Jahrgang 
1 (1879)
Seite
51
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Sie ihr das Photographien⸗Album oder parlez chiffons. Ich brauche Madge für mich allein.

Madge gehorchte ohne ein Wort und druückte ſich in eine Ecke des Sopha's, das Lady Cheshunt und ihre gewaltige Robe nahezu füllte.

Wie ſtark Sie geworden ſind, Kind! Es iſt kaum genug Raum für Sie da! bemerkte die Matrone.Und nun ſagen Sie mir die Wahrheit, Madge; was haben Sie dieſen Abend?

Ich denke nicht, daß ich anders bin, als gewöhnlich, Lady Cheshunt.

Das weiß ich beſſer. Während des ganzen Diners waren Sie düſter und zerſtreut. Es iſt wahr, es war Niemand da

zum Plaudern, als zwei verheiratete Männer und Bulroſe, dieſer alte Schwätzer; aber eine junge Lady ſollte immer gleich angenehm ſein das iſt eines von den Fundamental⸗ Prin⸗ zipien einer guten Lebensart.

Wenn ich ein wenig übler Laune ſchien, iſt das kein Wunder. Papa's Verhältniſſe genügen wohl, mich wenigſtens unruhig zu machen.

Meine Theure, die Verhältniſſe Ihres Pnpa's ſind ſeit

meiner erſten Saiſon immer geweſen wie heute ſo war es,

als meine Taille achtzehn Zoll maß und Maͤdame Devy meine Kleider machte. Er iſt nicht ſchlimmer daran wie damals, und ſo wird es mit ihm wohl fortgehen bis zum Ende des letzten Kapitels. Ich ſehe nicht ein, warum Sie darüber un⸗ glücklich ſein ſollten. Er wird im Stande ſein, Ihnen und Viola eine erträgliche Heimſtätte zu geben, bis Sie heiraten und ſelber ſich beſſere Behauſungen gewinnen, was Ihnen auch in der That zu thun obliegt.

Die letzteren Worte wurden mit einem etwas ſtrengeren Ernſte ausgeſprochen. Madge ſeufzte und der kleine Fuß in dem Atlasſchuh tippte auf den Boden mit einer nervöſen, ungedulbigen Bewegung.

Madge, ich hoffe, es iſt keine Wahrheit in dem, was ich über Sie und Mr. Penwyn höre.

Eine tiefe, vielſagende Gluth brannte auf Miß Bellin⸗ gham's Wange. Sie wehte ſich mit dem Fächer heftig Luft zu.

Ich kann mir nicht vorſtellen, was Sie gehört haben, Lady Cheshunt.

Ich habe Ihren Namen mit dem Mr. Penwyn's paaren hören des armen Mr. Penwyn.

Ich kenne nur einen Mr. Penwyn.

Um ſo ſchlimmer für Sie, meine Theure. Sie kennen den Unrechten. Aber ein Couſin dieſes jungen Mannes hat eine ſchöne Beſitzung in Cornwall das Rittergut Penwyn. Sie müſſen doch davon gehört haben.

Ja, ich habe Mr. Penwyn von der Beſitzung ſeines Couſins ſprechen gehört.

Natürlich! Der arme, geldloſe junge Mann; es iſt ſehr natürlich, daß er davon ſpricht. Denken Sie nicht, daß ich

keine Theilnahme für ihn hege. Er iſt der nächſte Erbe des Beſitzthums; aber der andere junge Mann, James Penwyn's Aohn, wird heiraten und eine Heerde Kinder haben. Ich unte James Penwyn, den Vater dieſes jungen Mannes, vor Jahren. Es waren drei Brüder da George, der Aelteſte, welcher in der Armee war und in einem Kampfe mit wilden Indianern in Kanada getödtet wurde es war eine ſehr traurige Geſchjchte James, welcher der Kirche angehörte und

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Concordia.

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ſind,

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irgendwo in der Nähe d von London lebte, un Balfour, ein Rechtskundiger, glaube ich, deſſen Sohn Sie kennen.

Ja, ſeufzte Madge.

Sie hatte die Familiengeſchichte von Churchill Penwyn er⸗ fahren, aber die Lady liebte es, ſich ſelber ſprechen zu hören, und ließ ſich nicht gern unterbrechen.

Jetzt, wenn durch irgend einen Zufall James Penwyn, der wenig mehr als ein junger Burſche iſt, unverheiratet ſter⸗ ben ſollte, dann könnte nach dem Teſtament ſeines Großvaters, der das ganze Eigenthum dem älteſten überlebenden Sohne und nach ihm ſeinen Kindern hinterließ, Churchill Penwyn zu der Beſitzung kommen. George ſtarb unvermählt. James hinterließ einen einzigen Sohn. Churchill iſt daher möglicher⸗ weiſe einſt noch Erbe. Aber es iſt eine ſehr entfernte Mög⸗ lichkeit, meine Liebe, und es wäre Wahnſinn, daran zu denken bei Ihren Chancen.

Madge zuckte zaghaft mit den Schultern. Ich denke nicht, daß meine Chancen ſo beſonders brillant

Lady Cheshunt.*

Unſinn, Madge! Jedermann ſpricht von den ſchönen Bellingham's. Und Sie haben erſt kürzlich ein glänzendes Anerbieten refuſirt& Mr. Cardingham, den großen Fabriks⸗ beſitzer. 2

Der mich nur viermal geſehen, als er die Unverſchämt⸗ heit hatte, von mir zu verlangen, daß ich ihn heirate! Und er war alt und häßlich dazu.

Wenn das Endziel eine gute Verſorgung iſt, muß man die Mittel dazu nicht zu genau betrachten. Der arme liebe Cheshunt war um viele Jahre älter als ich und ſelbſt in der Perrücke keine Schönheit. Sie müſſen die Dinge von einer ernſteren Seite betrachten, meine theure Madge. Es iſt für Ihre Schweſter nicht gut, lange zu warten. Je ſchöner die Mädchen ſind, deſto mehr iſt es für ſie von vitalem Intereſſe, ſich bald zu verheiraten. Ein gewöhnliches, kleines, beſcheidenes Ding kann ein halbes Dutzend Saiſons durchkriechen und endlich Jedermann damit überraſchen, daß ſie eine gute Partie macht. Aber von einer Schönheit, die nicht heiratet, ſchwatzt bald alle Welt. Boshafte Leute ſchreiben das zu vieler Koketterie zu. Und dann, meine Liebe, bedenken Sie die Rechnung Ihrer Modiſtin; was wird die ſein am Ende einiger Saiſons?

Nicht ſehr viel, Lady Cheshunt. Ich ſchneide alle meine Kleider und auch die Viola's zu und unſer Mädchen näht ſie zuſammen. Viola und ich helfen zuweilen, wenn wir der Geſellſchaft eine Stunde abſtehlen können. Ich vermöchte es nicht, ein Kleid zu tragen, das nicht bezahlt wäre.

Auf mein Wort, Sie ſind ein muſterhaftes Mädchen, Madge, rief Lady Cheshunt aus, erſtaunt über eine ſolche altrömiſche Tugend.Was für eine Gattin werden Sie ſein!

Ja, ich denke, daß ich ein ganz erträgliches Weib ſein könnte für einen armen Mann.

Sprechen Sie doch nicht von ſo etwas. Sie ſind für Reichthum und Macht geboren. Sie ſind verpflichtet, eine gute Heirat zu machen wenn nicht Ihrethalben, ſo Viola's wegen. Sehen Sie nur, was ſie für ein armes hilfloſes Kind iſt ſie braucht eine moraliſche Führerin. Wenn Sie eine gute Verſorgung haben, ſo wird es auch ihr an einem Zufluchtsorte nicht fehlen. Wenn Sie aber ſälech heiraten,