Jahrgang 
1 (1879)
Seite
49
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E. G

Jedes Heft koſtet 20 Pfennige.

Die Herrin von Penwyn. Frei bearbeitet nach dem Engliſchen von Taver Riedl. (Fortſetzung.)

4. Kapitel. TLiebe iſt ein mächtiger Gebieter.

Sir Nugent Bellingham war einer jener Menſchen, die unter fortwährenden Geldverlegenheiten geboren und erzogen werden und deren Exiſtenz ſich immer am Rande des Ruins befindet. Trotzdem ſchien ſeine Art, zu leben, erträglich an⸗ genehm und Menſchen von Sir Nugent's Typus begreifen kaum die Bedeutung des WortesEntbehrung Sir Nugent hatte es niemals gewußt, was es heißt, keine Schulden zu haben. Das Bellingham⸗Grundeigenthum war, als er es erbte, bis auf den letzten Grashalm verſchuldet. In der That way es der Normalzuſtand des Bellingham⸗Eigenthums, ſo belaſtet zu ſein.

Natürlich hatte Sir Nugent von Zeit zu Zeit Geld be⸗ ſeſſen. Ohne irgend eine Summe Geldes hätte er ſelbſtver⸗ ſtändlich nicht lange beſtehen können in dieſer Welt, namentlich in der patriziſchen Sphäre, in der er ſich bewegte. Er hatte ein beſcheidenes Vermögen von ſeiner Mutter geerbt, mit welchem er allen ſeinen Gläubigern eine à Conto-Zahlung und ſie ſo zu ſeinen Leibeigenen machte, welche immer die Hoffnung feſthielten, in der Zukunft irgend etwas mehr zu erhalten. Sir Nugent hatte Legate von einer Tante und von einem oder zwei Oheims erhalten, und dieſe boten ihm weitere Beſänftigungsmittel für ſeine Cerberuſſe und befähigten den Baronet, mit ſeinem kleinen, eleganten Haushalt einige Jahre fröhlich den Strom des Lebens hinabzuſegeln.

Als die Verbeſſerung der Sitten den Bankerott in den Bereich jedes Gentlemans brachte, hüllte Sir Nugent ſeine Beſitzung Bellingham in den neuen Kodex und wurde in gentiler Weiſe inſolvent. Und mit etwas Hilfe von da und dort hielt er ſein kleines Haus in May⸗Fair, wo er mit zwei mutterloſen Töchtern lebte, noch immer in elegantem Style aufrecht. Es gab dieſelben Diners klein und ſorg⸗ fältig bereitet dieſelben belebten Empfänge nach den kleinen Diners. Die beſte Muſik, die neueſten Bücher, die aus⸗

gewählteſten Glashausblumen waren in Nr. 12, Cavendiſh⸗ Row, May⸗Fair, immer zu finden. Es gab nur ein Dutzend Häuſer in Cavendiſh⸗Row, und das Sir Nugent Bellingham's befand ſich an der Ecke und ſah in Lord Loamſhires Garten einem von jenen unangenehmen Gärten Londons, die, grau, düſter und blumenlos, wie ein Friedhof ohne Gräber aus⸗ b ſehen. Von der Straße aus geſehen, ſah Nr. 12 wie ein

Puppenhaus aus, aber die größeren Zimmer lagen nach rück⸗ wärts und grenzten an Lord Loamſhire's Garten. Es war ein unregelmäßiges altes Haus, voller Winkel, aber nach dem eigenthümlichen Geſchmacke von Miß Bellingham ein⸗ gerichtet, war es eines der reizendſten Häuſer von London. Keinem Tapezierer war es geſtattet worden, hier nach ſeinem Willen zu arbeiten Madge Bellingham hatte Alles an⸗ geordnet und ausgewählt. Die Stühle und Tiſche, die Sopha's und Schränke waren die wohlfeilſten, welche man haben konnte, denn ſie waren alle von ungefärbtem lichtem Holz und nach Zeichnungen von dem eigenen Stifte der Miß Bellingham angefertigt. Die Schränke waren bloße Rahmen für Glasthüren, hinter denen ſich die Bellingham'ſchen Samm⸗ lungen von Nippſachen befanden, und zwar auf zahlreichen, mit grüner Seide bedeckten Bretern. Madge's eigene ge⸗ ſchickte Hände hatten das Alles ſo geordnet, und die Bronce⸗ Gegenſtände, das venetianiſche Glas, das Porzellan von Sovres, Kopenhagen, Wien, Dresden und Berlin ſah ganz gut aus in dieſer ſimplen Anordnung.

Die Draperien waren von Zitz, die wohlfeilſten, die ge⸗ kauft werden konnten, aber ſie waren immer friſch. Die Spiegel hatten keinen Rahmen, außer einer natürlichen Guir⸗ lande von Epheu. Die Fußböden waren nur mit Wachs eingelaſſen, aber hie und da diente ein perſiſcher Teppich zur Bequemlichkeit. Der einzige werthvolle Gegenſtand in den zwei Salons, nach den Nippes, auf welche die Bellingham's ein kleines Vermögen verſchwendet hatten, war ein Piano, ein großer Flügel von Broadword, in einem Kaſten, den ein moderner Arbeiter aus eingelegter Arbeit aus der Zeit Lud⸗