Hier han­delt es sich zunächst um vorübergehende Maßnahmen, sodann um dauernde Verhältnisse. In erster Be­ziehung sind die vorhandenen Ueberschüsse der land­wirtschaftlichen und Jndustrieprodukte der Ukraine zu verstaatlichen und den Mittelmächten zu einem entsprechenden, nötigenfalls durch eine Kommission festzusetzenden Preis zu überantworten. Das Nähere über die Menge und Art der Produkte soll durch eben diese Kommission festgestellt werden. Der ukrainische Staat übernimmt also die völkerrechtliche Verpflichtung, diese Ueberschüsse zu sammeln und an uns und keine andere Macht zu überlassen. ES