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dunkel und dem leichten Nebeldunste, der aus den hohen Kukuruzfeldern neben der Bahn blaltduftig und durchsichtig sich aber die Bahn legt. Janos bedeutete alles in allem auf der kleinen Station, die eigentlich nichts als ein halbverlorener Haltepunkt aus der öden Bahnstrecke ist. von nur zwei Zügen täglich befahren. Er expediert den Getreidejuden. der dem grundbesitzenden Kavalier, dem die Schulden an der Kehle stehen, das Getreide für ein Sündengeld auf dem Halme abgeschwindelt hat. oder den Schweinehändler, der die Kukuruzmast seiner.Ware" inspiziert.oderdenWälderausschlächter. der eben wieder ein Stück Gesundheit. Klima und fruchtbares Wetter in Gestalt eines herrlichen Urwaldes. guadratmeilengroß. in Eisenbahnschwellen und Faßdauben verwandelt hat. oder d-n Sohn der Putzta. der in den nächsten Flecken zur Stuhlrichterwahl saufen geht — aber wenige von alledem fallen auf der abgelegenen Station auf die Bahn. Die Kasse ist daher klein, und dem wackeren JanoS genügen zur Hilfeleistung ein alter Weichensteller, der einst bei einem Zusammenstöße aus einem .feschen Kondukteur" zu einem armen Krüppel wurde, und des JanoS tüchtiges W-ib. eine Sächsin aus Siebenbürgen, die lesen und schreiben kann und Herz und Kopf auf rechten Flecke hat. Heut ist sie zur Verproviantierung der wie eine Insel im Kukuruzmeere liegenden Station zur Stadt gefahren; der alte Weichensteller Ferenz hat Tagdienst gehabt und Janos ist mit dem Kinde allein.
Im .Kakuruzmeere" wahrlich liegt die Station! So weit das Auge reicht in Nord, Süd. Ost und West, nichts als das übermanneshohe G-röhricht der edlen Pflanze. Vom rötlichen Lichte des tiefstehenden. unvollkommenen Sonnenwendemondes im Südosten herab geht ein leichter Nachtwind über die unermeßliche Ebene durch das fruchtbare Ried hin. in dem der Büffel, der vom Sumpsufer der Berzaba heraufsteigt, schmale Pfade tritt, wie im baumhohen Grase der Savannen Amerikas. Der Kukuruz birgt hier den Betyacen und den Büffel so gut. wie das hohe Gras dorten den Bison und die skalphungrige Rothaut. Und der Wind läßt hier nicht sanfte, weiche, duftende Wogen am Wald- rande branden, wie in den blonden Fluten des Getreides, sondern nur hohe Blütenrispen, spitz und pfeilartig, millionenfältig glitzern und sich neigen, wie ebensoviel Hellebardenspitzen einer wandernden Heerschar. Und darunter, im dunklen Gewirre der langen, scharfen Blätter, blitzt es hier und da auf, wir von blanken Klingen und klirrt es leise, wie diese tun, wenn sie sich kreuzen. Und da und dort ragt es dunkel und schwarz empor, wie Masten von Schiffen, die in diesem Meere gesunken sind, an denen das Mondlicht blau herabrinnt. Es sind die Schwengel der Ziehbrunnen, die Wahrzeichen der ungarischen Ebene. Und die Luft ist voll, weit und breit, vom weichen, behaglichen Geguake zahlloser Frösche (.ungarische Nachtigallen" nennt sie der ^pöttermund der „Schwaben"), die in den Wassergräben der Bahn, in den Lachen der Moorniederung hausen. Nur wenn, wie auf ein allge- hörtes Kommando dies Getön verstummt, welches das Ohr seiner Unabkässigkeit wegen nicht mehr hört, wird man gewahr, daß es eben die Luft noch füllte, und hört das leichte Rascheln und Klirren im Kukuruz und das ferne Brüllen der Büffel an der Theiß.
Die Eisenbahn .hat eine Furche gezogen" in die Unermeßlichkeit des .Kukuruzmeeres". Die Telegraphendrähte schweben darüber wie blitzende Spinnweben im Mondlicht, und ferne Lichtpunkte künden, daß hier Menschen auf Menschen harren.
Das ist das Bild der ungarischen Ebene, grandios in seiner schlichten Unermeßlichkeit wie Prärien, Pampas. Llanos und Savannen, und doch so viel freundlicher, menschennäher als jene: wie das unendliche. ausgebreitete Nährfeld anmutender ist, als da» unabsehbare Jagdgebiet.
Die Zeit für den letzten der wenigen Züge, welche die Station passieren, ist da. Janos nimmt das Kind auf. den kleinen Gefährten seiner Einsamkeit, das er bis dahin. des Kühlwerdens der Nachtluft froh, spielend und schäkernd auf den Knien gehalten, und trägt es in sein kleines Bett, das in der luftigen Wachstube steht, deren zwei Fenster, zum Ausguck,
rechts und links auf die Bahn gehen. Dann zündet der treue Mann die Lampe auf dem Tische an, die seinem einsamen Nachtmahle leuchten soll, und bereitet die Signallaterne für das Zeichen vor, das er dem herannahenden Zuge zu geben hat.
Es ist kein Bedürfnis da, ihn halten zu lassen. Kein Passagier begehrt, den Zug zu besteigen, und auf Janos kleinem Dienstgebiet ist alles in Ordnung, deshalb hat er dem Zuge das weiße, unveränderte Licht seiner Signallaterne zu zeigen, das ihm zuruft: .Fahrt zu, alles in Sicherheit!" Sorgsam entfernt daher Janos die bunten Scheiben aus dieser Laterne. Denn das durch die grünen hinausscheinende Licht würde den Zug ohne Anlaß zur .Vorsicht", zum .Langsamfahren" mahnen, das rote aber ihm .Halt" gebieten.
Und diesem Befehle, mit rotem Strahle hinausgeblitzt auf die Bahn, wagt kein Lokomotivführer, kein Bremser auch nur einen Augenblick den Gehorsam zu versagen. Weiß er doch, daß Leib und Leben an diesem Augenblicke hängt. Ein „rotes Licht", ein .Haltsignal" auf offener Strecke, wirkt auf das ganze Personal eines Zuges elektrisch, unwiderstehlich, wie da« Aufblitzen eines feindlichen Schusses auf eine in der Nacht marschierende Kolonne. Der Begriff .Halt" durchfährt alle Sinne, alle Fäuste in jähem Ruck, denn vielleicht liegt da, dicht vor ihnen in der Finsternis — Schrecknis und Tod.
Und die Dampfpfeise gellt in vielfach wiederholtem, schneidendem Aufschrei: .Me Hand an die Bremsen", und der Lokomotivführer reißt die Hebel zurück, welche die Triebkraft der Lokomotive nach rückwärts wirken lassen, und in rasender Hast dreht her Heizer die Kurbel seines kraftvollen Hemmwerkes am Tender — und Funken sprühen von den ^brennenden Bremsklötzen empor und blaues Feuer zeichnet das Gleiten der Räder auf den Schienen — bis der schnaubende, eiserne Koloß still steht.
(Schluß folgt.)
Dom Dejstt-Anöau.
Bon Nationalökonom Dr. E. R. Uderstädt, Berlin.
Betreffs aller Rohstoffe.die uns unsere Bekleidung liefern, waren wir vor dem Kriege vollkommen vom Auslande, von überseeischen Produktionsgebieten abhängig. Nach Unterbindung aller unserer Zufuhrvrrbindungen wäre unser Heer also allmählich in Bezug auf Bekleidung in harte Bedrängnis geraten, wenn wir nicht in einheimischen Pflanzen einen vollwertigen Ersatz zur Gewinnung von Ge- spinstsasern gefunden hätten. Diese haben uns also in hervorragender Weise das Siegen und .Durchhalten" ermöglicht, sodaß es angebracht ist. ihnen, liebevolle Aufmerksamkeit zu schenken.
Die wichtigste von ihnen ist die Nessel. Es ist bekannt, daß bereits in den Vorjahren umfangreiche Sammlungen dieses .Unkrautes" im ganzen Reiche stattgefunden haben. Das Sammelgut hat ein Gewebe ergeben, das ungefähr der Kunstseide ähnelt und von einer blendend weißen Farbe ist. Es ist so vortrefflich, daß selbst das auf dem Web- warenmarkt tonangebende und auch verwöhnte England dem Nesselstsff seine besondere Aufmerksamkeit widmet, ihn wissenschafckich untersucht hat und daß in angesehenen Textil-Fachblättern des Jnselreiches ebenfalls das Sammeln der Brennnessel in England empfohlen worden ist. Hofft man doch mit Hilfe dieser Pflanze die Einfuhr der Baumwolle herabsctzen und dadurch Frachtraum sparen zu können.
Da in Deutschland die Erträgnisse an wilder Brennessel längst nicht genügten, um den Bedarf der Heeresverwaltung an Web-. Wirk- und Strickwaren zu decken, dachte man schon im vorigen Jahre au den planmäßigen Feldanbau der Nessel. Zur Durchführung dieses neuen Werkes wurde im vorigen Jahre die Nessel-Anbau G. m. b. H. in Berlin gegründet, die vielleicht die interessanteste, sicher aber die erfreulichste deutsche Kriegsgesellschaft ist. — Sie rationiert und verbietet nicht — sondern sie schafft neue Werte! Sie steht unter der
Aufsicht des Reiches und ist gegenwärtig kein Erwerbs- sondern ein Wohlfohrtsunternehwen, das der Heeresverwaltung Textilrohstoffe schafft. Ihre etwaigen Gewinn- fließen in die Reichskasse. Nach Beendigung des Krieges wird sie als gemeinsames Unternehmen der deutschen Textilindustrie bestehen bleiben. Ihre Satzungen sehen vor, daß ihre Erzeugnisse an Fasern der Industrie anteilmäßig ihrer finanziellen Beteiligung zusallen. Sie bietet also der Textilbcanche die einzige Möglichkeit. Rohstoffe aus dem Inland zu beziehen, fodaß die Industrie sich jetzt stark an der Kapitalserhöhung — von 5 auf 15 Millionen Mk. — beteiligen wird, um sich eine möglichst große Rohstoffguote zu sichern.
Streng wissenschaftlich durchgeführte Arbeiten lassen uns jetzt die Lebensbedingungen der Nessel, die für den kulturellen Anbau in Betracht kommen, erkennen: Sie ist zwar ein Unkraut und säst in jedem Vegetationsgebiet anzutreffen, doch ist sie keineswegs .bescheiden" und gedeiht nicht überall. Sie beansprucht vielmehr einen stickstoff-eichen, kalkhaltigen Boden, der locker und gut zersetzt von mittlerer Feuchtigkeit sein muß. Emen solchen Boden, der allen Anforderungen der Brenneffel genügt, haben unsere Niedermoore (z. B. Haoelländisches Luch, die Moore in Nordwest-Hannover»'und Oldenburg). Aber sie erweist sich insofern als bescheiden, als für ihren Anbau der Wass.-rstand der Moore nur auf 15 — 25 cm gesenkt zu werden braucht, ja nicht tiefer herabgedrückt werden darf, während für den Anbau von Getreide und Kartoffeln der Wasserstand auf 60—80 cm gesenkt werden muß. Die Meliorisierung eines Bodens geht also schneller vor sich und ist billiger, wenn er für den Anbau von Nesseln vorgesehen ist, als wenn Getreide oder Kartoffeln darauf angebaut werden sollen. Die Nessel erfordert nämlich eine dauernde Feuchtigkeit (Aygroskopizität) de« BodenS. Bekanntlich wächst die wilde Brennessel vornehmlich im Halbschatten, sodaß man lange annahm, die Brenneffel brauche diesen unbedingt, um zu gedeihen. Doch ist jetzt experimentell bewiesen, daß die Nessel den Halbschatten nur bevorzugt, weil in diesem der Boden gleichmäßig feucht bleibt, sie kommt im offenen Felde genau so gut fort, vorausgesetzt, daß der Boden eine dauernde Feuchtigkeit hält.
Bislang gründete man die kulturelle Fortpflanzung der Brenneffel auf das Umsetzen der Wurzel- steckunge von dem Orte des wilden Vorkommens auf den Kulturboden. Daneben denkt man daran nunmehr di- Brennessel auch auszusäen.
Auch in diesem Jahre müssen die wildwachsenden Bcennesseln im Interesse unseres Heeres eifrigst gesammelt werden, denn bei dem ungeheueren Bedarf der Armee an Gespinststoffen kann auf sie nicht verzichtet werden, solange der planmäßige Anbau — auch in den besetzten Gebieten, wo er von den einzelnen Truppenteilen oorgenommen wird — noch in den Anfängen steht. Den Sammlern erwächst aber eine neue Aufgabe: das Sammeln des Samens. Das geschieht, indem mit der bewickelten oder behandschuhten Hand die Stengel von unten nach oben abgestreift werden und die dadurch abfallenden Pflanzenteile in irgend ein Gefäß aufgefangen werden. Dabei muß sorgfältig darauf geachtet werden, daß die Stengel nicht zertreten werden, denn sie sind immer noch der wichtigste Teil der Pflanze, der eigentliche Faserrohstoff, die aber in geknicktem Zustande wertlos sind. Nach der Befreiung von Blättern und Samen werden die Stengel abgeschnitten; sie werden auf die bisher übliche Art getrocknet und Samen und Blätter nach dem Trocknen sorgfältig von einander geschieden. Letztere geben ein ausgezeichnetes Viehfutter.
Da jetzt aber außerordentlicher Mangel an Arbeitskräften auf dem Lande herrscht, ist zu befürchten. daß wieder unendlich viele der wertvollen Brennesseln umkommen, wenn nicht rechtzeitig geholfen wird.
500 Kilo grüner Nesseln ergeben 100 Kilo trockene Stengel, etwa 20 bis 25 Kilo trockener Blätter und rund '/g Kilo trockenen Samen, wofür die Neffel-Anbau G. m. b. H. 28 Mk. plus 5 Mk. plus 10 Mk. = 43 Mk. zahlt.


