Nummer 20.
Üeilaac.
1. September 1018.
Die Oolie Aufgabe.
Immer lauter redet man in der Oeffentlichkeit, wie man sich die künftige Gestaltung Deutschland« zu denken habe. Uns dünkt daS alles viel zu früh. Zuerst müssen wir siegen. Alles richtet sich danach, wann der Sieg kommt und wie er kommt. Deshalb reden wir nicht davon l Laßt uns kämpfen, damit wir siegen und herrschen. Vielen klingt das Wort »Herrschen* wie Mission in Ohr und Herz. Es erinnert sie nur an Hochmut, Ueberheblichkeit, Maßlosigkeit. Sittlich erscheint ihnen nur Bescheidenheit und Verzicht, unsittlich die Herrschaft. Solche Meinung halten wir für schief. Pflichten des einzelnen und Ausgaben des Staates werden leicht ineinander verwirrt. Suchen wir uns zurechtzufinden. — Weder herrschen, noch dienen sind schlechthin gut. Das Ziel entscheidet. Es gab Menschen, die herrschen wollten, nur um zu herrschen. Ehrgeiz und Maßlosigkeit begleiteten ihren Weg. Holo- serneS herrschte so, aber Judiths Schwert fand ihn. Napoleons Unersättlichkeit erlag im brennenden Moskau. Herrschen, nur um zu herrschen, ist unsittlich.
Es gab Menschen, die dienen wollten, nur um zu dienen. Sonntagskinder waren sie und Boten des Lichts. Ihre Fußspuren waren eitel Segen. Göttliches Leben quillt aus ihrem Tun. Aber wenige fanden diese blaue Blume des Glücks. Die sie fanden, kamen auch an eine Grenze: sie mußten sich selber am Leben erhalten, um andern dienen zu können. . Einige überschritien selbst diese Grenze. Sie wurden Märtyrer und opferten ihr Leben. Einzelne vermögen das. Einem Staat ist es un- mögltch. Der Staat ist die verkörperte Sorge sür das leibliche Dasein und die geistige Wohlfahrt aller seiner Bürger. Hier liegt seine sittliche Pflicht.
So bleiben nur die beiden letzten Wege übrig: herrschen, um zu dienen oder dienen, um zu herrschen. Ist das letztere denn überhaupt möglich? O gewiß! Tausende leihen sich das Kleid des Dienstes und der Demut, um desto sicherer und kostenloser herrschen zu können. Scheinbar dienen sie; in Wirklichkeit sind sie in ihrer Unduldsamkeit unerträglicher, als die, welche offen herrschen. Der Geist der Herrschsucht ist oft gerade bei denen zuhause, welche .die Herrschenden* am hitzigsten be- ° kämpfen. Es ist viel bequemer, andere die hohe Verantwoctung der Herrschaft tragen zu lassen und selbst von Kritik zu leben. Man gibt vor, klein bleiben zu wollen; aber man fühlt gar nicht die Kraft in sich, zu wachsen und groß zu werden. Ein offenes, starkes Regiment ist tausendmal ehrlicher, als viele scheinbar sittliche Vorwürfe gegen die Macht. Schwache Leute erheben sie, die niemals mächtig sein können. Gerade dieser Krieg hat wie ein Blitz die Wolken zerrissen. Jetzt kommt die Stunde der Entscheidung. Warten wir sie ohne Drängen ab.
Der sittlichste Weg des Staates heißt: herrschen, um zu dienen. Als Bismarck 1806 nach der Macht Preußens in Deutschland begehrte, verstanden ihn viele nicht. Edle Männer standen abseits und grollten. Die Geschichte gab ihm Recht. Er hat das getan, um dem ganzen deutschen Volk zu dienen und es groß zu machen. Bismarck ging bewußt den Weg, sein Volk herrschen zu lehren, damit es seine Zukunft verstehe und so anderen diene. Wo ein Staat herrscht, übernimmt er Verantwortung. Je mehr öffentliche Verantwortlichkeit, desto besser. Lernen wir zuerst gerecht zu werden gegen unser Volk, dann werden wir e8 auch gegen die andern sein. Manche sind ungerecht gegen daS eigene Blut und das künftige Geschick unserer Kinder und Enkel, weil sie sich nur darum sorgen, gegen Engländer, Russen und Franzosen gerecht zu sein. Wir achten zuerst die Selbständigkeit unseres Volks. Wir tun nichts Häßliches, wenn wir die Feinde schwächen. Wir erfüllen unsere Pflicht vor der Geschichte, wenn wir herrschen lernen, um zu dienen. Da« ist eine ungeheuer schwere Schule. Mancher verirrt sich, der da« Beste wollte Aber wer e« nicht wagt, zwischen Abgründen zu gehen, ersteigt nie den Gipfel. Der Staat handelt sittlich. der sich nicht vor dem Herrschen scheut, sondern
alle sittliche Kraft zum Herrschen erzieht. Herrschaft zum Dienst heißt das Gesetz alles wirklichen Lebens.
Deutschland hat Herrschaft nicht begehrt. Vertraut die Geschichte sie ihm an, so soll es sich seiner Verantwoltung nicht entziehen unter dem Vorwand, daß dieser Weg nicht sittlich sei. Nicht in blindem Rausch begehren wir Macht. Wir zittern aber auch nicht, wenn uns gerechte Macht anoertraut wird, um unfern Ernst zu prüfen. Wachse, du deutsches Gewissen! Fülle dich nicht mit Eitelkeit, aber mit Kraft, nicht mit Uebermut, aber mit lebendigem Mut. Deine erste Pflicht heißt heute: Gedenke der Ströme vergossenen Bluts! Deutschlands Zukunft muß dieser ungeheuren Opfer wert sein l Vrele der Besten liegen stumm unter dem Rasen. Nein, sie rufen mit herzerschütternder Stimme: »Das taten wir gern für dich. Was tust du, Deutschland, für die Zukunft der Meinigen und der kommenden Geschlechter*.
Gott ging von jeher nicht mit den Zaudernden, sondern mit den Mutigen. G. Traub.
Warum das Elsaß deutsch bleiben muß.
Von Professor Lic. W. Kapp, Straßburg i. E.
»Warum das Elsaß deutsch bleiben muß*: kann und braucht man aus solche Frage deutscherseits eigentlich zu antworten? Daß das Elsaß deutsch bleiben muß, das kann gar nicht anders sein, das ist selbstverständlich, so spricht deutsches Volksbe- wußtsein; es sucht und braucht nicht zu suchen nach Vernunstgründen, es holt sich die Antwort aus den Tiefen des deutschen Gefühls, des deutschen, unmittelbaren Lebenswillens, der aus triebhafter Uebrrzeugung einfach setzt: Elsaß deutsch!
Das Gegenteil eine Unmöglichkeit!
Und dennoch, wir können das, was wir aus den innersten, tiefsten Gründen des triebhaften Willens einfach setzen, setzen müssen, auch mit hellen, klaren Gründen der Vernunft beweisen; es sällt dieser Beweis wahrlich nicht schwer, es bedarf dazu nicht der Verrenkungen und Gewaltsamkeiten, wie sie die Franzosen in ihrem krampfhaften Elfer, ihre Rechte aus das Elsaß zu begründen, sich leisten. Denn wer begreift nicht, daß ein Volk etwas, was ihm in Znten der Ohnmacht, der traurigsten Zerriffenhrit und Erniedrigung von der Seite gerissen worden ist, sich wieder holen muß, wenn es. wieder seine Kraft gesunden und neues Leben durch seine Adern rollen fühlt? Hat das alte Reich ohnmächtig zusehen müssen, wie der fremde Eroberer sich an seiner Westflanke in sein Fleisch setzte, so mußte es, zu neuer Macht erstanden, den Eindringling zu allererst abschütteln.
Das Elsaß ist so das Symbol gelvorden sür die Wiedererhebung der deutschen Nation, in dem Namen 'Elsaß ist alles beschlossen, was man seit 1870 vom Aufsteigen Deutschlands zu neuer Größe gesprochen. Elsaß wieder herausgeben, das hieße nichts anderes als zugeben, daß dies alles nur ein Traum gewesen. Elsaß wieder an Frankreich ausliesern. bedeutet nichts Geringeres, als wieder auf all das verzichten, was wir an nationalem Stolz in dem neuen Reich erworben und besessen haben.
Welcher Natioll, wenn sie nur noch etlvas Mark in den Knochen fühlt, dürste man solchen Verzicht aus sich selbst zumuten? Nein, niemals kann einem Deutschen im Ernst solcher Gedanke kommen. Es spürt jeder bis in die radikalsten Kreise hinein, daß ein Ausgeben des Elsaß ein Ausgeben unser selbst wäre.
Und es handelt sich ja nicht um ein beliebiges Stück Land, das, einmal verloren, nun wiedergewonnen werden müßte. Der nationalen Staatskunst hat es stets serngelegen, »jede Scholle deutschen BodenS, die wir in den Tagen der Schwäche preisgegeben, in unser neues Reich hineinzuzwängen '; aber hier kam eine ur - und grunddeutsche Landschaft in Betracht, die auch in den Jahrhunderten der Fremdherrschaft den deutschen
Eharakter schier restlos behauptet hat, da außer einer kleinen Minderheit von kaum 6 Prozent die Bevölkerung nur deutsche Muttersprache kennt. Wie sehr diese Tatsache den Franzosen unbequem ist. bewies erst kürzlich ein Artikel deS »Evenement* (vom 1. Mai), der da meinte, »daß wohl eine Anzahl Elsässer außerhalb der gebildeten Kreise eine Art von germanischem Dialekt gebraucht*, (l) Dieses deutsche Volkstum im Elsaß hat schon vor 1870 trotz des Hineinwachsens in den französischen Staat, trotz der Hinneigung seiner Bourgeoisie an die französische Kultur nie ausgehört, das Fran- zosentum als Fremdes zu empfinden und sich von ihm abzugrenzen. Kein Wunder, daß der französische Historiker Michelet: »Ich hüte mich, die Vogesen zu überschreiten, denn da beginnt germanisches Land *
Und dieses germanische Land, in das deutsche Verwaltung, deutsche Wirtschast^deutsches Bildungs- leben in 15 Jahren von neuem so tiefe Wurzeln eingcsenkt hat, daß die überwältigende Mehrheit des Volkes nur mit Grauen an eine nochmalige Ilmwälzung zu Gunsten Frankreichs denken könnte, das festzuhalten ist also eine Pflicht gegen uns und eine Pflicht gegen das Land. Aber selbst wenn die Bevölkerung, verwirrt und mißleitet, wirklich Gedanken der Rückkehr zu Frankreich hegte, selbst dann könnte Deutschland dieses Stück deut'chen Volkstums nicht wieder dem Welschtum ausliefern. »Wir dürfen nicht bulbeu, daß vor unseren Augen deutsches Volkstum grundsätzlich zerstört und herabgewürdigt werde zum Frondienst gegen Deutschland * (Treitschke).
Aber die deutsche Nation hat in dieser elsaß- lochringffchen Frage vor allem die Pflicht gegen sich selbst wah'zunehmen. Elsaß muß deutsch bleibm im Interesse der Sicherheit und Bewahrung des Reiche«. Wir können die Franzosen nicht wieder am Rhein brauchen, da sonst der gesamte Süden wie von selbst in das Interessen- und Machtgebiet Frankreichs hineinkäme. Man mühte in Baden, Württemberg, Bayern unwillkürlich mehr nach dem Westen schauen als nach Norden, das ganze Reichs- gesüze würde gelockert in dem Wiederaufleben der alten partikularistischen Selbsterhaltungstriebe dieser Staaten, die einstens nur durch Anlehnung an die französische Macht sich Gedeihen versprachen. »Fünfzig Jahre lang hing die Gefahr eines neuen Rheinbundes drohend über dem unbeschützten Südens sollen wir diese Gefahr wieder herausbeschwören und den Zusammenschluß der Süd- und Nordstaaten wieder in Frage stellen? Welcher Deutsche könnte auch nur von sernc jemals solchem Gedanken Raum geben? Nein, um der Sicherheit deS Reiches willen mußte die Grenze vom Rhein an die Vogesen und an die Mosel verlegt werden, Elsaß darf kein Brückenkopf werden sür die französischen AuSdehnungSbestre- bungen. Und dabei muß es sür alle Ewigkeit sein Bewenden haben!
Nur ein völlig niedergeworsenes Deutschland kann das Elsaß ausgeben. Aber besteht dafür auch nur der Schatten eitler Gefahr? Stehen denn die Franzosen im Rhcilllatld, oder stehen wir lies in Flandern und bedrohen Paris und die französisch-englische Küste? Aber es könnte dann sehr rasch dazu kommen, daß die Franzosen im Rheinland, im Herzen deutschen Wirtschaftslebens, stehen, wenn wir sie einmal im Süden am Rhein hätten. Das wäre enie Etappe auf de»n Marsch nach dem Rhein, der seinen Stoß gegen Mitte und Rordwesten Deutschlands richtete. Das Frankreich, das wieder am Oberrhein sitzt und an der Mosel, hätte keine Ruhe, bis sein Trauln: der Rhein, Frankreichs Grenze,
erfüllt wäre.
Aber abgesehen von diesen nationalen und po- Utischen GrÜllden ist uns das Elsaß zu wertvoll an sich, als daß wir es je preisgeben könnten. Wir müssen unS darüber klar sein, daß die Franzosen nicht bloß aus idealen Motiven so sehnsüchtig nach dem Lande ausschauen, sondern daß sie sich dabei von sehr realen Erwägungen leiten lassen. Elsaß hat. wie Lothringen in seinem Erz. unvergleichliche Bodenschätze in seinem Kali. Mit dem Besitz dieses Kali wären Frankreich. England,


