Ausgabe 
1.3.1918
Seite
5
 
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Nummer 8.

Veilnqe.

I.März 1918.

DaS Schicksal bricht drn Menschen nicht,

Ter Alltag ist es, der ihn bricht.

Den Alltag wollen wir verjagen,

Das Schicksal laßt uns freudig tragen!

A Geiger.

Keilige Hrdnung.

Mit gutem Grunde preist Schiller dieheilige Ordnung, die segensreiche Himmelstochler". Ihre Bedeutung reicht in der Tat viel weiter, als der Durchschnittsmensch sich klar -u machen pflegt. Sie ist das Fundament aller dauernden Erfolge. Daher da» grohe Gewicht, das aus sie in der Armee ge­legt wird, und von dem Beispiel der Armee haben alle anderen Großbetriebe darin zu lernen. Die deutsche Industrie man hat mit Recht oft da­raus hingewiesen, verdankt ihr schnelles und doch gesichertes Ewporkommen vor allem der mili­tärischen Erziehung unseres Volkes zur Ordnung. Wir gebrauchen gern da« Fremdwort .Disziplin*. Wa8 wir mit ihm meinen, ist in Wirklichkeit nichts anderes, als was das deutsche Wort Ordnung sagt. Das deutsche Wort ist nur noch umsassenderund gehaltvoller. Disziplin kann zu leicht miboerstanden werden, der böswillige Beurteiler deutet sie leicht als blinden Sklavengehorsam, als einseitige Unter­ordnung der Persönlichkeit unter Zwecke, die ihr wesensfremd sind. Recht verstanden dagegen ist Disziplin Einsügung in eine .Ordnung*. Sie muß sreilich manchmal btinb sein, diese Einsügung, sofern nämlich das Verständnis für den Zweck der Ordnung fehlt. DaS ideale, und erstrebenswerte Verhältnis aber wird immer sein, daß derjenige, der sich zu fügen hat, auch zugleich wifle, zu welchem Zweck er es tue. Es ist der beste Gehorsam und die wünschenswerteste Disziplin, wo freudiger Wille, eigenes Sachintereffe dem übergeordneten Willen entgegenkommt.

So aufgefaßt ist die Disziplin der untergeord­nete, Ordnung der übergeordnete Begriff. Woraus e8 ankommt ist, ein .Reich der Zwecke* zu schaffen, um einen Kantischen Begriff zu gebrauchen. Ein solches Reich der Zwecke ist jeder große Apparat: die Armee, eine Industrie, ein Ministerium schließlich das ganze Staatswesen. Tausend kleinere Zwecke müffen erreicht werden, um aus ihnen den letzten großen Zweck auszubauen. In Kleinigkeiten muß der Soldat zur Pünktlichkeit erzogen werden, damit er'S auch in der furchtbaren Stunde, wo es um Tod und Leben geht, wo er das Schicksal seines Vaterlandes mitzubestimmen hat. gar nicht anders weiß und sühlt, als daß er unbedingt und rücksichtslos dem einen anbefohlenen Zweck zu dienen habe. Roch mehr: Die Pünktlichkeit im kleinen ist nicht etwa nur eine moralische Vorbereitung für die Pünktlichkeit im großen: sie hat vielmehr schon ihren eigenen Zweck, sie ist selbst schon ein Teil des großen Gesamtzwecks.

Eine Armee soll aufmarschieren, zur festgesetzten Stunde soll alles zum großen Schlage bereit sein. Ein einfaches Bild, da8 sich dem Beschauer bietet. Die Hunderttausende treten an und schlagen los. Sie haben Munition genug, um tagelang zu kämpfen. Sie haben Ersatz, um ihre Lücken zu füllen. Für die Verwundeten, für die Verpflegung wird gesorgt. Dem Laien alles Selbstverständlichkeiten! Und doch, was muß vorher alles bis in die kleinsten Kleinig­keiten hinein durchdacht und vorbereitet werden, damit der Riesenapparat wirklich ohne Reibung zur > rechten Zeit richtig funktioniert. Zwei Ar­meekorps, die einander die Straße kreuzen, ein zur Unzeit durch Fuhrparkkolonnen verstopfter Weg, das Ausbleiben irgend eines unentbehr­lichen BedariSartikelS. oder was nur sonst an Zufällen die Ordnung deS Aufmarsches stören kann, vermag daS ganze System in Verwirrung zu bringen. Auf der Ordnung beruht der Sieg. Deshalb ist die Erziehung zu ihr die Grundlage aller militärischen Erziehung. Jeder einzelne Mann muß sich selbst in Ordnung halten, denn nur so kann er sich als ordentlich funktionierendes Glied

in die Gesamtordnung einfügen. Aus lauter wohl­geordneten kleinen Zellen, die möglichst regelmäßig aneinander anschließen müssen, setzt sich der Bienen­stock des Ganzen zusammen. Was im Bienenstock der Instinkt, muß im System menschlicher Zwecke die Vernunft besorgen.

Aber das Heer ist auch wieder nur Teil einer höheren Ordnung. Wir sprechen auch von .Staats­ordnung*, und eS liegt mehr Philosophie in diesem Wort, als man gewöhnlich bei ihm denkt. Wir sprechen von .Lebensordnung* und erinnern damit daran, wie auch jedes einzelne Menschenleben aus klarer Unterlage und nach klarer Gruppierung aller einzelnen verschiedenen Lebenszwecke ausgebaut werden muß. wenn's wohl geraten soll. Heilige Ordnung, segensreiche Himmelstochter!

Reinhart Strecker.

Isländern und die Ikamen. ,

1. Geographisch-politisch es.

Rach dem engeren geographischen Begriff ver­steht man unter Flandern die beiden westlich der Schelde nach dem Meere zu gelegenen Provinzen Ostflandern (Hauptstadt Gent), Westflandern (Haupt­stadt Brügge) und einen Teil der Nordwestecke Frankreichs (Hauptort Dünkirchen).

Im 19. Jahrhundert ist dann der weitere po­litische Begriff in Ausnahme gekommen, nach dem unter Flandern und Flamen (abgesehen von Fran- zösisch-Flandern) alle flämisch sprechenden Teile des belgischen Staates zusammengefaßt werden, d. h. außer dem eigentlichen Flandern die Provinzen Antwerpen, Limburg und der größere Teil der Provinz Brabant (mit Brüssel).

Den Rest des belgischen Staates bildet mit den Provinzen, Lüttich, Ramur, Hennegau und Luxem­burg die Wallonei, die von den Wallonen, einem germanisch-französischen Mischvolk, bewohnt wird. Die Wallonen sprachen von Hause aus eine eigene, vom Französischen verschiedene romanische Sprache, die aber ganz vom Französischen verdrängt ist.

Die Flamen dagegen sind ein rein germanischer Stamm von niedersränkischer Herkunft, gemischt mit niedersüchsischen und friesischen Bestandteilen. Ihre Sprache ist mit einigen mundartlichen Abweichungen das Niederländische.

Die Flamen bilden heute mit rund 4% Milli­onen Seelen unter den etwa 7 % Millionen Ein­wohnern des 1830 gegründeten Königreichs Belgien die zahlenmäßige Mehrheit.

2. Geschichtliches.

Nach dem Tode Karls des Großen kamen die flämischen Lande östlich der Schelde an daS Deutsche Reich, während das eigentliche Flandern dem Na­men nach ein Lehen der französischen Könige wurde. Doch sind gerade die eigentlichen Flamen mit der Macht ihres sreien Bürgertums das ganze Mittel- alter hindurch ein Bollwerk niederdeutschen Wesens gegen das Romanentum geblieben. Unter den Kaisern Maximilian und Karl V. sind alle flämischen Lande mit dem Deutschen Reich verbunden ge­wesen. Mit Philipp II., dem Sohne Karls V., kamen sie unter spanische, dann (anfangs des 18. Jahrhunderts) unter österreichische Herrschaft, die am Ende des 18. Jahrhunderts durch die der fran­zösischen Revolution und Napoleons abgelöst wurde. Nach der Schlacht bei Waterloo wurden Flamen und Wallonen für eine kurze Zeit mit Holland ver­einigt. Die hauptsächlich durch französische Umtriebe angezettelte Revolution von 1830 trennte im wesent­lichen aus Betreiben Englands und Frankreichs die südlichen Niederlande wieder von Holland ab und schuf den Zwitterstaat Belgien unter der Herrschaft der Koburger.

3. Kulturgeschichtliches.

Im Mittelalter blühte bei den Flamen eine hohe Kultur. Sie waren mit den großartigen Han­

dels- und Industriestädten Upern, Brügge, Gent, Antwerpen und Brüssel eine Zeitlang daS führende Volk Europas. Auch in Kunst, Literatur und Musik haben sie in früheren Jahrhunderten eine große Rolle gespielt. Seit der spanischen Herrschaft gerieten sie in Verfall; und erst seit knapp hundert Jahren ist ein Teil des flämischen Volkes durch die sogenannte flämische Bewegung zu neuem geistigen Leben erwacht.

4. Die Sprache der Flamen.

Wer vom Niederrhein oder aus dem Belgischen Land stammt, hat sich zu seiner freudigen Ueber- raschung tadellos mit den Flamen verständigen können, wenn er in seinem heimischen Platt mit ihnen .kallte*. Ost genug hat man die Versicherung hören können, daß die Sprache der Flamen für uns Deutsche aus der Nordwestecke deS Reiches weit leichter verständlich sei, als etwa der bayrische Dialekt. Jedenfalls hat diese Verwandtschaft unserer niederdeutschen, der sogen, plattdeutschen Sprache mit der flämischen in uns die Empfindung der Stammesverwandtschaft und daS Gefühl der inneren Zusammengehörigkeit wachgerufen.

Einige Wörter, die übereinstimmend im Platt­deutschen und Flämischen gebraucht werden, mögen uns die Verwandtschaft der beiden Sprachen vor Augen führen:

Aermel ---- Mouv, auswecken = tröffet maken, bewilligen = toestahn, Dachziegel = Dackpann, Fensterscheibe Ruit, essen --- eten, heute = van daag, neun = negen, gelb = geel, heraus naar booen, Herr, Meister = BaaS, spät --- lat.

5. Ortsnamen in Flandern.

Wer es liebt, mit forschenden Augen eine Land­schaft zu durchwandern, der hat's in Flandern leichter als in Frankreich. Des Studiums einer fremden Sprache bedarf eS nicht, um das Volk hier zu verstehen- wenn wir uns nur recht aus unser Plattdeutsch.besinnen, kommen wir schon weit.

Der alte flämische Bauer, bei dem ich in der gsergegend lange in Quartier lag, erzählte mir mit Behagen, eS sei am Meer eine lange Dünen- bank gewesen, an deren einem Ende habe Julius Cäsar Ostende, am andern Westende und in der Mitte Middelkerke angelegt. Daß Cäsar seinen Göttern wohl nicht gut eine Kerke bauen konnte, störte ihn dabei nicht.

So bequem wie bei diesen Namen, die unS ja ohne Erklärung verständlich sind, haben wir eS nun leider doch nicht immer. DaS alte Wort lar, so­viel wie Ort, in Deutschland in Wetzlar, Goslar, Kevelaer, hierzulande in Roeselare (die Flamen sprechen oe wie wir u, also Ruselahre) und Kouke- lare vertreten, ist in unserer Sprache lange ver­klungen. DaS deutsche heim (RüdeSheim, Hildes­heim) hat hier seine Verwandten in Isegem, Merkem, Gotthem, Beythem. Das uns aus Gemarkung- und Ortsnamen wie Bismarck (auS Bischossmark )bekannte alte Wort für Fel) finden wir hier in Langemark und Kortemark wieder, Feld selber in Lichteroelde (Groß Lichterselde bei Berlin gilt als eine Anlage flämischer Siedler, die an der großen Besiedlung des deutschen Ostens starken Anteil hatten, eS ist möglicherweise eine Tochtergründung von Lichter­velde) Dal und hooge kennzeichnen die hierzulande ja geringen Höhenunterschiede, berg ist ziemlich selten. In Frezenberg haben wir wohl eine alte friesische Siedlung. Für Waldungen gibt eS ein ganze Reihe von Bezeichnungen: bosch (Busch), woud (Wald, das flämische ou wird wie deutsch oh gesprochen), hout sHolz), loo, Eckloo und Waterloo sind ohne weiteres deutlich. Neben dem starken Baumwuchs heute allerdings mehr Baumreihen alS Wald ist ja daS dichte Netz von Gräben