Ausgabe 
15.8.1918
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Nummer 19.

15. August 1918.

Matten-Lied.*)

Ihr und wir.

Ihr sangt sie alle, die Wacht am Rhein Und seid in den Kampf gestürmt.

Stark klang euer Lied, und über den Rain Haben sich Leichen getürmt.

Am roten Biwakfeuer des NachtS Drücket ihr froh euch die Hand.

Aus euren todmüden Augen lacht's:

Für Kaiser und Vaterland!

. Wir fingen kein Lied, wir reden kein Wort, Wir reichen nur stnmm uns die Hand Und kämpfen auf staubigen Wegen fort,

Wir ohne Vaterland.

Unsere Söhne stehen, wie ihr, im Feld, ' Mitten in Wetter und Wind Und kämpfen, als ging's für sie um die Welt, Die ohne Vaterland sind.

Und schwillt um uns empor der Haß Und drückt uns schmachvoll und schwer,

Wir hüten ein Kleinod ohn' Unterlaß,

Das ist die deutsche Ehr'.

Wir halten rein, wir halten weiß . .

Das deutsche, das herrliche Kleid,

Und tief im Herzen beten wir heiß Um Gottes Gerechtigkeit.

*) Ties Lied geht seit 1915 bei den Balten von Mund zu Mund, heimlich, ohne Verfassernamen, da Dichtung und Kenntnis solcher Lieder mit Kerker und Sibirien bestraft wurden.

Küte dich, deutscher Wichet!

Was hat die Feinde vor dem Krieg in ihrer Siegesgewitzheit am mächtigsten gestärkt? Dcr Glaube an unsere Uneinigk-it Nichts machte einen dickeren Strich durch ihre Rechnung, als der 1. August 1914. Darum hüte dich, du deutscher Michel, und wahre die Einigkeit mit allen Fasern deines Herzens! Das Ziel dieses Krieges ist der S eg, nicht« anderes. Man schämt sich, solche Binsen­wahrheit niederzuschreiben, aber es ist nötig. Es gibt Leute, die meinen, da8 Ziel dieses Krieges sei die Aenderung der Verfassung oder der Schulen oder der Gerichte. Das sollen Folgen des Krieges werden, dafür wollen wir auch kümpsen; aber sie sind dl.ch bei Gott nicht das Ziel. Das Ziel bleibt einzig der Sieg Ich höre sie schon lachen in London und jubeln in Paris. Sie flüstern einander zu: .Bald haben wir Deutschland wieder so weit." Wie weit? Mitten im Parteihader und im üblen Volkszank. Das ist es, was sie wollen. Niemand macht den Engländern größere Freude, als wer im deutschen Volk Zwietracht sät. Darum hüte dich! Wir haben alle Hände voll zu tun; jeder Nero und Muskel ist nötig, um festzustehen beim Anprall der Feinde und berm Steigen der NahrungSnot. Hier lause nach, hier brennt's. WaS hilft das beste Wahlrecht, w?nn man nicht siegt? So lange der Feind vor den Toren steht, denkt man nur an das eine, wie wir ihn schlagen. Der Feind aber heißt weder Reichstag noch Herrenhaus, nicht Stadt oder Land, sondern England.

Voller Sieg ist unsere einzige Losung. Es gibt Leute, welche immer noch meinen, der Feind wolle sich mit unS verständigen. Nein, lähmen will er uns, vernichten will er unsere Stellung, brechen will er unsere Macht aus ein Jahrhundert. Du bist und bleibst in der Politik ein unerfahrener Träumer. G»b denen den Laufpaß, die dir in den Ohren liegen mtt dem Wort: .Friede, Friede." Michel, du träumst, die Feinde wollen siegen und nichts weiter. Mußte denn Amerika und Cyina auch noch kommen, um dir das erst deutlich zu

machen? Darum straffe deine Hand und denk' nur an dein Schwert. Der kürzeste Weg zum Frieden ist unser Sieg. Da8 preußische Klassen­wahlrecht liegt am Boden. Ein Hohenzollernwort aus KriegeLsturmzeit bürgt dafür. Siegen wir, so ist die freie Bahn sür den Tüchtigen da, wa8 frei­lich kein Grundsatz der Gleichmacherei, sondern der besten Auslese ist und nicht dem Mittelmäßigen, sondern dem Leistungsfähigen in allen Schichten helfen soll. Siegen wir, dann hat das Volk Freude, Wohnungen zu bauen, Kinder zu zeugen, Acker zu pfttgen. Siegten wir nicht, dann wäre jede Lust zu Neuerungen gründlich verdorben. Dann er­schöpfte uns der wilde Kampf um da8 nackte Leben, dann ach, das ist ja unausdenkbar.

Siegen heißt, den Feind zwingen, daß er um Frieden bittet. Wer nicht gewinnt, verliert. EL ist ein Irrtum, man müsse den Feind schonen, da­mit er später keine Revanche nehme. Die Siche­rung unseres eigenen Millionenvolkes mit seiner hohen Kultur ist eine sittliche Ausgabe von so über­ragender Bedeutung, daß sie unser ganzes Hirn und Herz zu erfüllen berechtigt ist. Die Lust zur Revanche steigt, je schwächer sich ein Volk zeigt; mit einem Starken bindet man nicht gerne an. Darum wollen wir stark sein, damit wir später den Frieden wahren. Hüte dich, deutscher Michel. e8 gibt wahrhaft g wieder Leute, die dir den .Mili­tarismus" leid reden wollen. Ihm allein hast du es zu danken, daß dein Haus noch nicht ange­zündet ist und dein Acker noch dir gehört. Die Grundlagen unseres deutschen Volkes und seiner Staaten sind gut. Wir wollen sie noch bessern, aber allein um unsretwillen, nicht um des Ge­schreis in der Welt da draußen willen. In deren Augen bleiben wir rückständige Barbaren, weil sie nicht mit uns fertig werden. Die Höhe unserer Kultur braucht uns von Newyork und Petersburg nicht bescheinigt zu werden. Lassen wir niemand tasten an Flotte und Heer. Sie sind der wirkliche Hort deS Friedens, das internationale FriedenS- gerede erscheint daneben wie eine Fliege, die sich aus Bismarcks Schwert am Hamburger Denkmal setzt. .Einen unnötigen Krieg hat kein Hohenzoller geführt und kann ihn nicht führen," so sagt der liberale Geschichtsforscher Mommsen. So scharen wir un8 um unfern Kaiser! Unser Volk leidet, aber e8 ist groß in seinem Leiden. ES weiß, welchen Preis es gilt, und wir sollen eS ihm nie, nie vergessen. Deine Stunde ist da, deutscher Michel, daß du zum Michatt werdest. So sammle alle Kraft und hüte dich, daß dir keiner etwas von deiner Stärke raube. Der englische König rief kürzlich laut in einem Lazarett: .Die Deutschen sind eine Schweinebande!" (The Germans are only swine). Merk es dir, schweige und handle!

G. Traub.

Pas Selöstöestimmungsrecht der Pölker.

Wer hat eigentlich zuerst von dem zur Zeit so viel genannten Selbstbestimmungsrecht Gebrauch gemacht? DaS war Napoleon HI. Nach dem italienischen Krieg im Jahre 1859 ließ er in Sa­voyen und Nizza eine Abstimmung vornehmen. Er wollte aus diesem Wege prüfen, ob diese Provinzen sich künftig süc Frankreich entscheiden wollten oder nicht. Diese Volksabstimmung war natürlich ein lächerliches Posfenspiel. Bezeichnenderweise hat der Sozialdemokrat Bernstein, der die Geschichte der französischen Revolution von Heritier mit einem Nachwort versah, diese ganze Abstimmung mit wenigen spöttischen Worten abgetan. Heute aber gilt dieses Selbstbestimmungsrecht als der Zauberer, ohne den man nicht zu einem Frieden mit den Völkern kommen könne. Wie steht eS denn eigent­lich in Wirklichkeit aus? Wenn man sich heute bei den Bolschewiki Rat holen will, dann erinnere man sich, wie sie selbst den Landtag der Esthen gewalt­sam auSeinanderjagten. Wer wollte in dem Völker­gewirr des Balkans eine wirkliche Gerechtigkeit er­zielen, indem er dort den Völkern daS Selbstbe­stimmungsrecht einräumte? Wer so etwas will, kennt seinen Geographieatlas nicht. Rumänen.

Bulgaren, Serben, Albanesen liegen alle unter­einander. Aus einer Volksabstimmung muß doch wirklich der Sinn des Volkes herauskommen. Wie will man das denn machen bei Völkern, bei denen Hunderte und Tausende nicht lesen und schreiben können? Lebt man wirklich der Meinung, daß eine Volksabstimmung ein reineres Bild ergebe als eine in ehrlichem Ringen der Völker gefallene Ent­scheidung? Hier würde einfach daS Geld drn Auf­schlag geben, und ich habe noch nie gehört, daß eine Bestechung mit Geld etwas Sittlicheres wäre als eine Entscheidung mit den Waffen.

Schon der Sozialdemokrat Engels hat sich über die .sanften Nationblümlein" lustig gemacht. Nicht jedes Volk hat ohne weiteres das Recht auf Selbst­bestimmung, so wenig wie das Kind dieses Recht besitzt. Man muß geschichtliche Reife gezeigt haben. Völker, welche sich bisher nur als Spielball sür die Intrigen großer Staaten hergaben und zum Herd für Verschwörungen wurden, haben im Rat der Völker keineswegs das gleiche Recht auf Selbst­bestimmung wie die großen Reiche, welche in jahr­zehntelanger friedlicher Kulturarbeit bewiesen, was sie der gesamten Kulturwelt leisten. Wer hat übrigens die -Völker der Litauen, Letten und Esthen überhaupt erst wieder zu selbstbewußten, eigenen Völkern gemacht? Ohne daS deutsche Schwert, das sie von Rußland losgelöst hat, wären sie bis heute nichts anderes als .russische Untertanen". Das deutsche Schwert hat ihr VolkSbewußtsein wieder befreit und erlöst. Diese grundlegende Tat­sache bei der Entscheidung der Dinge nicht mit­sprechen zu lassen, wäre geradezu geschichtliche Un­gerechtigkeit. Der Sozialdemokrat Dr. Lensch erinnert in einem ausgezeichneten Artikel der Glocke (Nr. 8, Jahrgang 1915) die Sozialdemokratie daran, daß sie als Vertreterin der Arbeiterklaffe eine ausge­machte Gegnerin der .Kantönliwirtschaft" auf wirt- schastlichem wie aus weltpolitischem Gebiete sei. Wenn sie .durch künstliche Errichtung oder Erhal­tung von kleinen Parzellenstaaten, durch die nicht der Zugwind der Geschichte weht", hoffen wollte, die Entwicklung der Arbeiterklassen zu fördern, so wird sie nur Enttäuschungen erleben.

Das Selbstbestimmungsrecht der Völker, so wie es heute auSgedrutet wird, erscheint un8 nichts anderes als eine willkommene Phrase, um dem deutschen Volk sein Recht streitig zu machen, das ihm die Hingabe von Gut und Blut seiner Treuen vor der Welt und der Geschichte gegeben hat. Die Sozialisten aber müssen sich des Wortes von Engels erinnern: .Wir bemerken, daß die Theorie der all­gemeinen Völkerverbrüderung als Verbrüdern ins Blaue hinein von den Redakteuren der .Neuen Rheinischen Zeitung" schon lange vor der Revo­lution bekämpft worden ist und zwar damals gegen ihre besten Freunde, die englischen und französischen Demokraten".

Sorträge.

Seit zum letzten Male an dieser Stelle und im öießener Anzeiger über Vorträge und Unterhal- ungSabende für Verwundete im Anatomischen Jn- titut berichtet wurde, haben solche, wenn auch oeniger häufig, weiterhin stattgefunden. Im Juni lnd Juli wurden im Abstand von je 14 Tagen »irr UnterhaltungSabende in dem genannten Jn- titut veranstaltet. Herr Bakos hat seine Kunst n den Dienst der guten Sache gestellt und hat seine Zuhörer durch Vortrag ernster und heiterer Prosa md Poesie erfreut. Herr Dr. Schneider zeigte nittelS des Projektionsapparates Bilder aus dem Deltkrieg, von denen besonders die aus Zeit- chriften der Entente genommenen Interesse erregten. Zräulein eand. med. Breidenbach rezitierte Ge­richte neuerer Autoren, Fräulein cand. med. Mulch ang Lieder zur Laute. Mittels eines ausgezeich­neten Grammophons, das kürzlich eine gütige Spen­derin dem Roten Kreuz geschenkt hat, wurden Arien ms Opern wiedergegeben, nachdem der Unterzeich­nete vorher den Inhalt der Oper und den Text rer Lieder den Zuhörern erläutert hatte. An-