Ausgabe 
1.2.1918
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5
 
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Nummer 6.

Beilage

1. Februar 1918.

An die Mütter!

Mütter, die ihr euch erquickt an der Kinder teuren Zügen und in ihnen mit Vergnügen vieles Künft'ge drin erblickt:

Schaut einmal recht tief hinein, und verschafft uns sichre Kunde:

Wird der Väter Kampf und Wunde in den Kindern fruchtbar sein?

Ludwig Uhland.

Ss gilt.

Die Völkerschlacht bei Leipzig war geschlagen- aber nicht der Besiegte, Napoleon, bat um Frieden- Das gehört nun einmal zu der Art unserer Feinde- daß man sich dort nichts merken läßt, auch wenn man am Abgrund steht. Nein, mir, die Sieger boten Napoleon den Frieden an. Am 15 Novem­ber erhielt dieser durch Metternich einen Friedens- entwurs. Napoleon aber nahm ihn gar nicht ernst. Er benutzte die Zeit, um sein Heer wieder herzu- stellen und seine Truppen gegen den Feind zu führen. Im deutschen Hauptquartier wartete man und wartete. Endlich gewann der Mut des Kaisers Alexander und die Ehrenhaftigkeit der preußischen Patrioten die Oberhand. Am 1. Dezember rückten sie zum Einmarsch nach Frankreich vor. Trotzdem hat man Napoleon immer wieder den Frieden an­geboren, feine Antwort war nur erneuter Angriff. Erst am 20. März 1814 brach man die Friedens- Verhandlungen endgültig ab. In dem .Vaterlän­dischen Ehrenbuchs lesen wir d,e Worte: . gab nicht wenige, die damals einen Frieden wünschten, den jeder Vaterlandssreund nur fürchten konnte * Die Geschichte ist dazu da. daß man aus ihr lerne!

Jedermann in Deutschland wünscht ehrlich den Frieden. Nur ein paar Dutzende wollen den Frie­den um jeden Preis erzwingen. Das sind dieselben, welche die Kriegskredite verweigern und so den deutschen Soldaten vor dem Feind keine Kanonen und keine Granaten zur Hilfe stellen. Man braucht sie gar nicht aus der Reihe deS Volkes herauszu- stellen; sie haben sich selbst in dieser Notzeit aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen. Alle anderen zu Hause und draußen kämpfen um einen ehren­vollen Frieden. Auch die« Wort ist sehr dehnbar. Je feiner die Empfindung und je klarer die Er­kenntnis für die Ehre und die Zukunft unseres deutschen Volkes ist. desto starker fühlt man die Verartwortung vor Kind und Kmdeskind. Wir wollen nicht zanken, wir wollen sammeln. Unsere verschiedenen Friedensangebote sind schmählich und höhnisch abgewiefev. Das ist der Ausgangspunkt für jedes ernstliche politische Handeln. Darum sollen wir heute nicht mehr träumen, sondern fest aus dem Boden stehen und nach Hindenburgs Worten stahlhart werden, damit wir siegen.

Wahngedanken gehen durch unser Volk. Ein Franzose selbst. Lrunay. hat berechnet, daß die deutsch-lothringischen Erzlager in Lothringen in 40 Jahren erschöpft sind. Er schreibt: .Der Besitz

der französischen Erzlager in Lothringen ist dann für Deutschland eine Frage von Leben und Tod, weil Deutschland wemg Erze besitzt.* Die Deut­schen aber, welche darum für den Erwerb des lothringischen Erzgebiets eintrelen, werden verdäch­tigt, als wären sie .von der Schwerindustrie ge­kauft/ Wir alle wollen wieder .unversehrte" Grenzen. Gerade dieser Krieg hat uns aber gezeigt, daß unsere Landesgrenzen uns keine genügende Sicherheit vor feindlicher Gefahr gewähren. Wir haben keinen Sieg und keine Sicherheit für unsere Kinder und Kindeskinder erfochten, wenn wir nur keinen Meter Scholle unseres jetzigen Bodens ver­lieren. Die Welt wird zwar in Sage und Lied die Tapferkeit derer preisen, die einer Welt stand­gehalten haben. Aber wir leben künftig nicht von Liedern, sondern von unerschütterlicher Grenzsicher­heit. Die wirkliche Sicherung unserer Grenzen verlangt Ausdehnung. Man redet vom Tausch unserer Kolonien gegen Belgien wie von einer selbstverständlichen Sache. Meint wirklich ein ernster

Mann oder eine ernste Frau, daß England irgend etwas an -Land oder Rohstoffen herausgebe, wozu es nicht gezwungen wird? Wo bat England bis­her seine Bereitwilligkeit gezeigt? Ehe England gezwungen wird, wird es uns keinen Strohhalm von seiner Beute überlasten. Mir dem russischen Reich, sagt man, sollen wir künftig in möglichster Eintracht leben. Wir wollten das schon immer mit jedem Volk und haben keinen Anlaß zum Krieg gegeben. Wenn aber Rußland in vierzig Jahren 250 Millionen Menschen haben wird, wird eS dann nicht ganz von selbst die Scharte des Welt­krieges wieder auswetzen wollen? Der deutsche Staatsmann würde gewissenlos handeln, der solche Zukunft nicht von vornherein inS Auge faßte. Also müssen wir Ostpreußen sichern und unserer Brüder im .Ostland" denken.

Fichte hat einstens dem deutschen Volk ins Stammbuch geschrieben. .Ein Staat, der sagt: .ich will nichts weiter haben", spricht eigentlich: .ich will auch nicht existieren". Man muß stets in der Lage bleiben, Treue' und Glauben erzwingen zu können. Jedes feige Nachgeben rettet dich nicht vom Untergang/ sonderndes gibt/dir nur eine kurze Frist schmählicher und ehrloser Existenz, bis du von selbst absüllft wie eine überreife Frucht. So entstehen solche .ehrenvollen" Frieden, die nicht einmal den Frieden gaben, weil sie dem Feind die völlige Ge­walt lasten, unmittelbar nach geschlossenem Frieden seine Pläne da sortzusetzen, wo er sie vor dem Kriege fallen ließ. ES ist dem Fürsten nicht erlaubt zu sagen: .Ich habe an Menschheit, ich habe an Treue und Redlichkeit geglaubt". So mag der Privatmann sagen. Geht er darüber zu Grunde, so geht er sich zu Grunde. Aber der Fürst geht nicht allein zu Grunde, sondern die Nation mit ihm. Glaubt er an Menschheit in leinen Prioatangrlegen- heilen und irrt er sich, so ist der Schade sein; aber er wage nicht aus diesen Glauben hin die Nation; denn eS ist nicht recht, daß diese und mit ihr viel­leicht andere Völker und mit ihnen die edelsten Be­sitztümer in den Kot getreten werden". So redet heute Fichte aus dem Grabe seinem lieben deutschen Volk ins Gewisten! Wer Ohren hat zu hören, der höre l

Verträge oder Annexionen?

Einem .Annexion' überschriebenen Aufsatz von AmtSgerickrtSrat Ritz in der .Europäischen Staats- und Wirtschaftszeitung" vom 14. Juli * entnehmen wir die folgenden Cchlu^aus-

führungen:

An sich ist eine Annexion so wenig ein Unrecht gegen die davon betroffene Bevölkerung wie der Wechsel der Regierungssorm in Sinem Staate. Auch diese kann, gleichviel nach welcher Richtung sie sich bewegt, gegen den Willen eines großen Teils, ja sogar der Mehrheit der Bevölkerung eintreten; die Errichtung der Republik in Portugal ist ein schla­gendes Beispiel dasür. Zum Unrecht werden diese Maßnahmen erst durch die Art ihrer Ausführung, insbesondere dann, wenn dabei die verständige Schonung der bestehenden Verhältnisse außer Acht gelasten wird. Eme Maßnahme, die kein Unrecht darstellt, kann aber gleichwohl unrichtig sein; und unrichtig ist eine Annexion schon dann, wenn der Zweck, dem sie dienen soll, auch auf einfachere Weise zu erreichen ist. . . . Unter allen Umständen bleibt eine Annexion eine gewaltsame und darum aus die Fälle dringender Notwendigkeit "zu be­schränkende Masiregel. Vor allem können wirtschaft­liche Ziele häufig durch Verträge ebensogut sicher- gestellt werden wie durch Annexionen. Daß der deutsche Handel über Antwerpen ohne Hemmung das offene Meer erreiche, ist ein wohlbegründeter Wunsch; ein Zollbündnis, vielleicht auch schon ein entsprechender Handelsvertrag mit Belgien genügt zu seiner Erfüllung. Aber auch die anderen Ziele, die mit einer Annexion verfolgt werden können, sind wenigsten-, teilweise einer solchen Regelung zugänglich Verträge zum Schutze nationaler oder religiöser Jateresten sind zahlreich geschlossen wor­den; wenn in jüngster Zeit, zumal bei unS, mehr Zurückhaltung in dieser Hinsicht geübt wurde, so

j besteht doch die Möglichkeit, das frühere Verfahren I wieder aufzunehmen. Der Fortbestand der flämischen | Hochschule in Gent und der jetzt durchgesührten Verwaltungsteilung deS belgischen Landes kann ebensogut Gegenstand eine« Vertrages sein, wie die ungehinderte Ausübung des lutherischen Glau­bensbekenntnisses in Rußland. Wir haben bisher durch unsere Zurückhaltung die Entstehung von Reibungsflächen vermeiden zu können geglaubt, hoffentlich haben wir auch diese Sentimentalität überwunden. Unsere Gegner haben sich durch solche Bedenken niemals irre machen lassen; zumal Eng­land ist ein wohl kaum erreichbares Vorbild, wie man durch Verträge sich die gleichen Ersolge sichern I kann, die eine Annexion mit sich brächte. Man braucht die Unehrlichkeit, die in der Aufstellung oder in der Belastung von Schattenherrschern liegt,

! keineswegs nachzuahmen; aber so schüchtern wie bisher werden wir auf diesem Gebiete künftig wohl nicht mehr sein. Es ist uns im Kriege trefflich zu statten gekommen, daß die Bahnen in Luxemburg unter preußischer Verwaltung stehen; ist eS un­denkbar. auch das öffentliche Verkehrswesen in Bel­gien unter die gleiche Kontrolle zu bringen? Und wenn das zu unserer Sicherheit gegen einen Ueber- fall im Westen nicht ausreichte, wäre eS dann ohne Beispiel in der Geschichte, daß ein Recht des Durchmarsches und der Festungsbesetzung in einem fremden Land eingerüLMt würde?

Selbst aus der am weitesten links stehenden Partei deS Reichstags sind Stimmen laut gewor­den, daß die Grenzpfähle nicyt ewig auf der Stelle stehen müssen, die längst verstorbene Diplomaten ihnen angewiesen haben. Das besagt, daß eine Annexion unter gewisten Voraussetzungen auch von dieser Richtung nicht völlig abgelehnt wird. Viel­leicht kommt man sich noch näher, wenn man sich gegenseitig darüber verständigt, was eine Annexion bedeutet und wie weit grundsätzliche Bedenken gegen die einzelnen Maßnahmen obwalten, die in diesem Begriffe zusammengesaßt sind. ES wäre nicht das erste Mal, daß sich zeigte, daß man zwar über die Begriffe sehr weit im Zwiespalt ist, weniger aber über das Wesen der Sache.

Don der Itamen Art.

Ein sonderbares Völkchen ist's, in dessen Mitte wir jetzt Hauken. Ueber alle Maßen lebensfreudig ist es und findet sich doch wunderlich gut in den Krieg. Oft genug hat es ihn im Wandel der Jahr­hunderte schmecken wüsten. Es ist kein Zufall, daß hier, wo schon im Mittelalter der Handel Reichtümer anhäuste, wie damals sonst nirgends in Nordeuropa, daß hier auch einer der wichtigsten alten Kampf­plätze j ist. Aus der Straße des Handels bewegten sich oäch die Heere. Und dazu war auch das reiche Land selber ein lockender Kampfpreis.

Der Krieg hat den flämischen Volksstamm ge­schaffen. Niedersranken, wie wir sie in Deutschland um Köln und Aachen herum haben, brachen bei der Völkerwanderung von Osten ber vor, sie ver­schmolzen sich mit den spärlichen Resten der alten keltischen Bevölkerung und mit den Friesen und Niedersachsen, die übers Meer an die flandrische Küste gekommen waren.

Seine niederdeutsche Sprache hat sich dieser flämische Stamm zäh bewahrt. Und immer hat er kirchlichen Sinn betätigt, der sich merkwürdig gut mit einer derben, prunkliebenden Lebenslust verträgt. Bunte Prozessionen liebt das Volk außer­ordentlich und die Kirmessen wurden mit ausge­lassener Lustigkeit und heiterer Schwelgerei gefeiert. Dieses Gefallen an bunter Pracht ist wohl ein Ausdruck der stärksten Kraft flämischen WesenS, der hervorragenden künstlerischen Begabung, welche diesen kStamm auszeichnet. Prächtige Bauwerke zeigt fast jede flämische Stadt, besonders die spitzen- seine Spätgotik hat'lhier köstliches geschaffen. Den klarsten, reinsten Ausdruck aber findet das Ftamen- tum noch in der Malerei; leuchtende Meisterwerke entstanden hier zu Zeiten, wo noch da8 übrige Nordeuropa im Banne der engen mittelalterlichen