Ausgabe 
15.9.1918
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Gießen.

Nr. 21. 15. September 1918.

Khronik.

Ter Rückzug der deutschen Truppen an der französischen Front hat seinen planmäßigen Fortgang genom­men. Wie Hindenburg in seiner strategischen Laufbahn schon^des öfteren Terrain preisgegebrn hat, um das Heer zu Ochern und für neue Schläge vorzubereiten, hat er auch diesmal die Errungenschaften der Frühjahrsoffensive in Frankreich den höheren strategischen Absichten geopfert, und wie die Preisgabe Polens, ja die zweite Preisgabe Ostpreußens tn der Sicherung der deutschen Zukunft im Osten einen endgültigen Erfolg davon­getragen hat, so darf auch erwartet werden, daß die Strecken Feindesboden, die wir jetzt in Frankreich preisgegeben haben, nicht umsonst zum Opfer gebracht worden sind. Im Westen war die Front bis zum 7. September in die neue Linie Bapau me Verrönne, nahe der alten Siegfricdstellung, zurückverlegt. Das geräumte Gelände ist wieder in einen Zustand versetzt, der dem Feind weder Stützpunkt noch Deckung bietet. Ueberdies sind in der Gegend von E a m b r ai diesmal weite Strecken unter Wasser gesetzt worden, vor allem wohl im Hinblick auf die größeren Tankangriffe, mit denen der Feind diesmal den Erfolg zu erzwingen versucht, und denen durch die Ueberschwemmung ein nicht zu beseitigendes Hindernis in den Weg gelegt wird. Die Zurückverlegung der Front machte sich auch in Flandern geltend, wo wir die Bastion des Kemmelberges vor unseren Linien gelassen haben.

Unsere Rückzugstrategie, die den Feind immer im Un­klaren läßt, wo er es nur mit schwächeren deutschen Pa­trouillen. wo mit stärkeren Kräften zu tun hat, hat ihn unverhältnismäßig viel Opfer gekostet. Rach den englischen Verlustlisten sind bis in den August eine halbe Million Engländer allein als Verlust zu verzeichnen. Wenn auch die amerikanischen Truppen einen Ersatz dafür schaffen, so ist doch dieses Kräftereservoir des Feindes nicht uner­schöpflich, zumal wenn man bedenkt, daß jeder amerikanische Soldat in Frankreich einen gewissen Tonnenraum feindlicher Schiffahrt festlegt, und daß dieser Tonnenraum immerfort durch unsere U-Boote eine Verringerung erfährt. Wir dürfen daher nach wie vor der Zukunft getrost entgegensetzen und allen albernen Märchen, mit denen man den Rückzug unserer Truppen hat erklären wollen, sei es das Märchen vom Tode Hindenburgs. oder von irgend welchem Verrat, oder wovon immer, mit aller Energie entgegentreten.

Tie Entwicklung der Dinge im Osten hat einen für uns durchaus erfreulichen Verlauf genommen. Das kom­munistische Rußland der Sowjetrepublik, das am Frieden mit Deutschland als der Voraussetzung seiner Eri- stenz unverbrüchlich festhält, hat seine Stellung gestärkt. Die tschechoslowakischen Meuterer sind von den Sowjettruppen an verschiedenen Stellen geschlagen worden, und am 10. Sep­tember konnten die Sowjettruppen Kasan wieder ein­nehmen. Tie Entente, die sich durch dieses Erstarken der Sowjetrcgierung bedroht sieht, setzt alle Hebel in Be« wegung, um ihr entgegen zu arbeiten. Eine große gegen- revolutionäre Verschwörung wurde aufgedeckt und der eng­lische Generalkonsul Lockhart im Kreise der Verschwörer verhaftet. Vorher schon ist in Moskau durch eine aus Kiew stammende Terroristin Dora Kaplan ein Attentat auf den leitenden Mann ' der Sowjetrepublik, Lenin, verübt worden, das diesen schwer, aber nicht lebensgefährlich der- wundete, und in Petersburg war der Volkskommissar für

innere Angelegenheiten U l i tz k i durch den sozialistischen Offiziersschüler K a n n e n g i e ß e r ermordet worden. Die Sowjetrepublik hat mit der Verhaftung der in Rußland lebenden Engländer geantwortet und seitdem besteht ein kaum mehr verhüllter Kriegszustand zwischen Rußland und der Entente. Das Verhältnis zwischen der Sowjetrepublik und Deutschland hat durch die Ende August zu stände ge­kommenen Zusatzverträge zum Brester Frieden eine erfreu­liche Klärung erfahren. Rußland hat sich darin zu einem Ersatz der privaten Kriegsschäden in der Höhe von sechs Milliarden? teils in Gold, teils in Waren oder gedeckten Anleihen zahlbar, verpflichtet, und in die Trennung Esthlands und Livlands von Rußland gewilligt, wogegen Deutschland die kommunistische Gesellschaftsordnung in Rußland anerkennt, Weißrußland zu räumen verspricht und weitere Lostrennungen russischen Gebiet? nicht zu unter­stützen sich verpflichtet.

Auch die Beziehungen zwischen Deutschland und der Ukraine haben eine erfreuliche Entwickelung genommen, und ein Besuch des ukrainischen Hctmans Skoropadski beim deutschen Kaiser hat dem nach außen sichtbaren Aus­druck verliehen.

ßine Katastrophe.

Aus dem Leben eines alten Eisenbahnbetriebsmannes.

Von Max Maria v. Weber.

Ich war im Jahre 184* Vorstand einer Station im Mittelgebirge*), die, rach damaligen Begriffen, sür eine wichtige galt, denn es mündete da eine Nebenbahn aus einem der reichsten Ackerbaudistrikte in die Hauptlinie des Landes.

- Die Station war nur sür diese Einmündung er­richtet und lag weit von jedem größeren Orte entfernt, mitten im Walde. Die Baulichkeiten be­standen nur aus einem kleinen Stationshause, dessen erstes Geschoß ich mit meinem Stellvertreter, demSchirrmeister", Gebhard mit Namen, be­wohnte, und einer Remise sür vier Lokomotiven, von denen sich immer eine als Neseroemaschine im Feuer" befand. An die Remise war eine kleine Werkstätte angebaut und beiden stand ein Oberloko­motivführer vor. Ein Billetteur wohnte im Stock­werk über mir, die Handwerker und Arbeiter der Station waren im nächsten Tors untergebracht.

Das Leben der Welt berührte die Station nur durch die sechs Züge, welche sie täglich passierten. War der letzte von diesen abends vorüber (Nacht­verkehr gab es nicht) und Feierabend geläutet, so

*) Die Stationsvorstände führen auf mehreren deutschen Eisenbahnen den TitelInspektor".

wurde es tief einsam und ruhig auf der Station. Hätte die Maschine in der Remise nicht leise ge­zischt, so hätte man sich in der Stille und beim Duft und Rauschen des Waldes auf einer Försterei wähnen können.

Wir vier Beamten waren auseinander an­gewiesen, denn das Besetzen der Stationen mit un­nützenfeschen Protekuonspuppen", die heutzutage mit dem Klemmer auf der Nase an den Zügen

auf und ab spazieren und nach den Stieselchen

der aussteigenden Damen schielen, war damals noch nicht Mode. Wir taten die Arbeit, die nötig war, ohne viel zu fragen, wessen Ressort sie sei,

und waren, im Winter bei Bier und Tarock im

kleinen Wartezimmer des Stationshauses und an Sommerabenden bei einem Glase Maitrank unter den Bäumen vor jenem Hause, wo ich ein paar Pfahlbänke und Tische hatte einschlagen lassen, gute Kameraden.

Aber Freund war ich nur mit dem Schirr­meister Gebhard geworden. Er war schon bei Zähren und ein Mensch wie Gold. 'Der erste und etzte auf dem Platze, scharf und barsch gegen die Leute im Dienst, und doch gingen sie alle für ihn «urchs Feuer, denn sie -wußten,- daß er Herz sür ie hatte und sich selbst am wenigsten schonte.. Er prach nicht viel und gar nicht von seinem früheren reben. So hatte - wir nur auf Umwegen erfahren, > er, seines Ze ens ein Radmacher, als frei- oilliger Husar . .5 in der Schlacht bei Ligny inen Prinzen au den Franzosen herausgehauen >atte, aber auch selbst zusammengesäbelt worden oar. Er schleppte davon das rechte Bein sein reden lang. Die Affä.: hatte ihm aber doch ach dreißig Jahren zu seinem jetzigen Posten erholsen, nachdem er sich weit durch die Welt -trieben und auch zwei Jahre bei einer englischen

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sehr in Respekt setzte.^

Er war WitwerzglHUe aber halbwüchsige Kinder, hübsche Mädels, stllUvM, Jungen, die er kaum lieber haben konut^ ich Kinderloser.

Bei all dem w!kr er eigentlich eine schwärme­rische Natur, und wenn die anderen alle zu Bette gegangen waren und er ivußte, daß außer mir es niemand hörte, konnte er sich, an Sommer­abenden neben mir auf der Bank sitzend, bis tief in die Nacht hinein in allerhand Träumereien

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