Ausgabe 
1.9.1918
Seite
3
 
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UekjSVE Irttung»

peterfäarc entsteht nämlich die wunderbare Kunst­seide. Von der Farbenindustrie und der Kunst- seideproduktion ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Herstellung unserer Sprengstoffe. Unsere Spreng­stoffe sind alle Körper, die in irgend einer Weise mit Salpetersäure in Berührung kommen. Selbst das alte, heute kaum noch gebräuchliche Schwarz­pulver war ein Gemisch von Holzkohle mit Sal­peter und Schwefel. Behandelt man Benzin, Toluol, Phenol, Glyzerin oder Zellulose (Baum­wolle) intensiv mit sehr starker Salpetersäure, so entstehen die Sprengstoffe, die heute dem Namen nach wohl jedem bekannt sein dürften: Aus Ben­zol das Trinitrobenzol, auS Tonol das Tnnitro- tonol, oder wie der technisch zusammengezogene Name heißt, das TroLy', aus Phenol das Trini­trophenol oder die Pikrinsäure, aus Glyzerin das Trinitroglyzerin und aus Zellulose die Nitrozellu­lose oder Schießbaumwolle. Das in fast allen Sprengstoffen wiederkehrende Wort .Trinitro" heißt drei Teile Salpetersäure auf einen Teil Benzol, Tolnol usw. Zu erwähnen bleibt schließlich noch der große Bedarf der Feuerwerkerei an Salpeter­säure, die im Krieg für ernste Zwecke sine große Rolle spielt, aber auch im Frieden der Schiffahrt unbedingt notwendig war.

Das über die Bedeutung der Salpetersäure. Der Leser wird es für nicht vermessen Hallen, wenn ich behaupte, im Frieden wäre Mangel an Salpetersäure für uns gleichbedeutend mit einer Welthungersnot und vollständigem Niedergang der chemischen Industrie, und in einem Kriege wie jetzt wären wir ein wehrloses Opfer der Einkreisunzs- politik unserer Feinde geworden.

Nun hörte ich die Vermutung, es wäre doch möglich, daß wir durch die Verarbeitung der Luft zu Salpetersäure eines Tages zu dem Resultat kommen würden, daß wir zu v'el Luft verbraucht hätten und infolgedessen nicht mehr atmen könnten. Der Gedanke ist zweifellos zu erwägen, jedoch zu ver­neinen. Ein Liter Lust wiegt etwa ein Gramm, wenn man nun bedenkt, daß vielleicht einige Millionen Kilo­gramm Salpetersäure btS jetzt hergestellt worden sind, so entspricht das doch schon ein.gen Milliarden Litern Luft. Zahlen liegen mir leider nicht vor, und kann ich deshalb keine genaue Berechnung ausführen. Man würde auch ganz bestimmt bel rmmer weiterer Verarbeitung eines Tages tatsäch­lich den Vorrat erschöpfen, wenn Nicht hier folgen­der Faktor mitspielte:

Die Sprengstoffe werden alle einmal zur Ex­plosion gebracht, und die ungeheure Kraft der Sprengstoffe beruht darin, daß die vorher festen Sprengstoffe durch die Zündung plötzlich wieder in die Gase verwandelt werden, aus denen sie ent­standen sind. Und sollten die Sprengstoffe nicht vollständig zerfallen, wie es bei einigen der Fall ist, so ist die Pflanzenwelt in der Lage, den letzten Rest zurückzuoerwandes/r. Die Pflanzenwelt voll­zieht aber im allgem^'aen nicht die Spaltung in Stickstoff und Sauerstoff sondern in der Zelle der Pflanzen sind noch nicht vom Chemiker nachgeahmte Prozesse im Gange, die den gebundenen Stickstoff, der dem Boden künstlich zugesetzt wird, oder sogar den ungebundenen Stickstoff der Luft zu den un­ersetzlichen gebundenen stickstoffhaltigen Eiweißkör- pern aufbauen, die für den menschlichen und tierischen Organismus unentbehrliche Bausteine liefern. So wird durch diesen kurz angedeuteten Kreislauf alles wieder gewonnen, und deshalb brauchen wir uns nicht zu wundern, daß bei dem andauernden Verbrauch von Luftstickstoff unser Barometer, auf deutsch Lustschwermesser, noch nicht tiefer gesunken ist als in den Vorjahren. Die ganze einmal angewandte Masse bleibt erhalten, sie macht nur verschiedene Zustandsä.Gerungen durch. Das Prinzip des ganzen Verfahrens be­ruht nur darin, durch Anwendung gewaltiger Kräfte, die uns die Wasserfälle liefern, die Stick­stoffteilchen an die Sauerstoffteilchen zu fesseln und sie dann im gewollten Augenblick zu zwingen, die ihnen aufgezwungene Kraft momentan wieder her­zugeben. Doch auch die Kraft geht nicht verloren. Es ist in unbedingt richtigen chemischen Gesetzen ausgedrückt. Aber das zu erörtern würde zu weit 'ühren.

Lieber Lot als Sktav'!

Mit seiner Botschaft zum Beginn des fünften Kriegsjahres, vor allem mit dem Schlagwort: .Haltet fest!" hat Lloyd George von neuem sich bemüht, das englische Volk zum zähen Ausharren im blutigen Ringen anzutreiben. .Haltet fest! Die große Schlacht ist noch nicht gewonnen, aber wir haben unsere Hand am Werke und müssrn bis zum Ende sortfahren, bis eine gerechte, dauerhafte Lösung er­zielt worden ist. Dann können wir sicher sein, daß die Welt vom Kriege befreit wird."

Es ist ein echt englisches Wort, dieses .Haltet fest!', das der erfahrene britische Demagoge, der die Seele der Massen kennt, seinem Volke und der Welt hingeworfen hat. . .Aushalten!" heißt's für die Verbündeten, und .Festhalten!" für England selber. Denn England hat etwas zum .Festhalten". Während seine Aliierten auf den europäischen Schlacht­feldern die Blüte ihrer Volkskrast opferten, verblu­teten und wie Rußland zusammenbrachen, ging England kaltblütig und. zielbewußt daran, seine großen weltpolitischen Pläne zu verwirklichen. Es nahm Aegypten, eroberte dir deutschen Kolonien, sicherte sich Arabien, drang in Mesopotamien und Palästina vor. Es schuf sich die Landbrücke zwischen seinen asiatischen und afrikanischen Besitzungen und rundete sein Kolonialreich durch die deutschen Schutz­gebiete wenn es alles .festhalten" kann. Das ist jetzt noch die große Frage.

Der Krieg ist heute, wo er sich auch rein äußerlich stärker denn je als rein englisch in seiner Art, seinem Ziel und in seiner Verlängerung offenbart, zum Krieg ums .Festhalten" geworden. Die Schlag­worte vom .Recht der kleinen Staaten", von der .Selbstbestimmung der Nationen", vom .Völker­bund" sind Schall und Rauch England will .festhalten". Was die Verwirklichung dieser Absicht für das Deutsche Reich und seine Verbündeten be­deutet, braucht nicht weiter ausgemalt zu werden. Wir alle wissen, wie jeder einzelne die wirtschaftliche und politische Knebelung und planmäßige Nieder- haltung eines auf engen Raum zusammengedrängten 70 Millionen: Volkes, die Auflösung Oesterreichs und die Verteilung der Türkei am eigenen Leibe bitter spüren würde.

Es geht um Sein oder Nichtsein. Das ist kein leeres Wort. Lloyd Georges .Haltet fest!" zerreißt wieder einmal die Schleier, die Gewohnheit, klein­liche Verbitterung, persönlicher Unmut um die großen letzten Entscheidungen gewoben haben. Die nackte Wirklichkeit grinst uns entgegen, jene Wirklichkeit, die wahr werden wird, wenn wir dem .Festhalten" nicht unserDurchhalten" siegreich entgegensetzen. Nie war uns der stumme zähe Wille zum Durch­halten nötiger denn jetzt. Es ist politisch und mili­tärisch nicht alles nach Wunsch gegangen. Wir sind durch unsere, großen Heerführer verwöhnt. Aber das Mißlingen einer militärischen Anstrengung, ein Rückzug aus frisch erobertem Kampfgebiet nach alten, erprobten Stellungen ist kein Anlaß, den Kopf hängen zu lassen und schwarz in die Zukunft zu blicken. Noch steht unbesiegt unser Heer tief in Feindesland, noch lenkt und leitet das Doppelgestirn Hindenburg Ludendorff das Schicksal der Schlachten. Noch arbeitet ' das werktätige «deutsche Volk Tag und Nacht, noch qualmen die Essen und dröhnen die Hämmer, noch reift eine reiche Ernte auf den Feldern oder häuft sich in den Scheuern. Und noch brennt in uns der Wille, frei zu bleiben von Knecht­schaft und Bevormundung.Lieber tot als Sklav'l"

Wir haben unsere Friedensbereitschaft bewiesen, wir haben im Osten Frieden erhalten und den Wünschen der von uns eroberten russischen Fremd­völker hinsichtlich der Bestimmung ihres zukünftigen Schicksals freie Hund gelassen. Wir haben neue selbständige Reiche aus unterworfenen und geknechteten Völkerschaften erstehen lassen: Polen, Finnland, Ukraine, das Baltenland zimmern sich selbst Staats­form und Zukunft. Wir sind keine Eroberer, die nehmen und festhalten; aber wir lassen uns auch nichts rauben und uns unser Recht aus Dasein und Selbstbestimmung nicht verkümmern.

Stimmungen kommen und gehen. Und das Leben ist hart und der Druck schwer, unter dem

mancher von unseren Volksgenossen seufzt. Wir nein die ganze Welt! will den Frieden und sehnt ihn herbei. Aber einen Frieden, der allen die Luft zum Atmen läßt und die Lust am Leben.

Diesen einzig gerechten Frieden will uns der britische Feind nicht gönnen, weil er dann das raubgierig in fernen Erdteilen Zusammengeraffte und sein Handelsmonopol nicht festhalten kann. Wir müssen, um uns Licht und Lust für die Zu­kunft zu verschaffen, diese Anschläge zunichte machen. Daher heißt es noch, die Zähne zusammenzubeißen, auszuhalten, durchzuhalten und zu siegen, bis wir die Bereitwilligkeit des Gegners zum Frieden, zum Verzicht auf seine Pläne desFesthaltenwollens" erkämpft haben. D. K. W.

Die Ludendorff-Spende.

.Man geht mit dem Klingelbeutel durch das Land für unsere Kriegsbeschädigten", so hört man so manchen Ortes sag:n, .und will damit dem Reiche eine Sorge abnehmen. Die Kciegsbeschädigten- fürsorg- ist Sache des Reiches; damit sollte sich die pcwate Liebestätigkeit nicht befassen!" Ganz recht; auch wir sind der Meinung, daß das Reich für seine Verteidiger zu sorgen hat; aber über diese Reichsversorgung hinaus gibt es noch so manches, was nicht erfaßt wird, 'so die wichtigsten Arbeits­gebiete der Kriegsbeschädrgtenfürsorge, die Brrufs- anpassung, Beratung, Ausbildung und Unterbrin­gung. Es ist eine soziale Forderung, daß man sich nicht damit begnügt, dem Kriegsbeschädigten nach einem Schema seine Rente zuzuerkennen und ihn dann einfach seinem Schicksal zu überlassen,- wie das hier und da früher der Fall gewesen sein mag. Das soziale Empfinden unserer Zeit ist viel zu ausgebildet, als daß wir bei dem nüchternen Ver­sorgungsstandpunkt stehen bleiben könnten. Diese Erkenntnis war die Geburtsstunde der bürgerlichen Kciegsbeschädigtenfürsorge.

Jm.^Anfang war es leicht, die zur Durchfüh­rung sozialer Hilfeleistung nötigen Mittel flüssig zu machen; rin Aufruf in der Zeitung genügte, um opferfreudige Geber zur Spende der erforderlichen Mittel zu bewegen. Mit der Zeit mußte jedoch diese Gebefreudigkeit Nachlassen; dazu kam, daß die Fürsorgenehmer immer mehr Hilfe in Anspruch nahmen, und daß auch ihre Zahl ständig und stark wuchs, die Ansprüche infolge der allgemeinen Teu­erung immer höher wurden. Wenn nun auch das Reich für die soziale K. B. F. 10 Mill. Mk. zur Verfügung stellte, so war diese Summe doch in Anbetracht der lawinenartig anwachsenden Anfor­derungen viel zu gering und konnte die Organe der Kciegsbeschädigtensürsorge keineswegs der ma- teri-llen Sorgen entheben. Der R A. der K.B.F. ging deshalb daran, durch eine großzügige einheit­liche Sammlung im ganzen Ruch weitere große Mittel aufzubringen. Zugleich sollte mit der Samm­lung der Beweis gebracht werden, daß die Heimat, welche die.Kriegsbeschädigten mit ihrem Leben und ihrer Gesundheit vor dem Schrecken des Krieges bewahrt hatten, in treuer Dankbarkeit keine Opfer schrut. Aus solchen Gedankenkreisen heraus ist die Ludendorff-Spende entstanden: rin stolzes Denkmal werktätiger Nächstenliebe, ein ehrender Beweis für die Opferfreudigst der Heimat. Alle Schichten des Volkes haben sich beteiligt, angefangen von den Fischern, die das Tagesergebnis ihres Fischfangs zur Verfügung stellten, den Schulkindern, die die mühselig erworbenen Groschen der Laubheusammlung darbrachten, und den Arbeitern, die eine halbe Tagschicht opferten und Tausende von freiwilligen Ueberst.inden machten, deren Ertrag der Spende zufloß, bis zu den Millionmgaben der Industrie und d:8 Handels und den Beiträgen der deutschen Fürsten. Jeder trug sein Scherflein nach seinem Vermögen bei, und so kam das stolze, auch die kühnsten Erwartungen überragende und alle bis­herigen Sammlungen tief in den Schatten stellende Ergebnis zu stände, daß das deutsche Volk freiwillig innerhalb hundert Tagen mehr denn 100 Mill. Mk. für seine Kriegsbeschädigten darbrachte.

Als man an die Sammlung heranging, stellte man einen neuen Grundsatz für die Verwendung