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GLeßen.

Nr. 6. 1. Februar 1918.

Chronik.

Die Ereignisse deS Januars zeigen ein deutliches Stei­gen der FriedenSaussichten. Trotzdem die Friedensverhand­lungen zu Brest-Litowsk noch zu keinem Abschluß geführt haben, haben die Verhältnisse des Ostens eine Gestalt an- genommen, die ein Wiederaufleben des Krieges als voll­kommen ausgeschlossen erscheinen läßt. Nachdem am 4. Januar die Verhandlungen in Brest-Litowsk begonnen hatten, stellte es sich heraus, daß der nunmehrige Leiter der russischen Delegation, zugleich der Leiter der auswärtigen Politik der sozialistischen Petersburger Republik. Trotzky, nicht in erster Linie einen Frieden herbeiführen wollte, son­dern daß ihm die Verhandlungen nur ein Mittel bieten sollten, den allgemeinen Umsturz, wie er in Rußland statt­gefunden hatte, auch auf das übrige Europa zu übertragen. Er stellte zu diesem Zweck die vollkommen unannehmbare Forderung, daß vor weiteren Friedensverhandlungen die Zentralmächte zunächst ihre Truppen aus den besetzten Ge­bieten des ehemaligen Zartums Rußland zurückziehen und eine Volksabstimmung über die zukünftige Staatszugehörig­keit und Staatsform stattfinden lassen sollen. Ein Ein­gehen auf diese Forderung war vollkommen unmöglich, weil dadurch nicht der wirkliche Wille der besetzten Gebiete zum Ausdruck gekommen wäre, sondern nur die revolutionäre Bewegung der Petersburger Bolschcwiki bis an die Grenzen von Deutschland und Oesterreich getragen worden wäre. Wie wenig das Verlangen Trotzkys aus einem wirklichen Respekt vor dem Eelbstbcftimmungsrecht der Nationen her­vorgeht, hat sich alsbald aus der inneren Politik der sozialisti­schen Petersburger Regierung mit Deutlichkeit ergeben. Ueber- all wo sich Körperschaften bildeten, die nicht im Geiste der Maximalisten arbeiteten, wurden diese mit Waffengewalt auseinandergetrieben. Als die Wahlen zum russischen Reichs­tag, der Sobranje zu Ende geführt waren und es sich dabei ergeben hatte, daß die Marimallsten nicht, wie sie gehofft hatten, die Mehrheit erhalten hatten, lösten sie die Sobranje sogleich rach der ersten Sitzung wieder auf und unterdrückten jede Gegendemonstration mit Maschinengewehren. So ist Rußland heute, soweit es der Gewalt der Marimalisten untersteht, eine absolutistische Republik, die genau mit den­selben Methoden arbeitet, mit denen seinerzeit in Rußland die absolutistische Monarchie gearbeitet hat. Die brutale Gewaltpolitik der Petersburger Marimalisten zeigt am deut­lichsten. wie wenig sie vor dem Rechte der anderen Achtung haben, und wie wenig sie daher berufen find, eine solche Achtung von anderen zu fordern. Wenn daher die Verhand­lungen von Brest-Litowsk nicht sofort zu dem gewünschten Frieden geführt haben, so trifft die Schuld nicht die Unter­händler der Mittelmächte, die im Geiste eines ehrlichen Frie­denswillens handelten, indem sie erklärten, auf gewaltsame Annexionen im Osten zu verzichten, vielmehr trifft die Schuld ausschließlich die russischen Unterhändler, die den von beru­fenen Vertretern klar ausgesprochenen Willen zur Selbst­ständigkeit in Polen. Litauen. Kurland und Livland nicht als unbeeinflußt gelten lassen wollen. Weit günstiger find die Aussichten auf rasche Verständigung bei den Verhandlungen mit der neugebildeten großen südruffischen Republik, der Ukraine Diese Republik, die über eine aus Bürgern. Bauern und Arbeitervertretern gebildete Regierung verfügt, hat sich mit den Verhandlungsgrundsätzen der Mittelmächte zufrieden erklärt. Ter sofortige Frieden mit der Ukraine dürfte von besonderer Wichtigkeit für uns werden, weil die Ukraine

dasjenige Gebiet Rußlands ist. das für die Ausfuhr, na­mentlich von Getreide, Leder, Fett und Petroleum, in erster Linie in Frage kommt. Der Handelsverkehr der Ukraine mit der Türkei über Odessa scheint inzwischen schon ausgenommen zu sein.

Die Verhältnisse im Innern Rußlands lassen sich noch nicht völlig klar überschauen, da jede Partei die Lage in einem für sie günstigen Lichte darzustellen versucht. Die Lage der Maximalisten hat sich offenbar erheblich, ver- schlechtert, weil sie infolge der Quertreibereien Trotzkys bis­her nicht den Frieden zu stände gebracht haben, für den ihnen eigentlich vom Volke die Macht in die Hand gegeben war. Immer mehr und mehr scheint sich-ihre Gewalt im Staate statt auf die Zustimmung des Volkes bloß auf die lieber- redungskunst der Maschinengewehre zu stützen. Da die Ukraine dasjenige russische Gebiet ist, das das große Reich in erster Linie mit Nahrungsmitteln zu versehen hat. ist die materielle Lage des nördlichen Teiles von Rußland eine sehr ungünstige und in Petersburg scheint Hunger und Typhus um sich zu greifen. Die russische Front ist, nachdem der größte Teil der Offiziere abgesetzt, geflohen und ermordet ist. in voller Auflösung begriffen, und das Land wird von marodierenden Soldatenbanden durchzogen; die Transport' mittel sind in völliger Zerrüttung. Die Ukraine, die inzwischen ihre vollkommene Unabhängigkeit und Selbständigkeit pro­klamiert hat, ist aber auch nicht von Kämpfen verschont. Tie Maximalisten haben auch dorthin den Bürgerkrieg ge­tragen und gegen die ukrainische Regierung, die Zentral- Rada, die ihren Sitz in Kiew hat, steht eine maximalistische Regierung mit dem Sitz in Charkow. Zu Kämpfen scheint es schon hier und da gekommen zu sein ohne ersichtliches Ueberwiegen der einen oder anderen Partei. Wie sehr es den Maximalisten nur darum zu tun ist. Un­ruhe und Umsturz zu stiften und nicht de» Völkern ihr Selbstbestimmungsrecht zu erwirken, zeigt das Beispiel Finn­lands, wo die kaum erst gebildete und von vielen Mächten, auch von der russischen Regiernng selbst anerkannte Regierung der Republik Finnland von finnischen Marimalisten mit Unterstützung russischer Marimalisten am JfO. Januar gewaltsam gestürzt worden ist.

Tie Lage Rumäniens ist zwischen den Mittelmächten und dem vom Bürgerkriege zerfleischten Rußland eine sehr schwierige. Tie Marimalisten haben versucht, gegen die rumänische Regierung und das rumänische Heer vorzugehen, haben aber damit anscheinend keinen Erfolg gehabt, da das an Organisation den russischen Kräften immerhin noch über­legene rumänische Heer sich seiner Haut zu wehren verstand; mußten doch selbst dort ruffische Truppen sich vor den Ru­mänen zu den Truppen der Mittelmächte flüchten. Es scheint, daß Rumänien versucht, Beffarobien. das von Rumänen bewohnt ist und 1878 dem Königreich Rumänien von Ruß­land entriffen wurde, in seine Hand zu bekommen. Auch bereitet sich offenbar eine Umbildung der rumänischen Re­gierung im Sinne.einer Annäherung an die Mittelmächte vor.

Bei der Entente wächst die Friedensstimmung. Die Reden der Entente-Staatsmänner, wenn sie auch noch für uns vollkommen unannehmbare Forderungen enthalten, sind sehr viel gemäßigter. Es hat sich ein in voller Oeffentlichkeit geführtes diplomatisches Zwiegespräch zwischen den leitenden Staatsmännern der Entente und der Mittelmächte ent- sponnen. in dem die möglichen Friedensbedingungen erörtert

werden. Am 7. Januar hat Wilson in einer Rede die Bedingungen der Entente dargelegt. Am 8. und 10. Ja­nuar haben Reden von Lloyd George und Balfour, den Leitern der englischen Politik, den Standpunkt der Entente näher präzisiert und am 24. Januar hat der Reichs­kanzler Graf Hertling und der österreichische Minister des Auswärtigen Graf Czernin in der Erwiderung dieser Reden den deutschen Standpunkt dargelegt. Es zeigt sich auf der Seite der Mittelmächte der deutliche Wille zu einem an- nerionslosen Frieden, selbstverständlich unter völliger Wieder­herstellung des deutschen Kolonialbesitzes und unter Behauptung des deutschen Stammlandes Elsaß-Lothringen. Die Beding­ungen der Entente sind verschiedener Auslegung fähig, doch besteht offenbar die Absicht, von der Türket bedeutende Teile abzutrennen, die Ansprüche Italiens auf Teile des österreichischen Gebietes werden noch aufrecht erhalten. Auch hinsichtlich Elsaß-Lothringens wird eine Neuordnung noch gefordert, und hierbei kann, selbst wenn England und Amerika zu größerem Entgegenkommen bereit wären, nicht übersehen werden, daß die jetzige französische Regierung noch an der Rückgabe Elsaß-Lothringens an Frankreich festhält.

An Frankreich selber spitzt sich der Konflikt zwischen Clemenceau und dem früheren Ministerpräsidenten Coillaux immer mehr zu. Caillaur wurde am 14. Januar ver­haftet und soll als Verräter vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Clemenceau glaubt .damit der Partei des Ver- ständigungtzfriedens in Frankreich einen vernichtenden Schlag zu versetzen. Doch haben die fadenscheinigen Anschuldigungen gegen Caillaux in der öffentlichen Meinung Frankreichs kernen guten Eiudruck hinterlassen. So ckange aber noch Clemenceau die Regierung führt, ist mit einer Verständigungs- obsicht Frankreichs vicht zu rechnen, und wenn nicht das Volk selbst in Frankreich eine Aenderung der Politikerzwingt, wird ein solcher Zwang von der Gewalt der deutschen Waffen ausgeübt werden müssen.

Kriegerische Ereignisse von Bedeutung haben sich in der letzlen Zeit nicht abgespielt, nur im Gebiet der venrtianischen Alpen haben seit dem 2tt. Januar die Italiener heftige Angriffe begonnen in der Absicht, ihre Flanke vom Drucke der österreichischen Truppen zu befreien. Tie Oefterreicher haben aber ihre Stellung bis auf zwei Berggipfel zu halten gewußt.

Tie politische Lage ist günstig und sichert einen ehrenvollen Verständigungsfrieden. Tie Voraussetzung zur Verständigung bleibt freilich, daß wir nach wie vor fest bleiben, und weiter unsere Pflicht für den Krieg und die Kriegsarbeit tun. Unsere Regierung kämpft für den Frieden der Verständigung mit ehrlichem Friedenswillen und fern von jedem Siegerhochmut. Wer ihr in den Rücken fällt und Schwierigkeiten bereitet, arbeitet für einen Frieden der Niederlage, für einen Frieden, den der Feind dem schwach gewordenen und uneinigen Deutschland diktieren wird. Davor aber wird uns der gesunde Sinn unseres Volkes bewahren.

Tie Dezember-Beute der U-Boote beträgt 702000 Tonnen, sodaß bisher seit Beginn des uneingeschränkten U-Boot- Kriegs im ganzen 8 958000 Tonnen versenkt wurden. Zn England hat man jetzt dazu übergehen müffen, die Lebens­mittel zu rationieren.