Ausgabe 
15.7.1918
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Nummer 17.

nne.

15. Juli 1918.

Deutsche Schicksalsstunde.

Nun schlägt der Haß wie Wetter in alles deutsche Land Vernichter oder Reiter, erschein im Weltenbrand.

Wir sind der Haß der Erde, ob Mann, ob Weib, ob Kind.

Doch, was auch daraus werde, wir bleiben, was wir sind!

Die Welt will keine Liebe von uns. Wir wissen das und kühl'n im Kampfgetriebe die Stirn am fremden Haß.

Der Stolz nur kann uns taugen zum Lahetrunk der Kraft.

Narr, wer auf fremde Augen und fremde Mäuler gafft!

Will euch nach Liebe dürsten,

so liebt, was deutsch und echt! x

Wir woll'n mit Liebe fürsten

den ärmsten deutschen Knecht.

Wir stehn vor Gott im Bunde

und teilen Recht und Schuld

und werfen vor die Hunde '

des Fremden Haß und Huld.

So laßt un^ schwör'n und fingen in Nacht und Sturm hinein, deutsch bis zum Todesringen, und nichts als deutsch zu sein!

Aus: Fl ex, Walter. ,.Jm Feld? zwischen Nacht und Tag". München. Verlag L. H. Beck. 1917. S. 3-4.)

Das Geheimnis der Weltgeschichte.

2)a8 Geheimnis der Weltgeschichte! Es reicht rin sterblicher Verstand auS, es zu fassen. In roßen bewegten Zeiten kommt uns aber seine M.xistevz gar nachdrücklich zu Bewußtsein. Da «erden die Menschenschickjale durcheinandergewürselt, nd jeder einzelne erschütternde Fall stellt die laute irage: Wozu? Es gibt kleine Zeiten, die von em Dasein jenes Geheimnisses kaum etwas wiss-n. ihnen lösen sich scheinbar alle Rätsel der Geschichte l deutliche Begriffe und Gesetze auf. Ihnen ist ann die Welt so eng. daß sie mit menschlichen ugen überall die Grenze zu erreichen meinen. In öahrheit ist die Welt unendlich und das Ziel der Zeitgeschichte in ewiger Ferne. Es ist das Zeichen es großen Geistes, sich dieser überragenden Größe er Weltgeschichte stets bewußt zu bleiben. Zum roßen Historiker gehört deshalb die Ehrfurcht, »erade je tiefer er eindringt in die Kenntnis der usammenhänge, umso ergreifender wird ihm offen­er. daß in all diesen Z ffam menhängen Kräfte «alten, für die wir lrtzten Endes wohl Namen b:x kein restloses Begreifen haben, deren erste luelle wir nicht kennen, und deren letztes Ziel wir ar von fern erraten können. Man hat die Welt- -schichte aus bequeme Formeln bringen wollen, auf gische oder wirtschaftliche, aus politische oder kul­turelle oder sonst dergleichen. Es ist kein Zufall, gerade einer der größten unter unfern Geschichts- rschern solche Formeln ablehnt. Ebenso wie er »i ablehnt, die Weltgeschichte nur als ein zufälliges urcheinanderstürmen, Uebereinanderhersallen, Nach- nanderfolgen der Staaten und Völker zu betrachten.

8 sind geistige Kräfte, Leben heroorbringende !' röpserische Kräfte, selber Leben, es sind moralische aergien. die wir in ihrer Entwickelung erblicken, «reibt Leopold o. Ranke in seiner gedankenvollen bhandlung über .die großen Mächte". (Jetzt mkenSwerter Weife bequem zu haben in ReclamS aiversalbibliothek Rr. 6975.) Ja, das Leben tber, das ist eben das Rätsel. Wie alle Technik in Leben heroorbringt, sondern nur dem Leben «mer neue Werkzeuge darbieten kann, so kann alle ' issenschaft nur Gesetze erkennen, nach denen das ' ben wirkt, aber nicht sagen, waS das Leben selbst i. Diese undefinierbaren Lebenskräfte, die wir in NS selbst verspüren, und in der ganzen W-lt um i S her, nur nach dieser eigenen inneren Erfahrung Nchließen können, sie blühen aus. sie nehmen die ' elt ein, sie treten heraus in dem mannigfaltigsten ' iSdruck, bestreiten, beschränken, überwältigen ein- ' «ander; in ihrer Wechselwirkung und Aufeinander-

folge, in ihrem Leben und Vergehen oder ihrer Wiederbelebung, die dann immer größere Fülle, höhere Bedeutung, weiteren Umfang in sich schließt, liegt daS Geheimnis der Weltgeschichte. Rankes Glaubensbekenntnis! Ihm gemäß sieht er in allen Fügungen der Weltgeschichte zugleich Forderungen an die Völker. Davon, wie sie diese Forderungen begreifen und erfüllen, hängt ihr Los ab. Es war ein Bedürsn'L des 17. Jahrhunderts, Frankreich einzuschränken, wie es heute ein Bedürfnis ist, Englands Uebergewicht einzuschränken. Denn unter dem Uebergewicht einer einzigen Nation würde alles Gute und Eigne der andern Völker erdrückt werden. Es soll aber jedes Volk sein edelstes Eigen erhalten und mehren. Die Menschheit soll nicht verarmen. Schon sieht Ranke die Eigenart der englischen See­macht und die wunderbare Entwickelung der preußi­schen Landmacht einander gegenüberstehen. Jedes der beiden Völker hat feine eigenen Wachstums­gesetze, die aus den ve'schiedenen großen Entwicke­lungen der früheren Jahrhunderte hervorgegangen waren. Es werden damit zugleich große Forde­rungen an die lebenden Geschlechter gestellt, beide Mächte hatten diesen ihren Weg zu schützen vor den französischen Revolutionsideen, die solcher natio­nalen Eigenart umso gefährlicher wurden, als sie sich mit französischer Ueberheblichkeit verbündeten. In schwerem Kampfe wurde die Gefahr abgewandt. Die bedrohten Völker taten ihre Schuldigkeit. Nun ist aus dem Gegensatz England-Deutschland die neue Gefahr geworden. Nun ergeht an unS die neue Forderung des Weltgeschicks. - Werden auch wir heute ihr Genüge lefftrn? Es wird sich auch darin wieder ein Teil des Geheimnisses der Weltgeschichte offenbaren. R. Strecker.

Der Milderreichtum unserer Soldaten­sprache.

Der Soldat spricht ein eigentümliches Deutsch. Reich ist es an derben Schlagern und kauderwelschen Wortungeheuern; es steckt voll herbem Spott und kostbarem, befreiendem Galgenhumor. Aber auch reich an Poesie ist die moderne Soldatenmundart. In ihrem poetischen Gehalt kann sie manch einen zünftigen Dichter beschämen. Gerade so wie schon viele Volkslieder in ihrer urwüchsigen Kraft, in ihrer eigenartig reizvollen, unverwüstlichen Schön­heit Wort- und Tongebilde in den Schatten gestellt und überlebt haben, die von Meistern mit vollen­deter Kunst gestaltet worden sind. Der Soldat ist ein mit großer sprachschöpferischer Kraft begabter Dichter, der in einem Bilderreichtum sondergleichen schwimmt. Allerdings gilt ihm der Inhalt alles, während sich seine Gestaltungskraft der Form, dem Vers und Reim, im allgemeinen noch nicht zuge­wandt hat. So kommt es, daß man sich bereits über die vermeintliche dichterische Unfruchtbarkeit unserer Kriegsleute wundert, während doch im Grund genommen manch- Stilblüten unseres Sol- datendeutsches bereits eine kostbare Kette von Ge­dichten darstellen.

Offenbar kann die dichterische Ausdruckskraft des Soldaten erst in der sogenannten Hcldenzone und im K impf durch dringen. Denn die an humorvollen Umschreibungen reiche Etappensprache ist allgemein derb prosaisch; all die Spitznamen, mit denen Kame­raden, Lebensmittel, Waffen und Kleidung bedacht werden, sind zwar witzig und sinnfällig, entbehren aber zumeist des dichterischen Adels.

Ein Dichter wird der Soldat für gewöhnlich erst in der .dicken Luft' des .wilden Westens", des .Stahl- und Eisenbades West', wo eS .Saures" gibt, .Grüße aus der Ferne", wo wir den Fran­zosen aus ihrem besetzten Land .Grüße aus drr Heimat" schicken. Die Artillerien .besunken", .be- aasen', .behacken" sich Und wenn sie das regel­mäßig des Morgens und Abends besorgen, so geben sie sich d:n .Morgen"- und .Abendsegen'. Schwillt das Geschützseuer zum Trommeln an, dann wird .Koks abgeladen". Der Grschützkampf wird aber auch als ein .Liebesgabenaustausch" angebrochen, bei dem dann die .Liebesgaben" herbeischaffenden Munitionskolonnen die .Paketpost" darstellen. Die oft und schnell ihre Stellung wechselnden feindlichen

Motorbatterien heißen .Wanderzirkusse". Aber auch .Reiseonkels", weil sie ihre.Reisemuster" ausstreuen und dann von unseren .BumSköppen" mit .Be­stellungen" bedacht werden.

Dichterisches Empfinden spricht auch aus dem Bestreben, die Geschütze in lebende Wesen zu ver­wandeln und das Geräusch bei Abschuß wie auch daS Dahinsausen der Geschosse mit Geräuschen der Tiere und des modernen Verkehrs zu vergleichen. Da gibt es nicht nur die .dicke Berta", sondern auch den .kurzen Gustav" (Piefke), den .langen Mox", die .Sockenmarie", die .schwarze Jule", den .Gurgel-August" und die .schlanke Emma", da gibt es .Bulldoggen". .Wind"- und .Kettenhunde", .Blindschleichen" und .Katzen", .schwarze Biester" und .schwarze Säue". Aber daneben auch .D-Züge", .Kohlenkästen", -.Schwebebahnen" und .Boller­wagen". Schließlich sind für gewisse Geschütze auch ? Bezeichnungen aufgekommen, die eine reine Laut­nachahmung darstellen. So .Ratsch-bum" und ,Tschi-bum". Machen die Schrapnelle .Bucquoi", dann regnet's Schrapuellkugeln. dann .streuen die Heinzelmännchen Erbsen".

Während die Kanonen wie zornige Hunde bellen und kläffen, werden mit Handgranaten .Schnee­ballschlachten" geschlagen. Man wirst mit .Knall­bonbons", .Delikatessen", .Schildkröten". .Kartoffel­stampfern". .Apfelsinen" und .Bananen", je nach­dem, welche Art der Handgranate man benutzt. Die Minenwerser, die .Minenhunde", werfen .Groß­mütter" gegen den Feind, während die schweren französischen Minen mit ihrem dreiflügligen Steuer .Schusterböcke" und die schwankend herankommenden englischen Minen .betrunkene Störche" heißen. Die Flieger, die von den .Dioisionswürsten" und .Himmelsgurken" als von ihrer .kurz angebundenen, aufgeblasenen Konkurrenz" reden, werfen nicht etwa Bomben, sondern .Eier" ab. Die Flugzeuge haben auf die verschiedensten Spitznamen zu hören, vom .Reisekoffer" bis zur .Wolkendroschke", zum .Möbel­wagen" und zur .Dreschmaschine". Ein abgestürztes, mit dem Propeller in der Erde steckendes Flugzeug .pickt Erbsen".

Häufen sich die Gcanattrichter, dann hat der Feind eine .Blumenvase', einen .Blumentopf" neben den anderen gesetzt, kommt aber ein .Blind­huhngeflogen", so ist das ein .Scheintoter", ein .zah­mer Engländer", der .auf einen Teppich gefallen ist".

Oft genug .zieht es" im Graben, es weht .bleierner Wind". Dann summen die wilden .Hummeln" und .Maikäfer", dann .schwärmen" die .Bienen", die .Lerchen singen". Querschläger heißen .Harzer Roller" oder .Totenpfeifen", und schlagen die .blauen Bohnen" in b ! e Bäume, so .hämmert darin der Specht". Eine Fülle von Bildern!

Neben der Marmelade haben unsere Maschinen­gewehre wohl die meisten Kosenamen erhalten. Sie sind zu.Stottertanten", .Teppichklopfern", .Mäh­maschinen" und .Totenorgeln" geworden. Mit ihnen wird das .Dach gedeckt", .ein Hindenburg genagelt" oder jemand der .Sarg zugehämmert".

Staunenswert ist es, in wie poesieoollen Aus­drücken sich der-Soldat mit dem Tode abzufinden weiß. Hat einer .ins Gras beißm", hat einer .dran glauben" müssen, ist wieder ein lieber Kame­rad .verschütt gegangen"^ hat's wieder einen .gk- saßt", dann heißt es ganz schlicht: .Nun müssen wir auch ihn begraben". Und es fällt für gewöhn­lich weder das Wort .Held" noch .Tod". Mit dem Tode steht der Frontsoldat auf vertrautem Fuß, und er scheut sich nicht, seine feldgraue .Schale" als .Totenkittel", seine Zeltbahn alstzeldensarg" und seine Erkennungsmarke als .Fahrkarte zum Himmelreich" zu bezeichnen. Auch entspricht es nur seiner stillen Ergebenheit, seiner Todesbereit­schaft und seinem heiligen Opserwillen, wenn ec ein Tal die .Totenschlucht" und einen Berg den .Sargdeckel" nennt.

Der Soldat sucht sich durch seine Ausdrücke einige ihm so notwendige Lichtblicke zu schaffen. So macht er den Unterstand zum .Heldenkeller", die Feldtelephonzentrale zum .Hauptverbandplatz" und die Grabenwohnung des Kompagniesührers zum .Arbeitsnachweis".

/ Walter Hammer in derWoche".