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mal von ferne riechen. Auch heute'noch kein Wasser — dann waren wir unbedingt verloren. Dieses Gefühl war in uns allen so stark, daß wir sofort mit dem ganzen tollen Eifer der Verdurstenden einem Chanat, einer unterirdischen Wasserleitung, nachgruben. An einer Stelle fanden wir Blutegel; und das beglückte uns, denn es war ein Zeichen für Feuchtigkeit. Mit Bechern und Emailletellern wurde sofort weiter geschaufelt. Die Grabstelle zeigte allmählich nässere Wände, dann sammelten sich Helle Tropfen, und nach einer Weile konnten wir einen halben Becher schöpfen. Freudestrahlend hoben wir ihn heraus. Wir Deutschen standen alle im Kreise herum, sahen uns das richtige Wasser an, das wirklich süß sein sollte, und starrten uns dann, einer über den anderen erschreckend, in die fahlen, aschgrauen Gesichter. Donnerwetter, den hat es aber mitgenommen! dachte jeder vom andern. Nach dem ersten redlich geteilten Trunk waren wir schon wie verwandelt. Wir hatten nun wieder Hoffnung, ja wir hatten in uns die Zuversicht. doch noch lebend uriser Ziel zu erblicken l
ein Lauschen auf das deutlich vernehmbare Plätschern der Quellen im Garten zeigten unseren Sinnen, daß dieses Blütenparterre vor uns keine Fata Morgana, sondern ein wirklicher, wahrhaftiger Teil des endlich erreichten .gottgegebenen' Afghanistan war.
Jäter
Pereh, der erste bewohnte afghanische Ort, in den wir am nächsten Morgen gelangten, bot uns keine allzu großen Eindrücke. Die Leute unterschieden sich in ihrem Aeußeren, bis auf die ganz weiße Baumwolltracht, wenig von den Persern der Grenze. Sie begegneten uns mit stummer Achtung, ohne kriecherische Unterwürfigkeit. Wir wußten nicht, was bei uns im Augenblick heftiger war, unsere Freude, m Afghanistan zu sein, oder die Spannung, wie
die nun bevorstehenden. Entscheidungen ausfallen würden.
Am Nachmittag unseres Ankunftstages wurden ww in unserer schläftigen Ermattung durch eine Bewegung vor der Karawanserei gestört. Pferde schnoben, Stimmen schallten, und schließlich eilten unsere Leute herein, vornehme afghanische Gäste zu melden. Es waren die Abgesandten des Generalgouverneurs von Herat. Unser Kommen war dem Vizekönig rechtzeitig gemeldet worden, und er hatte nicht gezögert, uns mehrere seiner Edelleute zur Begrüßung entgegenzuschicken.
Wenn wir uns noch hätten wundern können so hätten wir über die äußere Erscheinung dieser afghanischen Notabeln gestaunt. Der Führer der Deputation war ein stark semitisch aussehender Mann in hohen wildledernen Reiterstiefeln und einem langen grünen Rock. Er hatte ein mittelalterliches Wehrgehänge um und auf dem Kopf einen grauen Tropen-Halbzylinder, wie vor Jahrzehnten wohl die alten Buren in ihrer freien Republik ihn trugen. Als Schatten folgte ihm auf Schritt und Tritt, ganz im Kostüm der mittelalterlichen Hofnarren, eng anliegendem, um die Knöchel sestgeschnalltem Beinkleid und buntem Wams sein Becherträger; statt der Pritsche führte er eine Fliegenpeitsche. Die übrigen Afghanen waren ähnlich gikleidet, aber stummer und zurückhaltendlr als ihr Führer. Dieser lud uns im Namen des Gcneralgouverneurs ein. uns als Gäste der afghanischen Regierung zu betrachten. Eine große Karawane mit Küchengeräten und Dienern sei eingetroffen und stehe zu unserer Verfügung.
Am folgenden Morgen brachen wir in langem, prächtigem Zuge nach Herat auf. Unseren Gastgebern zu Ehren hatte ich Uniform angelegt. Mein Blauschimmel erregte überall die grüßte Bewunderung. Das Volk grüßte uns allenthalben sehr freundlich, mit jener gedämpften Begeisterung, wie
sie dem Orientalen bei festlichen Begebenheiten eigen ist. 1
Vor uns lag Herat. Tief im Grünen waren die Umfassungsmauern des uns angewiesenen Palais eingebettet. Garden in weißbaumwollenen Unterhosen mit roten englischen Jnfanterierücken,
^ cn Krwalkrie- und Jägeruniformen,
Schnabelschuhe an den nackten Füßen und ein gewaltiges Gewehr mit Bajonett über der Schulter. salutierten in strammer Haltung. Ein Oberst den ich „> seiner Schofförmütze zunächst verkannt hatte, nahm uns in Empfang. Ein Hinuntertasten an den leichten Wiener Rohrstahlen, die uns zu Ehren aufgestellt waren, ein tiefer Atemzug, mit dem wir die Blumendüste opp draußen einsogen
Von Soldat Kurt Bürger, z. Zt. Reserve-Lazarett V.
Frankfurt a. M.
(Aus dem VII. Preisausschreiben.)
(Schluß.)
Er erzählte:
Vater war 23 Jahr verheiratet und hatte noch sieben Kinder; eine Tochter war mit neun Jahren gestorben, sein Aeltester fiel im Kampfe fürs Miterland.
Von Beruf war Vater eigentlich Maurer, wenn eine Stube zu weißen, ein kleiner Stall zu bauen oder irgend ein kleiner Schaden am Hause auszubessern war, dann wurde Vater gern geholt; denn er arbeitete gut und billig. Wegen seiner Geschick■ lichkeit und seines freundlichen Wesens sah man den Maurer Becker überall gern..
Es ist ihm nicht leicht geworden, die vielen Mäuler seiner- Familie zu sättigen. Aber Vater brachte es fertig, dank seines großen Fleißes und vor allem seiner Liebe zu den Seinen. Ihm zur Seite stand seine sparsame Gattin, die vorzüglich zu wirtschaften verstand und neben der Erziehung der Kinder und der Instandhaltung des Haushaltes
noch Zeit fand, für fremde Leute etwas Wäsche zu reinigen.
Da kam der Krieg.
O. dieser Krieg! Vater erhielt keine Arbeit mehr und sah sich gezwungen, irgend wo anders Beschäftigung zu suchen, um seine Lieben vor knappen Stunden zu bewahren.
Endlich wurde er bei einem Transportgeschäft als Lohnkutscher angestellt.
Das war sein Verderben.
Seine Beschäftigung brachte cS mit sich, daß er wochenlang nicht cheimkam; allen Witterungsoer- hältnissen war er ausgesetzt. Ein schlechtes Dasein sür unseren an den Heimatherd gewöhnten Vater I
Aber anderen Kutschern ging es genau so. und die ertrugen's doch auch. Ja. bei denen war es etwas anderes, die waren von Jugend auf Kutscher. und dieses Leben war ihnen zur Selbstverständlichkeit geworden. Und dann vertrieben sie Kälte und Sorgen mit Bier und Branntwein.
Wie wär's, wenn auch er cs einmal mit Schnaps versuchte? Vielleicht half es auch ihm?
Und Becker versuchte und täuschte sich wie so viele andere auch: Auch er glaubte an die hei-
lende und wärmende Wirkung des Schnapses. Nun. das wäre noch gar nicht so übel gewesen, wenn Vater nicht zu schwach gewesen wäre, Herr über sich selbst zu sein. Das Wirtshaus wurde ihm zum Aufenthaltsorte in der dienstfreien Zeit. Dort trank er und betrank sich, spielte und verlor.
Oft kam er am Löhnungstage nur mit einem kläglichen Reste seines Verdienstes heim. Die Folgen waren Meinungsverschiedenheiten, Auftritte und zuletzt Schlägereien. Die Frau begegnete ihm mit Mißtrauen. Die Kinder, an denen er mit leidenschaftlicher Liebe hing, fingen an, ihren Vater mehr zu fürchten als zu lieben; die großen verkrochen sich schüchtern in die Winkel und suchten Zuflucht bei der Mutter; die kleinen wichen seinen Liebkosungen aus und fingen bei seiner Annäherung an zu meinen. Vater merkte das, kam immer
weniger heim und besuchte desto mehr seine Stammkneipe.
Es war ganz gut. daß diesem Zustande durch dle Einziehung Vaters ein Ende gemacht wurde.
Die Liebe zu seinen Kindern war dieselbe geblieben. Von seiner Frau aber, die nach seiner damaligen getrübten Meinung mit ihrer Streit- süchtigkeit die Ursache aller Zwistigkeiten gewesen, schied er mit Groll.
Vater kam nicht wieder heim. Seine Kinder besuchten ihn ein-, zweimal, kaum daß sie ihm -Guten Tag" sagten, die Gegenwart ihres Vaters berührte sie nichts weniger als freudig. Darüber grämte sich Becker oft. Ueberhaupt hatte die Einsamkeit der Kaserne ihm einige Klarheit über sein Familienleben gebracht. Aber waS nutzte sie ihm. Er hatte sich die Liebe seiner Frau und seiner Kinder verscherzt, sie sich wiederzuerobern, fehlte ihm nach seiner Ansicht die Kraft.
WaS sollte er da noch auf der Welt?
Arbeiten und immer wieder arbeiten, mechanisch wie eme Maschine arbeiten, nur um sich und seine Familie ernähren und kleiden zu können. Arbeiten ohne jeden Dank, ohne Gegenliebe, ohne daß sich rhm nach des Tages Mühen abends die Türen eines gemütlichen Familienheims öffneten, ohne daß er sich am Sonntag an den drolligen Einsallen seiner Kmder erfreuen, mit ihnen einen kleinen Spaziergang machen kann?
Das sollte sein Los, sein Lebenszweck sein? Das sollte er ertragen?
Nein, ein solches Leben konnte er nicht ertragen, nie und nimmer; d'as wollte er nicht ertragen. Lieber wollte er nicht bestehen.
Täglich beschäftigte er sich mit diesen Gedanken, täglich ärgerte er sich über das Zwecklose seines Daseins und wurde dabei immer stumpfsinniger.
Freudig erfaßte er deshalb die Gelegenheit, sich freiwillig zur Front zu melden. Sein Entschluß war zur Ausführung reif. Dort draußen konnte er seine Sorgen vergessen, vergessen Weib und Kind, vergessen die Zwecklosigkeit seines Daseins. Dort draußen konnte er seinem elenden Leben ein Ende machen, konnte er in den Tod gehen, ohne daß ein Makel an seinem Namen hängen blieb; dort draußen konnte er fein Leben beschließen.' ehrenhaft wie sein Sohn . . . ,
Und Vater meldete sich freiwillig.
Er kam ins Feld. Aber allzufrüh merkte er, daß er sich gewaltig geirrt hatte. Mehr als sonst schweiften seine Gedanken heimwärts. Die innere Befriedigung wollte nicht kommen. Und der — Tod kam auch nicht.
Hier hielt Vater inne. Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust.
Ich hatte aufmerksam zugehört und verstand jetzt unseren Vater und sein eigentümliches Wesen; ich dankte ihm und ließ ihn allein. .
Am Abend aber ging ein langer, ungelenk geschriebener Brief an Frau Becker ab. Wir setzten ihn beide auf, aber geschrieben' hatte ihn Vater allein, ich hatte es trotz seines Sträubens durchgesetzt. Schön sahen diese Zeilen nicht aus, aber desto herzlicher waren sie gemeint.
Wird das Frau Becker auch merken.
Ein schwüle Augustnacht l
Durch die schwarzgrauen Wolkenfetzen brach sich die von einem breiten Hof umgebene blasse Mondscheibe nur zuweilen Bahn. Ihr fahles Licht drang schwach durch die nebeldicke Luft und ließ undeutlich die Umrisse einer Baracke erkennen. In ih, war noch Leben. Ein dumpfes Gemurmel kam aus dem Innern, und die unvollkommene Reisigoerkleidung der Fenster ließ einen matten, gelben Lichtschimmer hindurch.
Es war eine der vielen Militärbaracken hoch oben in Flanderns weiter Ebene.
Zwei Posten gingen mit Gewehr im Arm langsamen und müden Schrittes leise flüsternd vor ihr auf und ab. Der größere von beiden schob beim Gehen seinen Oberkörper etwas nach vorn. Unser Vater! Und der andere Posten, das war ich.
Unseren vor Lehm und Schlamm klebenden Kleidern sah man eS an, daß wir noch nicht lanae in Ruhe lagen.
Erst vor etwa einer Stunde waren wir aus der Reservestellung zurückgekommen.
Vater und ich, wir beiden dursten als erste auf Posten ziehen. Daß wir darüber nichts weniger als erfreut waren, wird uns niemand übelnehmen.


