4⁵⁶
„Halt' ein, Ungeheuer!“
Damit entwindet ſie ihm den eben zuſammengefalteten Brief, zerreißt denſelben und wirft ihn mit einem Aufſchrei ſittlicher Entrüſtung vor die Füße des Grauſamen.
„Darum habe ick meine Liebe an Dir verſchwendet,“ hebt ſie in Berliner Deutſch zu wehklagen an,„damit Du jejen mir Dir jeſtalteſt zu einem heißhungrijen, Jejenſtands bejierijen Unjethüm?“
„Jette, wo chomſcht Du här? Haſcht wieder einmal ge⸗ hoorcht?“ ſucht ſich der Ueberraſchte zu ſammeln.
„Jehorcht habe ick, aber an Deinem Herzen und dies Herz — o Jammer!— ganz jefroren jefunden. Du willſt mich Arthur entreißen— nimmermehr!“
V V
Concordia.
„Aber Jette, ichch daachchte, Du liebteſcht mich?“
„Undankbarer, ick that es, und zwar mit der janzen un⸗ jeheuren Ilut meiner Seele— ach!“ und ohnmächtig liegt ſie in den Armen des weichgeſottenen Tyrannen.
„Hat ihm ſchon!“ ertönt es in überaus hoher Stimmlage; „beim Heiligthum meiner Börſe— ſo bin ich ſie los!“
Der Inhaber dieſes gletſcherhaft ſteilen Tenors, einer er⸗ ſtaunlich erhabene Geſtalt, aber ſo dürr und ſchmächtig, daß man geneigt iſt, ſie für einen Fleiſch gewordenen Rieſenbleiſtift zu halten, iſt plötzlich von den Couliſſen her, wo ſich keine Thür befindet, alſo mitten durch die Wand auf die Szene getreten.(Schluß folgt.)
Plaudereien.
Der Schneider⸗Kaiſer von Kyſfhauſen.
Weit und breit im lieben deutſchen Vaterlande iſt die Sage vom Kaiſer Friedrich Barbaroſſa bekannt, der auf dem Kyffhäuſer in Thüringen ſeine Wohnung aufgeſchlagen hat, von dort aber noch vor dem Jüngſten Tage wiederkehren und ſein Kaiſerthum von Neuem glorreich aufrichten wird. Den Kopf in die Hand geſtützt, ſitzt der greiſe Held an einer ſteinernen Tafel, durch welche ſein Bart bis zu den Füßen hinabgewachſen iſt, beſtändig mit dem Haupte nickend und mit den Wimpern zuckend, als wolle er jeden Augenblick aus ſeinem hundertjährigen Todesſchlafe erwachen. Einmal ſoll dies auch ſchon geſchehen ſein zu eben der Zeit, als Doktor Martin Luther zu Eisleben ſeine Seele aushauchte, denn zugleich mit der Trauerbotſchaft von dem ſeligen Hintritte dieſes Glaubensfürſten erſcholl durch die thüringiſchen Lande auch die freudige Kunde, Kaiſer Friedrich wäre wieder aufgeſtanden, und gar Viele rühmten ſich, ihn lebend und von Angeſicht zu Angeſicht geſehen zu haben. Schlimmer aber, als bei dieſer Gelegenheit ein großer Theil der Bewohner Thüringens hat ſich wohl ſelten Einer in ſeinen Hoffnungen und Erwartungen getäuſcht geſehen, denn Niemand anders als— ein wahnwitziger Schneider aus Langenſalza war es, der um jene Zeit für Seine kaiſerliche Majeſtät von Deutſchland gehalten wurde. Den Namen des armen Geiſteskranken hat uns die Chronik nicht aufbewahrt; nur ſoviel iſt von ihm bekannt, daß er aus Langen⸗ ſalza gebürtig und nachmals unter die Sekte der Wiedertäufer ge⸗ rathen war. Wegen Streitigkeiten, die ſeiner ſektireriſchen Be⸗ ſtrebungen wegen zwiſchen ihm und dem Rathe von Langenſalza entſtanden, kam er in gefängliche Haft und hier ſchon mag er wohl irre an ſich und der Außenwelt geworden ſein. Nach ſechs Wochen erfolgte ſeine Freilaſſung, allein nicht lange nachher wurde er unter Graf Wilhelm von Henneberg mit mehreren anderen Wiedertäufern abermals gefänglich eingezogen, und als man ihn nach Ablauf ſeiner Strafzeit freigeben wollte, war er ſchlechterdings nicht dazu zu bewegen, ſeinen Kerker zu verlaſſen.—„Wie wol dann auch die Thür des Gefängnis offen geſtanden, ſoll doch der Gefangen bei zwain Jahren im Kerker ſitzen blieben ſein“— erzählt ein gleichzeitiger Berichterſtatter, deſſen weiteren Mittheilungen wir von jetzt ab folgen wollen.—„Für wenig Wochen iſt er dann heraus⸗ gangen und hat ſich wiederum in die thüringiſchen Lande begeben. Da iſt er auf dem Küffhäuſiſchen Berge in eine Kapelle kommen, allwo er drei oder vier Tage und Nacht bei einem Feuer geſeſſen. Nachdem aber die Leute, ſo darbei wohnen, des Rauches aus der Kirche innen worden, und zu Ime gegangen, haben ſie ein ſattſam
hört, daß er wunderliche Reden getribben, ſich vieler König⸗Reich und
Kaiſerthums berühmet. Seine Geſtalt war ſo hager und dürr,
Verantwortlich
daß Manche meineten, er were ganz hohl. Gekleidet fah man ihn mit einem ſeltſamen weißen Mantel und ledernen Hoſen, und neben ihm fand ſich nichts, denn zwei Töpfe, in deren einem Feuer, im andern etwas Weizen war, desgleichen einige ſeltſame Waffen. Auf die Frage: wer Er ſei, und warum Er hier herumwandle? gab er zur Antwort:„Ich bin Kaiſer Friedrich und deshalb hier er⸗ ſchienen, daß ich wieder Friede auf die Welt bringen will, denn die Fürſten, die jetzo regieren, werden's nicht ausmachen. Gott hat mich jetzo auferwecket, um die kaiſerlichen Rechte wieder in's Leben und zur Geltung zu bringen.“ So ſprach der Mann noch manches Wunderbare, alſo daß Alle, die ihn hörten, erſtaunt waren. Solches aber iſt ferner(bis in die Ferne) auszebreitet und hat viele Leute der neuen Zeitung begierig geurſachet, daß ſie auf das Gebirge gelaufen, den Menſchen geſehen und darnach geſagt, Kaiſer Friedrich wär aufgeſtanden! Durch das erſchollene Gerücht be⸗ wogen, ſind endlich die Räthe des Grafen Günther zu Schwarz⸗ burg auch gegen Kyffhauſen geritten, die Perſon zu beſehen und die Sache gründlich zu erfahren, und haben alda viel Volgks, wol bei dreihundert Menſchen, bei dem armen wahnwitzen Manne befunden, der aber ohne Falſch und ohne Betrug nichts geredt und gethan, das ſchädlich oder gefährlich.“ Gleichwohl nahmen ihn be⸗ ſagte Herren, indem ſie ihm eine Art von Halfter aulegten, mit gen Sondershauſen. Was aber weiter aus ihm geworden, ob er ge⸗ neſen oder im Wahnſinn verſchieden iſt, erzählt uns der Chroniſt nicht. Wie man ein Pferd ehrte.
Das Pferd, das der Herzog von Wellington in der Schlacht bei Waterloo ſiebenzehn Stunden, ohne abzuſteigen, geritten hatte, ſtarb 1836, über ſiebenundzwanzig Jahre alt. Nach ſeiner Rück⸗ kehr ließ Wellington auf ſeinem Landgute einen Grasplatz einhegen, wo das Pferd ſeitdem in vollkommenſter Behaglichkeit lebte. hatte einen bequemen Stall, eine üppige Weide und erhielt täglich zweimal Hafer, der in den letzten Jahren geſchroten wurde. Die verftorbene Herzogin reichte ihm täglich ein Stück Brot, und dieſer Beweis von Wohlwollen gewöhnte das Thier, ſich jeder weiblichen Geſtalt mit freundlichem Zutrauen zu nähern, was beſonders nach dem Tode der Herzogin der Fall war. Das Pferd war ſchön ge⸗ baut, von Mittelgröße und kaſtanienbrauner Farbe. In ſeinen letzten Jahren war es auf einem Auge erblindet und mager und ſchwach geworden. In ſeinen guten Tagen hatten begeiſterte junge Frauen manches Haar aus ſeinen Mähnen und ſeinem Schweife erhalten, um es in Schmucknadeln und Ringe einzufaſſen, und als man das Thier mit militäriſchen Ehren begraben hatte, ward es heinlich
72 25
er Redakteur: Otto Freitag in Dresden.— Verlag von Orko Freitag in
ausgegraben und einer ſeiner Hufe abgeſchnitten, den der nie ent⸗ deeckte Thäter vermuthlich als eine Reliquie aufbewahren woltte.
Ein junger Maler, Edmund Havell, hat das Pferd gemalt.
5— Druck von F. W. Gleißner in Dresden.
Dresden.
—
—
—-⸗ℳ§ℳℳℳ-————— 2—.ꝛ——


