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1. Sunt 1918
Kyronik.
Die Kriegspause im Westen hielt an. bis am 27. Mai dre deutsche Offensive wieder losbrach Der Vorstoß richtet sich diesmal gegen die französischen Stellungen nördlich der Aisne in der Linie Soissons-Reims; der Höhenzug des Chemin des Dames (Damenweg) wurde bereits erstürmt, und die Truppen des deutschen Kronprinzen stehen nr schweren Kämpfen um die Uebergänge der Aisne. Die -Frrnbeschleßung der Festung Paris, die in der letzten Zeit wiederholt durch Flieger angegriffen wurde, hat wieder eingesetzt.
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Nachdem Kaiser Karl von Oesterreich den deutschen Kaiser im Hauptquartier besucht hatte, um das Bündnis zwischen Oesterreich und Deutschland enger- zu [• t n unb insbksondere neue militärische Sicherungen für die Waffengemeinschaft zu besprechen, hat der Kaiser von Oesterreich nunmehr auch den König von Bulgarien in Sofia und den Sultan in Konstantinopel besucht.
Tie Befreiung Finnlands ist zum Abschluß gekommen und die Frage der künftigen Regierungsform steht vor ihrer Entscheidung. General Mannerheim, der Kommandierende der Finnischen Weißen Garde, der die Einführung der Monarchie befürwortet, ist am 24. Mai zurückgetreten.
Tie U.Bo ot-Be u te des April betrug 652000 ii «"en. . sodaß nunmehr seit Beginn des uneingeschränkten
U-Bootkrieges 11 6l1 000 Tonnen, im ganzen 17 116 000
x.onnen feindlichen Schiffsraums versenkt worden sind.
„Mter."
Von Soldat Kurt Bürger, z. Zt. Reserve-Lazarett V.
Frankfurt a. M.
(Aus dem VH. Preisausschreiben.)
Becker hieh er.
Wir nannten ihn alle .Vater".
Er hatte nichts Besonderes an sich, war Kutscher von Beruf, mager, von großer Gestalt mit langen, dünnen Beinen, über die er nur allzuoft stolperte; sein ergrautes Haar verriet den 47jährigen.
Erst mit dem letzten Transport kam er zur Front, freiwillig, wie Kameraden, die ihn vom Ersatzbataillon her kannten, erzählten. Freiwillig! Im dritten Kriegsjahr freiwillig! In dem Alter und weg von Frau und Kindern . . .! UnS blieb das dauernd ein Rätsel.
Zum Soldaten war Vater nicht geboren: er
erfaßte die Kommandos schwer, hing bei jedem Gewehrgriff. fiel beim .Sturm" über jede kleine Erderhebung ; kurzum: im Dienst hatten die Vorgesetzten ihre liebe Not mit ihm. '
.Ich gebe mir wirklich alle Mühe, aber ich bin zu steif," das versicherte uns Vater immer und immer wieder.
Wer wie ich mit ihm in der Gruppe war, zweifelte auch gar nicht daran. Wenn sich die Kompagnie ausruhte, sich in Gruppen unterhielt, las, schrieb, dann arbeitete Becker: bürstete seine Uni
form, flimmerte an seinem Lederzeuge, reinigte sein Gewehr zum soundsovielten Male ... und fiel bei der Kleider- und Waffendurchsicht doch wieder auf. Gönnte er sich einmal einen Augenblick Ruhe, so saß er mit angezogenen Knieen inmitten seiner Siebensachen, stützte seinen Kopf mit den Händen und sann und sann. Woran er dachte, das weiß Gott; mit uns sprach er nie darüber.
Die Kameraden lachten über ihn; mir gefiel sein Fleiß, sein aufrichtiges Bemühen, die Vorgesetzten zu befriedigen, sein stilles, nachdenkliches Wesen; er dauerte mich, weil er solches Pech hatte.
Weil er in der Gruppe neben mir stand, machte ich ihn ab und zu auf kleine Mängel aufmerksam, und er war mir dankbar. Er sprach mit mir ein Wort mehr als mit den anderen; wir wurden Freunde, gute Freunde, trotzdem ich erst 19 Jahre zählte.
In der Freizeit setzte sich Vater zu mir. vertraute mir seine kleinen Geheimnisse an, sprach von seinen Kindern, seinem 1916 gefallenen Sohn. Von ihm erzählte er am liebsten. In seiner Brieftasche trug er die Mitteilung der Kompagnie, in der sein Sohn als tapferer, deutscher Soldat gelobt wird. Diese Urkunde zog Vater oft hervor, sah sie lange an, schüttelte den Kopf, steckte sie wieder in die Tasche und wischte sich die Nase, um so unbemerkt ein paar Tränen abzutrocknen.
Aber mit keinem Worte erwähnte er seine Frau. Darüber wunderte ich mich, fragte aber nie nach dem Grunde.
Vom Schreiben verstand Vater nicht viel. Mit Mühe und Not kritzelte ec mir seine Adresse vor, damit ich seine Post erledigen konnte. Dabei fiel es mir auf. daß er nur mit seinen Kindern in Briefverkehr stand. Von seiner Frau erhielt er keine Zeile, trotzdem er seine Löhnungen regelmäßig heimschickte. Wie gern hätte ich über dieses eigenartige Verhältnis Aufklärung gehabt, allein ich wollte keinen wunden Punkt berühren; denn daß hier etwas nicht in Ordnung war. ahnte ich.
Der Juli kam, jedoch Vaters eigenartiges Wesen blieb mir ein Rätsel. Bis zu jenem Tage!
Unsere Division wurde am . . berge eingesetzt.
Dort ging es damals heiß her. Angriff und Gegenangriff wechselten in röscher Reihenfolge.
Minierhölzer, Drahthindernisse, spanische Reiter, Wellbleche usw. wurden in den vordersten Linien gebraucht, und wir hatten die Ausgabe, unsere bedrängten Kameraden dauernd mit diesen notwendigen Gegenständen zu versorgen. Jeden Abend ging es vor, oft unter dem stärksten feindlichen Artilleriefeuer.
Der schwerste Tag aber war der 26. Juli.
Wir Deutschen hatten einen erfolgreichen Gegenstoß gemacht. Der Franzmann, sowieso immer ein bißchen nervös, schoß mit den schwersten.Marken" in unser Hintergelände. Doch unser Transport war dringend notwendig. Die neue Stellung mußte wieder durch ein Drahtverhau geschützt werden.
Je zwei Mann hatten ein Schnelldrahthindernis vorzubringen.
Als Nr. 1 trug ich das Hindernis, während Vater als Nr. 2 mein Gewehr an sich nahm.
Wir stapften los, eine lange Reihe im.Gänsemarsch". Das Glück schien uns hold zu sein; denn das Feuer ließ etwas nach. Rasch ging es vorwärts, stumm, nur ab und zu ein WarnungSruf: .Achtung Draht!" .Links ein Granatloch!" .Beeilen, Schrapnellecke!" In 45 Minuten hatten wir bereits die Strecke bewältigt, zu der wir sonst mindestens eine Stunde gebraucht hatten. Wir freuten uns und beflügelten unsere Schritte trotz der Last. ,
Ob uns die Franzmänner im Schein der Leuchtkugeln gesehen oder uns durch die Warnungsrufe gehört hatten, ich weiß es nicht. Jedenfalls setzte ganz plötzlich ein mörderisches Sperrfeuer ein.
Granaten heulten, Schrapnelle platzten. Doch wir rannten weiter, schneller, immer schneller. Granatlöcher, Baumstümpfe, nichts konnte unseren Gang beeinflussen.
Wir fielen; keuchend standen wir auf und sausten weiter, denn die Hintermänner schoben nach vorn.
Die Hände bluteten, der Schweiß rann übers Gesicht, die Kleider zerrissen.
Niemand fragte, ob einer verwundet oder gar gefallen sei, niemand fragte, ob alle nachkämen, für uns gab es nur eine Losung: die vorderste Linie.


