Ihre Lage bekannt wäre, würde er gewiß gern etwas für Sie thun und Ihnen beiſtehen, er hält Sie aber für todt. Ich weiß, wie tief Sie ihn dadurch, daß Sie meine Mutter heirateten, gekränkt haben, doch er iſt ſo gut, ſo edeldenkend, und dabei liebt er mich ſo innig, daß er meinen Vater nie im Stich laſſen würde. O, Herr David, geben Sie mir nur die Erlaubniß, ihm Alles mitzutheilen! Laſſen Sie mich heimkehren, bevor man mein Fortſein bemerkt und ſich darum ängſtigt; bei nächſter Gelegenheit ſoll mein Vormund Alles erfahren, was ich von Ihnen weiß, dann wird er Ihr Freund ſein, wie er der meinige iſt. Bei ihm iſt Ihr Geheimniß ebenſo ſicher wie bei mir.“
Mein ganzes Herz lag in dieſen Worten, ich ſehnte mich ſo angſtvoll danach, freizukommen, doch er ſchien nicht meiner Anſicht zu ſein; mit einem Worte, er lehnte meine Vor⸗ ſchläge ab.
„Petronel, gedenkſt Du nicht des feierlichen Schwurs, den Du bei unſerer erſten Unterredung geleiſtet?“
„O gewiß! Habe ich ihn nicht treu gehalten?“
„Ja, das haſt Du; doch Du mußt es auch fortan noch
Concordia.
thun, meine damals.“
„Sind Sie denn immer noch in Gefahr, in Gefangenſchaft zu kommen?“
„Ja, mehr wie je— mir droht die Gutllotine!“
Bei dieſen Worten ſchrak ich zuſammten und wurde leichen⸗ blaß. Einem ſo zarten Kinde wie mir konnte ja auch keine ſchreckenerregendere Drohung wie dieſe entgegengehalten werden.
„Mancher politiſche Verbrecher büßte ſchon darauf ſeine Schuld, liebes Kind, und es liegt kein Grund vor, weshalb man mit mir eine Ausnahme machen ſollte.“
„Ich will Sie ja auch nie verrathen,“ rief ich angſtvoll aus,„doch welchen Nutzen kann es Ihnen bringen, mich hier noch länger feſtzuhalten? Geld habe ich weiter nicht als das, was vor Ihnen liegt, an Schmuckſachen habe ich auch weiter nichts bei mir als das, was Sie ſehen, mögen Sie es gern, wie ich ſchon vorhin ſagte, hinnehmen, laſſen Sie mich nur frei! Was denken ſie zu Hauſe wohl über meine lange Ab⸗ weſenheit, und was ſoll ich bei meiner Rückkehr ſagen?“
(Schluß folgt.)
Gründe hierzu ſind noch dieſelben wie
Der Räußerkönig von Varis. Roman von Wilh. Grothe. (Schluß.)
So vorſichtig der Räuber bei ſeinem Herabſteigen verfahren war, ſo konnte er doch, als er in den Kamin gelangt war, nicht jedes Geräuſch vermeiden.
„Wer iſt da?“ fragte die Dame, ſich umblickend.
Da ſtürzte ihr Dominique zu Füßen, ſie um Hilfe und
Rettung anrufend; er ſei von hartherzigen Gläubigern ver⸗ folgt, die ihn in das Gefängniß bringen wollten, er ſei ver⸗ loren, wenn ſie ihn verrathe. Aber er unterwerfe ſich ihrem Willen. Dominique war ein gewandter Schauſpieler, ein tüchtiger Schauſpieler— er rührte die junge Dame, daß dieſe ihm Kleider ihres Mannes lieh, damit er ſicherer ſeinen Gegnern entgehen könne.
Am folgenden Tage erhielt ſie die Kleider mit einem Dankſchreiben, unterzeichnet Louis Dominique Cartouche, und einem koſtbaren Geſchenke zurück.——
Dieſer Ueberfall hatte dem Räuberfürſten Paris für den Augenblick verleidet und er beſchloß, ſich von ſeiner Schau⸗ bühne auf einige Zeit zurückzuziehen. Er wandte ſich nach Bar⸗ſur⸗Seine. Nicht lockte ihn dorthin der reiche Weinbau, nicht das wunderthätige Marienbild; er beſchloß, dort eine eigenthümliche Rolle zu ſpielen, ſich in eine angeſehene Familie als Mitglied einzudrängen.
In Bar wohnte die wohlhabende Wittwe Bourguignon, deren Sohn Charles ſchon fünf Jahre vom Hauſe abweſend war und dorthin auch nie zurückkehren konnte, weil er nicht mehr unter den Lebenden weilte, was aber der Familie un⸗ bekannt war. Dominique hatte vor Jahresfriſt den jungen Mann getroffen, ſich ihm angeſchloſſen, von der Aehnlichkeit deſſelben mit ihm überraſcht, dann ihn ſeiner Geheimniſſe und Papiere beraubt, da Charles in ein hitziges Fieber fiel, dem er auch unterlag.(Daß Charles Bourguignon für Cartouche
gehängt ſei, iſt eine längſt widerlegte, ganz unbegründete Sage.)
Zu dieſer Wittwe Bourguignon eilte nun der gefährlichſte Räuber Frankreichs, und ſo gut das Mutterauge ſonſt zu ſchauen vermag, täuſchte er es, daß ſie ihn als ihren heiß⸗ erſehnten Sohn empfing. Jubel herrſchte in der ganzen Familie über den endlich Zurückgekehrten, eine Feſtlichkeit jagte die andere. Cartouche lächelte im Gefühl ſeiner Sicherheit und dupirte das ganze Städtchen, welches ihm ſeine Töchter dar⸗ ſtellte, daß er aus ihnen ſich das künftige Ehegemahl erwähle.
Unter dieſen Mädchen befand ſich auch die Tochter des Maire. Louiſon Beauregard, eine Blume, deren Duft ihn anreizte, ſie zu brechen. Der Himmel behütete ſie, die Gattin des Verbrechers zu werden, indem er ihr eine andere Liebe einflößte. Der Widerſtand, den der vom Vater begünſtigte Dominique fand, reizte ihn mächtig und führte ihn zu Schritten, die ihn in der Provinzſtadt bloßſtellten, während ſie in Paris belächelt wären.
Die Beauregard's beſaßen vor den Thoren des Städtchens ein Landgut, weniger groß, als einſam und reizend gelegen. Dies war das Ziel von Louiſon's Spaziergängen, die ſie an jedem Tage, bald in Begleitung ihres Vaters oder ihrer Mutter, bald unter dem Schutze der alten Dienerin, die einſt ihre Wärterin geweſen, hin und wieder auch allein zurücklegte. Einen ſolchen Ausflug dachte Dominique zu benutzen, um das Ziel ſeiner Wünſche zu erreichen.
Die Gelegenheit war von ihm erſpäht worden; das Land⸗ gütchen beſtand aus einem kleinen Häuschen, das der alte Gärtner bewohnte, und einem mittelgroßen Garten, an deſſen Ende ſich eine Grotte befand. Hier pflegte ſich Louiſon auf⸗ zuhalten, mit einer Handarbeit beſchäftigt oder ſich ihren Ge⸗ danken überlaſſend, umſomehr allein, wenn ſie ohne Begleitung gekommen war, da der halbtaube Gärtner ſich nie in dem
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