Ausgabe 
15.6.1918
Seite
3
 
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Dars«E°Srtkirrrg.

Zum Glück hatten wir vorher noch so viel Zeit, um unsere Post in Empsang zu nehmen.

Ich wurde enttäuscht. Für mich lag nur eine Zeitung bereit, nach vier langen Tagen nur eine -lappige Zeitung.

Aber Vater erhielt einen Brief, ich hatte ge­sehen, wie er ihn hastig erbrach und ihn sofort im Scheine des HerdfeuerS der Feldküche las; deutlich hatte ich beobachtet, wie sich seine Gesichtszüge, je länger er las, immer mehr verklärten, und wie nachher ein Lächeln um seinen Mund spielte, eine Erscheinung, die ich bei unserem ernsten Vater noch nie bemerkt hatte. Da war es mir klar geworden, von wem der Brief stammte.

Beckers Frau hatte geantwortet; Beckers Frau hatte unserm Vater geschrieben, daß daheim Frau und Kinder aus die Rückkehr ihres Mannes und Vaters warten.

Daß ich mich nicht geirrt hatte, erfuhr ich auch bald daraus auf unserem Postengange.

Während wir langsam um die Baracke gingen, erzählte mir Vater von diesem wichtigen Briefe.

Unser wortkarger, fast mürrischer Vater war ein ganz anderer geworden. Was er alles redete, weiß ich heute nicht mehr, denn ich^hörte nur halb auf seine vielen, vielen Worte, die jetzt aus einmal so fliehend aus seinem Munde sprudelten: Mich quälte ein heftiger Kopfschmerz. Aber das ist mir noch erinnerlich, daß aus jedem seiner Worte eine große Freude sprach. Und in jedem zweiten Satze hob er die guten Eigenschaften seiner Frau hervor. Ganz bedingungslos hatte sie ihn nicht wieder bei sich ausgenommen. Nein, nein! Dann hätte wo­möglich das alte Leben wieder begonnen, sie ver­langte von ihrem Mann, dah er sich wieder so führen solle wie vor dem Kriege Nach seiner Heimkehr sollte er wieder als Maurer arbeiten und sich abends und Sonntags voll und ganz seiner Familie widmen. Und schließlich mußte er ihr versprechen, keinen Tropsen Alkohol mehr über seine Lippen zu bringen. Diese Forderungen waren groß. Aber Pater wollte sie spielend erfüllen. Wieviel mal erzählte er mir nur das? Für einen Familien­vater, der die Liebe der Seinen sucht, ist keine Auf­gabe zu schwer.

Die zwei Stunden, an deyen wir Posten stehen mußten, gingen herum, und Vater war immer noch nicht fertig. Schließlich machte ich seiner Gesprächig­keit, die selbst, als wir schon aus unsere Drahtlager ausgestreckt waren, noch, nicht nachließ, durch eine kurze, mürrische Bemerkung ein Ende.

Der arme Vater!

Hätte ich geahnt, daß ich am andern Morgen fiebernd mit Kopfschmerz und Schüttelfrost frühzeitig ins Revier eingeliefert werden sollte, ohne Vater noch einmal sprechen zu können, so wäre ich ein geduldigerer Zuhörer gewesen.

Ich habe Vater nicht wiedergesehen.

EineS Tages erhielt ich im Kriegslazarett einer Brief:

Lieber Kurt!

Endlich habe ich von Bernhard Deine Adresse erfahren. Bernhard sagte mir auch, daß es Dir jetzt ein bißchen besser geht. Wir können auch nicht klagen; den wir liegen seit einiger Zeit bei B.in Ruhe.

Vor vier Tagen ist Becker wegen seines Alters und der Anzahl seiner Kinder von der Kompagnie fortgekommen und verrichtet jetzt in der Etappe Schanzarbeiten, vielleicht kommt er auch bald in die Heimat. Ehe er von uns fortging, bat er mich noch. Dich recht herzlich von ihm zu grüßen und Dir für die Bemühungen was er darunter meint, hat er mir nicht gesagt seinen Dank auszusprechen. Ich will es hiermit getan haben. Gelt, Du schreibst bald einmal. Du weißt ja, wie man hier aus Post wartet.

Sei recht herzlich gegrüßt von Deinem

:< % Martin.

Seitdem habe ich nichts wieder von Vater gehört.

Wie ist nach dem Krieg für Handwerk

und Keweröe gesorgt?

Von Assessor Dr. Hans Maier, Frankfurt a. M.

.Was wird nach dem Kriege aus uns wer­den ? ist die bange Sorge vieler Handwerker und Gewerbetreibender. Die Läden sind geschlossen. Die Werkstätten, deren Betrieb die fleißige Frau mit einem bis zwei Gesellen erhielt, konnten nicht durch­gehalten werden, nachdem die letzten Gesellen zum Heeresdienst eingezogen wurden. Die Kundschaft hat sich verlausen, Waren sind keine mehr vorhanden. .Was soll aus unS werden?' steigt dann immer wieder als bange Furcht vor kommender Friedens­zeit in den Seelen vieler Soldaten auf. Die In­dustrie konnte sich mit ihren zahlreichen Arbeitern weiter betätigen und den umgewandelten Verhält­nissen anpassen. Der Beamte kehrt nach Kriegs­ende in seine alte Stellung zurück. Ein Heißhunger herrscht nach gelernten Arbeitern, die ein baldiges lohnendes Einkommen wiederum finden werden. Was wird aber aus Handwerk und Gewerbe? Auch für die Handwerker und Gewerbetreibende ist in der Heimat vorgesorgt worden. So hoffnungs­los für viele die Lage heute ausschaut, es gilt, nicht den Mut zu verlieren, denn es sind zahl­reiche Maßnahmen geplant, die einer Wiederauf­richtung der schwer geschädigten Mittelstandsbetriebe zu gute kommen sollen. Für das Handwerk sind drei Dinge vornehmlich notwendig: Arbeit, Roh­stoffe und Kredit. Arbeit wird es in Hülle und Fülle geben. In vier Jahren des Krieges sind wenig, in den beiden letzten Jahren so gut wie keine Erneuerungen vorgenommen worden. Wo Ausbesserungen unvermeidlich geblieben sind, hat man zu Ersatzstoffen gegriffen, die keine Dauerhaf­tigkeit gewährleisten. Unsere Hausfrauen können ein Liedlein davon singen, wie schwer es heute hält, Handwerker für die notwendigen Haushalts­arbeiten zu erhalten. Sie freuen sich auf den Tag. an dem das Geschirr geflickt, die Tapeten ausge- bessert und die Wände wieder gestrichen werden können. Große öffentliche Aufgaben erwachsen für die Zeit nach dem Krieg aus der Errichtung not­wendiger Kleinwohnungen und der Beschaffung von Haushaltsmobiliar. Ueberall wird es lohnende Arbeit für den Handwerker geben. Um seine Leistungs­fähigkeit der Industrie anzugleichen, muß sich das Handwerk zu Lieferungsgenossenschaften zusammen­schließen. Im Krieg hat die Handwerkerorganisation über Erwarten große Fortschritte gemacht. Dem genossenschaftlich zusammengeschloffenen Handwerk wird es an Arbeit nach dem Krieg nicht fehlen.

Aber Arbeit allein kann nichts nutzen, wenn es an Arbeitsstoffen gebricht Die Rohstoffe sind zur Zeit sehr knapp. Auch in drr Zeit nach dem Krieg wird es noch an so manchem fehlen. Einmal werden aber Ersatzstoffe geliefert werden können, zum zweiten wird sich allmählich die Erzeugung und Zufuhr notwendiger Rohstoffe heben. Schließ­lich können große Mengen des von der Heeresver­waltung nicht mehr benötigten Materials freigegeben und dem Handwerk zugeführt werden. Auch hier wird ein Zusammenschluß zu Bezugsoereinigungen förderlich sein. Ankaufsgenossenschaften des Hand­werks sind in der Lage, in größerem Matzstabe Rohstoffe zu beziehen und sie den einzelnen Be­trieben zuzuführen. Gemeinnützige Gesellschaften m. b. H. sind mancherorts im Entstehen, um die Vermittlung der nötigen Rohstoffe durchzusühren. Jeder Soldat weiß, über welch ungeheure Menge von Arbeitsgerät und Arbeitsstoffen unsere Heeres­verwaltung verfügt. Mit dem Material eines Pionierparks lassen sich die Schlosser eines ganzen Landstrichs versorgm. Bei einer Demobilisierung werden aus diesen Quellen dem Handwerk reichliche Arbeitswerkzenge und Rohstoffe zufließen. Auch hier ist ein Zusammenschluß der Selbsthilfeorgani­sationen des Handwerks erforderlich und bereits angebahnt.

Zum Ankauf von Rohstoffen und Werkzeugen, zur Zahlung der Löhne und zu vielen anderen Dingen wird der Handwerker Geld und Kredit benötigen. So wurde von verschiedenen Seiten behauptet, der Wiederaufbau ist eine Kreditfrage. Um bei verteuerten Geldverhältnissen den Kriegs­

teilnehmern aus dem Handwerkerstande Kredit zu ermöglichen, sind in fast allen deutschen Bundes­staaten von den Gemeinden oder Provinzialverbänden Hilfskassen errichtet worden, die gegen geringe Sicherheit höchstens 4 Proz. verzinsliche Darlehen zum Wiederaufbau an Handwerker und Gewerbe­treibende gewähren. Auch haben die Kreditgenossen­schaften während des Krieges einen großen Auf­schwung genommen und es wird diesen möglich sein, ihren Mitgliedern weitgehendstes Entgegen­kommen zu zeigen.

WaS für das Handwerk gilt, kommt zum großen Teil auch für den Kleinhandel und andere Gewerbe­treibende in Betracht. Die Kreditorganisationen werden in gleicher Weise auch diesen Berufen zu gute kommen. Allerdings darf nicht verkannt werden, daß der Kleinhandel und das Gewerbe mit weit größeren Schwierigkeiten als das Handwerk zu rechnen haben werden. Wir wollen nicht die Lage besser darstellen, als sie in Wirklichkeit ist. Eine große Zahl von Kleinhandelsgeschäften ist heute nicht mehr selbständiger Gewerbebetrieb, sondern behördliche Verteilungsstelle für zugewiesene Ware. Auch nach dem Kriege wird sich daran zunächst nicht vieles, und manches nur sehr allmählich ändern. Gewinne sind gering. Inlandswaren, wie die Er­zeugnisse der Eisen-, Papier-, Holz- und Zuckerin­dustrie, werden zwar reichlicher dem Kleinhandel zufließen, aber die beiden wichtigsten Zweige, das Lebensmittel- und Textilwarengewerbe, werden noch auf recht lange Zeit mit Knappheit an Waren zu rechnen haben. Alte angesehene Geschäfte mit einem großen Kundenkreis können bei einem erheblichen Umsatz der ihnen zugewiesenen Gegenstände auch nach dem Krieg wieder einen ausreichenden Verdienst finden. Das gleiche gilt für ländliche Geschäfte; dagegen muß dringend vor jeder Neugründung selbständiger Handelsunternehmungen und Geschäfte gewarnt werden. Bei vielen Frauen, besonders Kriegerwitwen, bei Kriegsbeschädigten oder bisher abhängigen Personen, wird der Wunsch nahe liegen, sich selbständig zu machen und einen Erwerb durch Eröffnung eines Lädchens oder den Verkauf im Herumreisen zu suchen. Die Aussichten für solche Unternehmungen sind äußerst schlecht. War vor dem Krieg der Wettbewerb schon sehr erheblich, so wird er nach dem Krieg nicht zurückgehen, und die zur Verfügung stehenden Waren werden so gering an Zahl sein, daß der einzelne bei einem kleinen Umsatz nur unbedeutende Verdienste erzielt. Jeder, der Absichten auf Eröffnung eines selbständigen Brtriebes hegt, soll zwei- bis dreimal mit sich und Freunden zu Rat gehen, bevor ec seine Pläne ver­wirklicht. Um seiner und seiner Familie Zukunft willen sei er dringend gewarnt. Jedenfalls soll et' sich vorher mit einer der Beratungsstellen für selbständige Kaufleute und Gewerbetreibende ins Benehmen setzen, die zur Zeit überall errichtet werden, oder, falls eine solche an seinem Heimatort nicht vorhanden ist, möge er sich an eine andere gemein­nützige Organisation (Kriegsfürsorge, Kriegsbeschä­digtenfürsorge) wenden, damit er nicht mühselig ersparte Gelder, die ihm für die Ausbildung seiner Kinder hätten zu gute kommen können, in ein ver­lustbringendes Unternehmen steckt.

Schließlich sei noch des Hausbesitzers gedacht, llietnachlässe, Leerstehen von Wohstungen haben manchem Hausbesitzer während des Krieges schwere Sorgen gebracht. Eine Steigerung der Mieten ist mch Kriegsende zu erwarten. Im Interesse der ninderbemittelten Bevölkerung werden Maßnahmen rforderlich sein, diese Steigerung nicht überhand cehmen zu lassen, sie darf nicht höher anschwellen, ils es der Steigerung der Reparaturkosten und des lypothekenzinsfußes entspricht. Werden der Miet- rhöhung Riegel vorgeschoben, so darf der Haus- Besitzer mit Recht fordern, daß auch einer Erhöhung »er Hypothekenzinsen entgegengewirkt wird. Während >es Krieges sind bereits aus Grund einer Bundes- atsverordnung Miet- und Hypothekeneinigungs- imter geschaffen worden,'die sich mit der Regelung icr Hypothekenzinsen zu befassen haben. Die Auf­gabe dieser Aemter hört nicht mit der Beendigung es Krieges auf. Sie werden auch späterhin im lusgleich der Miet- und Hypothekenverhältnisse ihre lufgaben zu erfüllen haben. Die gemeindlichen