Ausgabe 
15.8.1918
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Kkronik.

Die zweite Hälfte des Juli und die erste Hälfte des August stehen unter dem Zeichen großer Entscheidungs­schlachten in Frankreich. Am 15. Juli begann eine deutsche Offensive, bei der deutsche Truppen die Marne nach Süden überschritten. Gleichzeitig wurde in der Ge­gend von Reims Raum gewonnen und die ersten fran­zösischen Linien in der Champagne genommen. Die Gefangenenzahl der deutschen Offensive stieg bis zum 18. Juli auf 20 000. Der Offensive war indessen nicht der gleiche Ueberraschungserfolg beschieden wie den früheren deutschen Offensiven. Die Franzo en. über unsere Offensive­absichten unterrichtet, wichen au vorbereitete Stellungen aus. Am 18. Juli begann ein groß angelegter Gegen­angriff der Alliierten unter der Leitung Fochs, mit der Absicht, die deutschen Stellungen zwischen Ais ne und Marne abzuschnüren und dadurch einen Durchbruch größten Stils zu erzwingen. Die deutsche Heeresverwaltung be­gegnete indessen diesem Angriff, indem sie zunächst den neu gewonnenen Brückenkopf auf dem Südufer der Marne räumte und dann allmählich bis zum 3. August die Stellung zwischen Aisne und M-arne bis auf das Beste- ufer abbaute. Allerdings mußten den Franzosen dabei eine Anzahl von Städten, die die vorletzte deutsche Offen­sive ^ in unsere Hand gebracht hatte, geräumt werden, so Ch Lte aux-Thierry an der Marne, FLre-en- Tard enois und schließlich Soissons an der Aisne. Aber die feindliche Gegenoffensive wurde damit zum Stehen gebracht und ein Durchbruch verhindert. Am 8. August begann, nachdem schon vorher die Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht durch Znrücklegen der ersten Linien in der Ge­gend von A l b e r t die Stellung für die Verteidigung geeigneter gemacht hatte, eine neue Offensive der Alliierten'beiderseits der Somme. Während nördlich der Somyie die feindlichen Angriffe abgeschlagen wurden, gelang den Engländern südlich der Somme infolge dichten Nebels ein von Tankgeschwadern unterstützter Einbruch in unsere Infanterie- und Artilleriestellung, der uns eine Einbuße an Mannschafteu und Geschützen brachte. Aber auch hier wurde die Lage durch Zurückverlegen der Ver­teidigungslinien und durch Gegenangriffe wieder hergestellt, lodaß. abgesehen von dem Geländeverlust, auch hier die Ab­sicht der feindlichen Offensive auf ein Durchbrechen unserer Linien als gescheitert angesehen werden muß.

In Rußland ist die Lage der bolschewistischen Räte- Regierunq stark bedroht. Von Osten her au; Sibirien und dem Ural schieben -die t s ch e ch o-s l o v a ki s ch en Truppen, die von der Entente nach Kräften unterstützt werden, ihre Linien immer weiter vor, und wichtige Städte, wie Iekaterin- burg und Simbirsk, sind schon in ihre Hand gefallen- Im Norden haben englische Truppen die Murman-Küste und Archangelsk besetzt und rücken nach Süden vor. Die Lage im Inneren Groß-Rußlands wird bei zunehmenden Nahrungsmittelschwierigkeiten immer verworrener, sodaß die Fortdauer der bolschewistischen Herrschaft unsicher erscheint. Im Inneren wühlen die linken Sozialrevolutionäre, die von den Zeiten des Zarismus her im Terror und feinen Atten­taten das wirksamste Kampfmittel sehen. Nachdem ihnen der deutsche Gesandte in Moskau zum Opfer gefallen war, wurde durch sie am 30. Juli der kommandierende General der deutschen Streitkräfte in der Ukraine, Feldmarschall von Eichhorn, durch Bombenwurf ermordet. Die deutsche

Gesandtschaft ist infolgedessen am 10. August von Moskau nach Pskow (Pleskau) unter den Schutz der deutschen Waffen zurückverlegt worden, was aber in keiner Weise einen Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit der Räte-Republik bedeuten soll. Schon vorher ist der deutsche Gesandt in Moskau, Tr. Helfferich, der Nachfolger des er­mordeten Grafen von Mirbach, zur Berichterstattung über die Lage in das deutsche Hauptquartier gereist. Dem Bürgerkrieg in Rußland ist auch der frühere Zar Nikolaus II. zum Opfer gefallen; damit er nicht in die Hände der Tschecho-Slovaken, die sich Iekaterinburg schon näherten, fallen sollte, wurde er durch die Räte-Regierung in Jekate­rinburg am 10. Juli hingerichtet.

In Albanien hat am 26. Juli eine Offensive der Oesterreicher begonnen, die gute Fortschritte gemacht hat.

Auf die Zustände in Frankreich ließ der Prozeß gegen den früheren Minister des Innern Malvy helles Licht fallen. Malvy war durch Chauvinisten und Kriegs­hetzer des Hochverrats und des Einverständnisses mit dem Feinde angeklagt worden, weil er angeblich den Krieg nicht mit dem nötigen Nachdruck betrieben habe. Die An­klage fiel in sich zusammen und nur durch Anwendung eines starken Druckes konnte der Ministerpräsident Elemen­te au erreichen, daß Malvy auf fünf Jahre aus Frankreich verbannt wurde.

Aotes Hl'as.

Eine wahre Begebenheit.

Von Max Maria v. Weber.

,Janos, Ihr seit ein vollständiger Narr,- sagt der Streckeningenieur der Bahn, welche, südöstlich von Temesoar, die unermeßlichen Getreide- und Kukuruzflächen des Banats durchzieht, zu dem mit abgezogener Mütze vor ihm stehenden Bahnwärter Nr. 128, der zugleich die kleine Personensiation Jam-Saag verwaltet; .ein vollständiger Narr, füge ich Euch; hättet selbst nichts zu betßrn und zu brocken, wenn Euch hier das Brot nicht in den Mund wüchse; vier Kinder, und nehmt den kleinen fremden Wechselbalg noch dazu! Hübsch ist das Mädel allerdings. Wie seid ihr zu dem Unsinn gekommen?-

.Ja, Herr, das kam so : Drüben an der Flügel­bahn sind Arbeiter, welsche, bei der Marotzbrücke, können nicht sprechen mit uns, ober brave Leute, hungern, um Geld zu sammeln. Lag ein Gang von ihren. Jahr voriges, vierzehn Mann hoch in Zelten mitten im Kukuruz von Kloster Zekas. Dursten kein Feuer machen wegen Brand im Felde, trockenen. Kamen täglich Weiber meilenwite aus Dörfern hinüber mit Suppe, jämmerlicher. Lies Kind immer neben jungem Weib von diesen; kam

sehr, sehr weit her, hübsches Kind, als wie mein jüngstes. Saßen immer nieder auf der Schwelle von Bahnhaus, ruhten aus, todmüde. Weinte oft das Kind wegen Schmerz in Fuß und Schwitz und Müde. Sagt eines Montags mein Weib, was heut ist drüben bei Großmutter in Lagos, wo in Schule königlicher, sehr gute, meine vier Kinder alle. Janos, sagt sie, erbarmt mich das Kind. Gleicht es der Juscha, was drüben ganze Woche in Schule königlicher, mit den andern. Sind wir einsam ganze Woche willst du, Herr, lassen wir spielen hier das Kind und essen die Woche bei uns Sonntag mit Kindern unsrigen. Ist hübsch der Fratz und gut; Pane Inspektor sehen, wie lacht mit Augen, schwarzen! Sage ich: laß dableiben Kind, wenn wiederkommt mit Mutter seiniger. Arme Frau küßte uns Hände, glücklich war sie, konnte sehen Fratz ihrigen täglich, und brauchte nicht zu füttern den Fratz. Wissen aber, Pane Inspektor, daß kam Fieber unter Arbeiter, welsche, Jahr voriges. Mußten geräumt werden Zelte von allen sämtlichen. Aber ehe geschehen konnte, starb Vater von Kind, und Mutter ihrige kam nicht wieder. Ist wohl auch gestorben wahrscheinlich. Kindchen blieb bei uns Winter, Sommer. Wohin damit auch?*

»Hättet es bei der Bauuntern-hmung anmelden sollen, Janos; sie hätte es in die Heimat der Arbeiter, nach Wrlschland geschickt. -

»D nein, Pane Inspektor, nein so weit armes Wurm lieber Fratz Kinder meinige haben es lieb und wir auch.-

.Nun, ganz schön, Janos, mich geht es nichts an; es bleibt Euch aber lebenslang zur Last. Wenn wir alle Kinder der Arbeiter, die am Sumpf- fiebec sterben, adoptieren wollten! Ihr seid ein Narr. Gute Nacht! Vergeht nicht, morgen die Kasse nach Temesvar einzuliefern werdet nicht viel darin haben aber's ist Samstag. Regula­tiv-Paragraph siebenzehn! Und überdies denkt daran, daß wir auf der Straße die Strolche O. und K. zum Teufel jagen, die Ihr ja früher hier auf der Station hattet, und die Bescheid wissen, auch daß KassenlieferungSzeit ist. Die Kerls stehlen unverschämter, als es selbst hier in Ungarn zulässig ist. Paßt auf, daß sie Euch keine Visite machen. Gute Nacht, Janosl-

Die Dräsine des Streckeningenieuis, von sechs kräftigen Armen getrieben, verschwindet im Abend-