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Concordia.
Anſtrengung, ſie vermochte ihren Gegnern nicht zu widerſtehen, man warf ſie auf die Schiefertafel und hielt ſie dort feſt.
„Gnade, Gnade!“ kreiſchte ſie. Kalt ſenkte Dominique das Eiſen und zerſchnitt ihr die Kehle, dann hob er nochmals den Stahl und ſtieß ihr denſelben in die Bruſt. Nach einer Minute hatte Marguerite zu leben aufgehört.
9. Kapitel. Am Fodestage des Königs.
Herr d'Argenſon ſchäumte vor Wuth, als um Mittagszeit des folgenden Tages Ernſt de Villeneuve bei ihm eintrat. Was ihn in Wuth geſetzt hatte, wußte der junge Edelmann ſehr wohl. Man hatte am Morgen auf dem Grove⸗Platze einen entkleideten weiblichen Körper ohne Kopf, an den Beinen aufgehängt, vorgefunden. Daneben war eine Schrift an⸗ geſchlagen, welche den Tod allen Polizeiſpionen anzeigte, wie er dies Weib getroffen habe, das auch den Späherweg gewandelt. Einige Stunden ſpäter hatte der Generalpolizei⸗ lieutenant eine Kiſte erhalten, welche den Kopf der unglücklichen Marguerite enthielt. In dem Begleitſchreiben forderte nan ihn auf, ſich hinfort doch keiner Weiber zu Spionen zu be⸗ Das war die Urſache ſeines Zornes, ſeiner Wuth.
„Nun, was ſagen Sie zu dieſer Frechheit?“ rief er dem Eintretenden entgegen.„Sie wiſſen doch ſchon, was vor⸗ gefallen? O, unerhört! Ich könnte mich ſelbſt umbringen. Dieſer nichtswürdige Hohn!“
„Sie haben recht, über die bodenloſe Frechheit außer ſich zu ſein,“ verſetzte Villeneuve;„die Schurkerei hat ihren Kopf erhoben, wie nie zuvor; ſie prahlt förmlich mit dem Verbrechen. Ganz Paris iſt in Aufregung über die Schamloſigkeit der Mörder und zittert vor den Räubern, welche das wagten.“
„Daß ich ſie zerreißen laſſen könnte!“ knirſchte Herr d'Argenſofs„Was aber noch mehr— Sie erinnern ſich, wie jenes Weib uns vor ungefähr zwei Jahren eine Bande ver⸗ rieth, welche mich über die Erfolgloſigkeit aller Bemühungen, ſie zu entdecken, verſpottete?“
„Sie wurde insgeſammt niedergehauen.“
„Wie wir geglaubt habenz dem iſt nicht ſo.“
„Woher wiſſen Sie das, Herr Generalpolizeilieutenant?“
Statt der mündlichen Antwort reichte dieſer ſeinem Ver⸗ trauten das Begleitſchreiben der Kiſte, welche Marguerite's Haupt enthalten hatte, und einen anderen Brief.
„In der That ſcheint das von einer Hand herzurühren,“ bemerkte der junge Edelmann.„Haben Sie Herrn Parlaments⸗ rath Lefévre dieſe Schriftſtücke gezeigt?“
„Und von ihm ſchon die Beſtätigung erhalten,“ ſtimmte d'Argenſon bei.
„Und was ſagte der Herr Parlamentsrath weiter? Iſt ihm ſonſt nichts an der Handſchrift aufgefallen?“
„Sie kennen Lefèvre— er hat merkwürdige Anſichten. Man darf, ohne in den Geruch des taktloſeſten Hochverrathes zu verfallen, kaum Alles wiederholen, was er über die Lippen gebracht hat. Wichtiges, Brauchbares war es durchaus nicht für uns— gelehrte Dummheit, die ſich ſelbſt vor dem Hei⸗ ligen nicht ſcheut.“ 1
„Was ſagte Herr Leféore, das ſo Ungeheures in ſich birgt?“ fragte der junge Edelmann.
„Man könnte es lächerlich finden, wenn die Zeiten über⸗ haupt nur zum Lächeln geſchaffen wären. Da ſoll zwiſchen
diefer Handſchrift und der unſeres erhabenſten Monarchen, der leider dem Grabe zuwankt, daß ſchon die Frau Herzogin von Maintenon ihn zu fliehen beginnt und die Vorzimmer des Palais royal nicht leer werden, während ſich Alles von dem Sterbebette Ludwig's des Großen zurückzieht— da ſoll alſo zwiſchen den beiden Handſchriften eine Harmonie beſtehen— nur daß der Schreiber dieſes unterrichteter ſei, als der Monarch. Iſt Ihnen je eine ſolche Eigenthümlichkeit im Urtheil vor⸗ gekommen? Louis XIV. und ein Räuber!?“
Villeneuve ſenkte das Haupt. Nach einem Augenblick Nach⸗ denken fragte er, ob der Parlamentsrath nicht ſein Urtheil begründet habe.
„Natürlich,“ antwortete d'Argenſon, der ſeit dem Eintritt ſeines Vertrauten etwas ruhiger geworden war.„Da meinte er, der Burſche habe einen unternehmenden, vor keiner Ge⸗ waltthat zurückſchreckenden Geiſt— als ob unſer Monarch nicht die Gerechtigkeit ſelber wäre. Vor einem Monat hätte er das aus Furcht vor der Baſtille nicht zu ſagen gewagt, während jetzt, wo der Ruf in jedem Augenblick erſchallen kann: Le roi est mort——“
„Vive le roi, Louis XV.,“ unterbrach ihn, als ob der Zufall dieſen Effekt abſichtlich herbeigezogen, die Stimme des eben eingetretenen Parlamentsrath La Gule.
„Wie? Was?“
„Soeben iſt Seine Majeſtät zu ihren Vätern verſammelt worden, und der Herr Generalpolizeilieutenant iſt noch nicht bei dem Herzog von Orleans, dem Regenten Frankreichs? Freund, Freund, wie unklug ſind Sie! Raſch, die Trauer⸗ miene abgelegt und die Gratulation——“
D'Argenſon war keine niedrige Höflingsſeele; ein treuer Diener ſeines Herrn, unterbrach er den Parlamentsrath:
„Mein Platz iſt zu Füßen der Leiche meines großen Königs, der es um Frankreich nicht verdient hat, daß man ſeinem Nachfolger zujubelt. Mag man mein Amt von mir nehmen, ich werde die Thräne nicht unterdrücken, welche mir der Tod meines Monarchen entlockt. Entſchuldigen Sie, ich muß ſo⸗ gleich in das Louvre.“
„Das wird Ihnen Dubois nie verzeihen,“ warnte La Gule.
„Dubeis iſt nicht mein Gewiſſen,“ antwortete der General⸗ polizeilieutenant und verließ ſtolz das Zimmer.
„Er ſtürzt ſich ſelbſt,“ ſagte der Parlamentsrath,„und wenn Sie Luſt haben, ſeinen Platz einzunehmen, und ihn keinem Anderen zu gönnen, ſo fliegen Sie zu Monſieur in das Palais royal.“
„Das iſt Ihre Meinung nicht, kann ſie nicht ſein,“ er⸗ widerte der junge Edelmann.
„Und warum nicht? Hat ſich nicht das Parlament unter Louis XIV. gewöhnen müſſen, keine Meinung zu haben. L'état c'est moi! hieß die Parole. Ich weiß nicht, ob ſie fort⸗ beſtehen wird, und ſtimme deshalb nicht in gleichem Maße in den Jubel der Menge ein; aber das wenigſtens kann man ausſprechen, was jahrelang die Bruſt belaſtet, ein⸗ geklemmt hat, daß der Verſtorbene die Freiheit Frankreichs zu Boden getreten. Eiſig kalt hat ſein Egoismus nur ſeinen Willen anerkannt, als wenn er ein Gott geweſen. Sehen Sie ſich um, ob das Land im Wohlſtande blüht; die Kriege des Eroberers ſind ihm nicht heilſam geweſen. Steuern laſten ſchwer, und ihre Einziehung—— Gebe Gott, daß es anders werde, daß nicht eine Zeit heraufbeſchworen iſt, die mit eiſerner
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