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Die Herrin von Venwyn.
Frei bearbeitet nach dem Engliſchen von Xaver Riedl. (Fortſetzung.)
Das zweite Stück war:„Ein Roland für einen Oliver“, in welchem Juſtina eine Anſtandsdame darſtellte und wenig zu thun hatte. So blieb für James genug Zeit, mit ihr zu ſprechen, während ſie hinter den Couliſſen ſtand, wo ſie ganz allein waren und ſie Niemand hören konnte, als dann und wann ein vorübergehender Couliſſenſchieber.
Dies ſchien James Penwyn der glücklichſte Abend, den er je in ſeinem Leben zugebracht, obgleich er während der ganzen Zeit Staub und entwichenes Gas einathmete. Es ſchien ihm ein Abend, der auf goldenen Schwingen dahin⸗ flog. Er dachte, er müſſe geträumt haben, als der Vorhang fiel und die Lichter ausloſchen und die Leute ihm ſagten, daß es Mitternacht ſei.
Er ſtand in einem finſteren Chaos, während Juſtina fort⸗ eilte, um ihren Bühnenanzug gegen ihr gewöhnliches Kleid zu vertauſchen. Sie war nicht lange abweſend und ſie gingen miteinander hinaus, Arm in Arm. Es war nur ein kleiner Weg von dem Theater zu der Wohnung der Schauſpieler, und ſo überredete ſie James, mit ihm rings um die Kathe⸗ drale zu gehen, gerade nur, um zu ſchauen, wie ſie im Mond⸗ licht ausſehe.
„Sie wiſſen, Ihr Vater ſetzte das Souper auf halb Eins feſt,“ bat er,„und es iſt jetzt erſt ein Viertel.“
Die große Glocke ertönte in dieſem Augenblick, zur Be⸗ ſtätigung ſeiner Behauptung, und Juſtina, die für ihr Leben nicht hätte Nein ſagen können, ſtimmte zögernd bei.
Die Kathedrale hatte, von ſo nahe geſehen, eine koloſſale Größe und die Zierrathen und Waſſerſpeier waren im Mond⸗ licht klar ſichtbar. Juſtina blickte mit ehrerbietigen Augen zu ihnen empor.
„Iſt ſie nicht groß?“ flüſterte ſie.„Man könnte glauben, daß Gott ſie bewohnt. Wenn ich ein unwiſſendes Geſchöpf aus irgend einem wilden Lande wäre und mir Niemand ſagte, daß dies eine Kirche ſei, ich denke, ich würde doch wiſſen, daß es das Haus Gottes iſt.“
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„Würden Sie?“ ſagte James leichthin.„Ich denke, ich würde es eben ſo leicht für eine Kornbörſe halten oder für ein Ausſtellungsgebäude für wilde Thiere.“
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„Sie ſehen, ich habe kein inſtinktives Verſtändniß dafür, wozu ein Ding beſtimmt iſt. Sie würden zu Cliſſold paſſen. Er hat auch ſo wunderliche Phantaſien. Ich ſah ihn oft wo ſtehen und wie ein Irrſinniger mit ſich ſelbſt reden, bei den See'n und Bergen; ich denke, man nennt das künſtleriſche Be⸗ gabung.“
Sie gingen Arm in Arm um den Kathedralplatz, Juſtina in Schweigen verſunken bei dem feierlichen Glanze der Szene. Alles war ruhig an dieſem Ende der Stadt.
„Juſtina,“ begann James jetzt,„Sie ſagten mir geſtern, daß Sie ſich nicht darum kümmern, eine Schauſpielerin zu ſein.“
„Ich ſagte Ihnen, daß ich es haſſe,“ antwortete das Mäd⸗ chen aufrichtig.„Ich ſetze voraus, daß es mir beſſer geſiele, wenn ich ein Liebling des Publikums wäre, wie die Villeroy.“
„Ich ziehe Ihr Spiel dem von Miß Villeroy bei weitem vor. Sie agiren vielleicht etwas zu ruhig, aber das iſt beſſer, als ſo zu ſchreien, wie ſie es thut.“
„Ich bin froh, daß ich Ihnen beſſer gefalle,“ ſagte Juſtina ſanft.„Aber Sie ſind nicht das brittiſche Publikum. Ja, ich haſſe das Theater. Ich würde es lieben, in einer kleinen Hütte zu leben, tief, tief, tief unten im Lande, wo Wälder und Felder ſind und ein ſchimmernder blauer Fluß. Ich könnte Hühner halten und von dem Gelde leben, das ich für die friſchgelegten Eier erhielte.“
„Denken Sie nicht, daß es beſſer wäre, ein hübſches großes Haus zu haben, mit einem Park, Blumen⸗ und Obſt⸗ garten, in einem romantiſchen, hügeligen Lande am atlantiſchen Ozean?“
„Was ſollte ich thun mit einem großen Hauſe, und wie ſollte ich das Geld verdienen, um es zu bezahlen?“ fragte ſie lachend.
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