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Die Herrin von Penwyn. Frei bearbeitet nach dem Engliſchen von Xaver Riedl. (Fortſetzung.)
Churchill wendete ſich der Zigeunerin zu und ſah ihr in's Geſicht, zum erſten Male, ſeit ſie ihre Erzählung begonnen hatte.
„Geht,“ ſagte er,„Ihr macht zu viele Details. Eure Geſchichte würde wahrſcheinlicher klingen, wenn ſie weniger ausgearbeitet wäre.“
„Ich kann dem nicht abhelfen, Sir. Ich ſage kein Wort, das ich nicht morgen vor einem Gerichtshofe beſchwören würde.“
„Ich fürchte, Ihr habt Euer Zeugniß zu lange zurückgehalten. Ihr hättet dieſe Angabe bei der Leichenbeſchau machen ſollen. Eine Jury würde jetzt Eure Geſchichte kaum glauben.“
„Auch nicht, wenn ich einen Beweis für das habe, was ich ſage?“
„Was für einen Beweis, Frau?“
„Das Taſchentuch, mit dem ſich der Mörder die blut⸗ befleckten Hände abwiſchte!“
„Pah!“ rief Churchill in verachtungsvollem Tone aus. „Es giebt hundert Wege, auf denen Ihr in Beſitz des Taſchen⸗ tuches kommen konntet. Euer Stamm lebt von ſolcher kleiner Beute. Setzt Ihr, eine vagabundirende Zigeunerin, denn voraus, daß Ihr eine britiſche Jury je überreden könntet, Eurem Zeug⸗ niſſe gegen einen Gentleman zu glauben?“
„Was!“ rief das Weib eifrig,„dann wißt Ihr alſo, daß es ein Gentleman war, der Euren Couſin ermordete?“
„Sagtet Ihr das nicht gerade in dieſer Minute?“
„Ich nicht, mein edler Sir. Ich ſagte Euch, daß er groß war und einen Oberrock trug. Das iſt Alles, was ich Euch über ihn erzählte.“
„Nun, und was weiter?“
„Er wiſchte das Blut von ſeiner Hand, und dann ſteckte er das Tuch wieder in ſeine Taſche, oder dachte wenigſtens, es zu thun; aber ich ſetze voraus, daß er ſolche Arbeit, wie er da gethan, nicht gewöhnt war, denn in ſeiner Verwirrung verfehlte er die Taſche und das Tuch fiel auf die Straße. Ich ließ ihm nicht Zeit, ſeinen Irrthum zu bemerken, denn
während er ſich über den todten Mann bückte und ſeine Taſchen leerte, kroch ich über den Weg, erfaßte das Taſchen⸗ tuch und ſchlüpfte wieder nach meinem Verſtecke in den Graben zurück. Ich bin leicht zu Fuß, Euer Ehren, wie Ihr ſeht, obgleich ich eine alte Frau bin.“
„Was weiter?“
„Er öffnete die Börſe des todten Mannes, leerte ſie und ſchob den Inhalt in ſeine eigene Weſtentaſche. Dann zwängte er Uhr und Börſe in den Schlamm des Grabens— deſſelben Grabens, in welchem ich verſteckt war, aber eine Strecke weit weg von mir— er nahm einen Aſt, den er von der Hecke ge— brochen, und drückte damit Alles in den Koth hinab unter die Binſen, wohl in der Vorausſetzung daß dort Niemand die Gegen⸗ ſtände finden könne. Nachdem er dies gethan, raffte er ſich zuſammen, wie Ihr ſagen möchtet, und eilte ſo ſchnell fort, als er nur konnte; er ſprang wie ein gehetzter Hirſch über den ſumpfigen Boden nach dem Fluſſe zu, wo man nachher ſeine Fußſpuren fand. Ich denke, es wäre klüger von ihm geweſen, wenn er die Taſchen ſeines Opfers nicht berührt und es Dem, der zuerſt die Leiche fand, überlaſſen hätte, ſie zu berauben, wie es wohl wahrſcheinlich geſchehen wäre. Doch war es auch nicht ungeſchickt, die Taſchen zu leeren, um ſo der That den Anſchein zu geben, als ob es ein Raubmord geweſen wäre.“
„Was thatet Ihr mit dem Taſchentuche?“
„Ich nahm es mit mir nach den Zelten, zündete das Ende einer Kerze an und ſah nach, ob das Tuch gezeichnet ſei. Ihr wißt, Gentlemen ſind etwas beſonders in ſolchen Dingen und lieben es nicht, wenn Ihnen ein Stück Wäſche verwechſelt wird. Und ſeht Ihr, das Merkzeichen war da, ſicher genug. Der Name iſt voll vorhanden, der Taufname wie der des Hauſes, dem er angehört. Ich konnte es ſehr gut leſen, trotz der Blutflecken.“
„Wie heißt der Name?“
„Das iſt mein Geheimniß. Jedes Geheimniß hat ſeinen Preis, und ich habe auch auf das meinige einen Preis geſetzt Wenn ich wüßte, daß ich die Belohnung belide ohne mir
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