Jahrgang 
1 (1879)
Seite
50
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50 3 Concordia.

wig's XVI. zuſammengeſetzt hatte. Die Verzierungen daran, Ziegenköpfe, Feſtons und Masken auf Goldgrund, waren pietät⸗ voll bewahrt worden, und das Piano war ein Triumph der Kunſt. Es nahm den Mittelpunkt des hinteren Salons ein, das größte Gemach im Hauſe, und wenn Madge Bellingham davorſaß, war dies ein reizender Anblick.

Die Leute wiſſen, daß wir nichts weniger als im Ueber⸗ fluſſe leben, hatte Madge zu ihrem Vater geſagt, als ſie in Cavendiſh⸗Row hauszuhalten begann.Wenn wir ein koſt⸗ ſpieliges Meublement haben, wird Jedermann ſich verſichert halten, daß wir es nicht bezahlten; aber wenn Sie mich meine Ideen ausführen laſſen, werden die Rechnungen ſo klein ge⸗ macht, daß Sie dieſelben ſofort auszahlen können.

Ich kann den Leuten jedenfalls etwas auf geben, erwiderte Sir Nugent.

Lady Bellingham's Tod, der bald nach der Geburt Viola's, der zweiten Tochter, eintrat, hatte Sir Nugent die Freiheit gegeben, das Leben eines Junggeſellen zu führen, meiſtentheils in den Häuſern anderer Leute, während die Mädchen in der Obhut ſeiner Schweſter oder in der Schule waren. Als ſie zu Jungfrauen heranwuchſen und zwar zu ſehr lieb⸗ lichen Jungfrauen, denn gutes Ausſehen war erblich in der Familie Bellingham fand es Sir Nugent für angemeſſen, ſie mit einer Heimat zu verſehen; und ſo nahm er das Haus in Cavendiſh⸗Row und brachte all' den Bellingham⸗Trödel dahin, der ihm von Tanten und Onkels hinterlaſſen worden war. Mit fünfundvierzig Jahren begann er wieder ſeine eigene Haushaltung und gab nun kleine Diners, anſtatt in einem oder dem anderen Klub zu ſpeiſen, und ſetzte hohe Hoffnungen darauf, ſeine Töchter nach und nach ſplendid verſorgt zu ſehen.

Ich denke, Madge, Du haſt genug davon geſehen, was es heißt, fortwährend von einer Zahl Harpygien verfolgt zu ſein, um dabei den Werth des Geldes ſchätzen zu lernen, ſagte Sir Nugent eines Morgens, als er auf eine Anzahl Briefe zeigte, die er eben geöffnet und mißmuthig beiſeite ge⸗ legt hatte. Die fraglichen Harpygien waren ſeine Gläubiger, die ihm ihre lebhafteſten Wünſche bezüglich größerer à Conto⸗ Zahlungen! häufig genug ausdrückten.

Mit Deiner Lebenskenntniß wirſt Du wahrſcheinlich keinen armen Freier heiraten, fuhr Sir Nugent fort, indem er ein Stück von einer Straßburger Gänſeleber⸗Paſtete abſchnitt.

Nein, Papa, mit meiner Lebenskenntniß nicht, antwortete Madge, wobei ſich ihre Lippen leicht krümmten.

Miß Bellingham liebte ihren Vater zärtlich, aber es kann wohl ſein, daß ihr Reſpekt gegen ihn durch die ewigen Geld⸗ verlegenheiten, in denen er ſich befand, etwas gemäßigt worden war.

Zwei oder drei Abende vor der Nacht, welche James Pen⸗ wyn mit dem Leben hinter der Szene in einem kleinen Provinzialtheater bekannt gemacht, gab Sir Nugent Bellin⸗ gham eines ſeiner gemüthlichen kleinen Diners ein Diner zu Acht die Gäſte, wie die Weine von ſorgfältigſter Aus⸗ wahl. Lady Cheshunt, eine der exaltirteſten Damen der großen Welt, unterſtützte die Miß Bellingham's in den Auf⸗ gaben des Haushaltes. Madge war ihr Liebling, und ſie wurde es niemals müde, unter den Auserwählten der Erde ih⸗ Lob zu verkündigen. Mr. Albert Noyce, ein ausgezeichneter Witzling und Literat, ſorgte für das attiſche Salz bei dem

Rechnung

Banket. r war ein kleiner, ſanftblickender Mann, mit einem hübſchen, harmloſen Weibchen, und dinirte während der Lon⸗ doner Saiſon fortwährend auswärts. Mr. Shinebar, ein bekannter Rechtsanwalt, machte den Vierten. Lord George Bulroſe, ein Mann aus dem weſtlichen England, ein Gourmand und, wenn es nach dem Diner zu einem Geſpräche kam, ein mächtiger Jäger, war der Fünfte. Sir Nugent und ſeine zwei Töchter vervollſtändigten den Cirkel.

Nach dem Diner ſollte eine kleine Abendgeſellſchaft ſtatt⸗ finden, und ehe die frühen Morgenſtunden eintraten, kamen viele bekannte Perſonen in das kleine Eckhaus von Cavendiſh⸗ Row.

Die Damen hatten ſich zurückgezogen und ließen Sir Nugent und ſeine auserwählten Freunde plaudern über Geſetze und Pferde und die letzte neue Actrice in der Burleske, während ſie näher um die runde Tafel zuſammenrückten, wo die Gläſer ſchimmerten unter den Wachslichtern des im Mittelpunkte ſtehenden Armleuchters.

Viola und Lady Cheshunt gingen Arm in Arm die Treppe empor, und das Mädchen ründie ſich zärtlich gegen die gewichtigen Schultern der ſtattlichen Matrone. Frau Noyce trippelte leicht hinter dieſen Beiden her, und Madge folgte allein, mit ernſter Miene und mit der ſtolzen Haltung, die Sir Nugent Bellingham's älteſter Tochter ſo wohl anſtand.

Selten waren Schweſtern einander weniger ähnlich, als dieſe Zwei. Viola war eine Blondine, mit einem Alabaſter⸗ Teint, ihre Haare hatten die Farbe von Rohſeide und die reiche Fülle derſelben bildete eine Art Krone auf ihrem kleinen Haupte; die Augen waren türkisblau, die Geſtalt um einen Gedanken zu ſchlank, aber Geſtalt und Haltung waren von vollkommenſter Anmuth, Füße und Hände abſolut fehlerlos; dabei war ſie ein Mädchen, zart genug, um unter eine Glas⸗ hülle geſtellt zu werden.

Ich würde die jüngere Miß Bellingham mehr bewundern, wenn ſie etwas weniger wie Soͤvres⸗Porzellan wäre, hatte einer der Tonangeber der Geſellſchaft einmal bemerkt.

Madge war eine Brünette das Haar beinahe ſchwarz und von Natur aus etwas wellenförmig der Teint von reicher Olivenfarbe, die Augen ein dunkles Braun Geſichts⸗ züge der echte Bellingham⸗Typus, rein geſchnitten, wie ein Frauenantlitz auf einer antiken römiſchen Camée die Geſtalt groß und gebieteriſch; eine Frau, geboren zum Herrſchen, hätte man, nach dem Aeußeren urtheilend, ſagen können eine Frau mit dem Weſen zu einem General in ſich, ſo war Sir Nugent gewohnt, ſie zu rühmen. Aber, obgleich von einer erhabeneren Form als die große Mehrheit der Frauen, war keine Härte an Madge Bellingham. In Liebe wie im Zorn war ſie gleich ſtark. Für Haß war ſie zu edel.

Die Zimmer waren köſtlich kühl, das Licht etwas gedämpft und die Fenſter offen in der warmen Frühlingsnacht. In dem kleinen Salon der Vorderfronte gab es Blumen genug⸗ um ihn wie einen Garten zu betrachten.

Lady Cheshunt ließ ſich auf das bequemſte Sopha nieder das es in dem kleinen Salon gab, welches, von einer mo. gefällten Jardinière eingefaßt und überdacht, in einer Cae ſtand und einem Sitze in einer Blumenlaube glich.

Kommen Sie hierher, Madge, rief ſie mit gutmüthiger Autorität,ich wünſche mit Ihnen zu ſprechen. Viola, Kind, gehen Sie und amüſiren Sie ſich mit Mrs. Noyce. Zeigen

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