Concordia.
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„Setzen wir voraus, ſonſt Jemand würde das Geld fin⸗ den, Jemand, der es in Menge hat und nur wünſcht, daß das Mädchen, welches er liebt, es mit ihm theile! Juſtina, Sie und ich, wir trafen uns geſtern zum erſten Male, aber Sie ſind das einzige Mädchen, das ich jemals liebte, und ich liebe Sie von ganzem Herzen. Es mag Sie überraſchen, aber es iſt ſo wahr, als ich lebe und in dieſer Nacht zu Ihnen ſpreche.“
„Ueberraſchen!“ wiederholte Juſtina.„Es ſcheint wie ein Traum, aber Sie müſſen nicht mehr davon ſprechen. Ich werde nicht ein Wort glauben, das Sie jetzt zu mir ſagen. Ich will nicht ein Wort mehr davon hören. Es kann nicht wahr ſein. Laſſen Sie uns ſogleich nach Hauſe gehen. Horch'! Da ſchlägt es Halb. Führen Sie mich nach Hauſe, ich bitte, Mr. Penwyn.“
Nicht, bis Sie mir eine Frage beantwortet haben.“
„Nein, nein!“
„Ja, Juſtina. Ich muß eine Antwort erhalten. Ich habe meinen Entſchluß gefaßt, und ich wünſche den Ihrigen zu kennen. Denken Sie, daß Sie mir gut ſind, nur ein wenig?“
„Ich will nicht antworten. Es iſt Alles thörichter, als ein Traum!“
„Es iſt der ſüßeſte Traum, den ich jemals geträumt. Hart⸗ näckige Lippen! Kann ich euch nicht ſprechen machen? Nein?
Dann ſollen mir die Augen ſagen, was ich zu wiſſen wünſche. Nur einen kleinen Blick— und
Blicken Sie auf, Juſtina! dann wollen wir nach Hauſe gehen.“
Die ſchweren Lider erhoben ſich langſam, ſcheu, und der junge Liebhaber blickte in die Tiefe dieſer dunklen Augen. Eines Mädchens erſte, reinſte Liebe, jene Liebe, welche der Religion ſo nahe iſt, ſchimmerte darin wie ein Stern.
James Penwyn bedurfte keiner anderen Antwort.
„Sie ſollen nie wieder die Bühne betreten, außer Sie wünſchen es, Geliebte,“ ſagte er.„Ich werde mit Ihrem Vater ſprechen, und wir wollen heiraten, ſobald als es ge⸗ ſchehen kann. Wenn Sie Eborsham verlaſſen, ſollen Sie die Herrin von Penwyn ſein. Keine Seele ſteht in einer Be⸗ ziehung zu mir, die ihr das geringſte Recht gäbe, zu fragen, was ich thue. Und es iſt meine Pflicht, jung zu heiraten. Der Stamm der Penwyn's iſt in letzter Zeit ſehr hin⸗ geſchwunden. Sollte ich unverheiratet ſterben, ſo würde mein Eigenthum an meinen Couſin übergehen, einen Burſchen, um den ich mich nicht um eines Strohhalmes Werth kümmere.“
Vielleicht ſagte er dieſes Letztere mehr zu ſich ſelbſt, als zu Juſtina. Sie verſtand nichts von Beſitzungen und Erb⸗ ſchaften, ſie, für welche ein Eigenthum eine unbekannte Größe war. Sie wußte nur, daß das Leben in einen ſchönen Traum verändert ſchien. Die harte Werktagswelt, die für ſie nicht zu freundlich geweſen, war dahingeſchmolzen und hatte ſie in einem Paradieſe zurückgelaſſen. Ihre Hand zitterte unter der Berührung ihres Geliebten, als dieſer ſie enger an ſeinen Arm zog.
Sie gingen langſam durch die ſchweigſame ſchattige Straße, die ſo eng war, daß das Mondlicht ihre Tiefe nicht erreichte, und ſchritten durch die Ladenthür hinein, die für ſie in freund⸗
licher Weiſe angelehnt und offengeblieben war.
„Wie lange Du geblieben biſt, Indy!“ rief Mr. Elgood, am Tiſche ſtehend und eine Schüſſel Salat umrührend, mit
Oel⸗ und Eſſigflaſchen in ſeiner Nähe.„Ich mußte den Salat
ſelbſt machen.— Setzen Sie ſich und ſeien Sie wie zu Hauſe, Penwyn. Dempſon, entkorke das Bitterbier. Die rechte Art iſt heutzutage, es in einen Krug zu ſchütten. Als ich jung war, konnten wir nicht genug Schaum haben.“
Mrs. Dempſon hatte ihre gewöhnliche Toilette noch mit ein oder zwei Schleifen aufgeputzt und trug einen ſchwarzen Spitzenſchleier anmuthig über ihr Haupt gezogen, um die Papierchen zu verbergen, mit denen ſie ſich Locken für die Vorſtellung am nächſten Abende gewickelt hatte. Sie dachte, ſie möchte zu müde ſein, ihre Haare erſt dann zu Locken ein⸗ zuwickeln, wenn ſie den thörichten jungen Mann los ſein würden!
Das Souper war noch fröhlicher als das Gabelfrühſtück bei den Rennen. Es waren eine große Schüſſel Pökelfleiſch, in Schnitten, aus dem Laden eines Kochs, eine Schüſſel mit Gurken, ein paar Hummern und eine Schüſſel Salat, kraus und ölig, vorhanden, auf welch' letzteren Mr. Elgood beſonders ſtolz war.
„Es giebt nicht viele Dinge, welche dieſes Kind thun kann,“ bemerkte er;„aber das ſchmeichle ich mir, ſie und ich, wir verſtehen es, Salat anzurichten.“
Das Alebier, in ſeiner Art unendlich beſſer als der Cham⸗ pagner, den der„Waſſervogel“ geliefert, erwies ſich auch mehr aufheiternd. James Penwyn's Fröhlichkeit erreichte den höch⸗ ſten Gipfel. Er lud Jedermann nach dem Rittergute Pen⸗ wyn ein, verſprach Miß Villeroy eine Jagd und Mr. Demp⸗ ſon jede mögliche Art von Sport. Sie wollten Alle miteinander nach Cornwall hinabgehen und dort eine fröhliche Zeit ver⸗ leben. Nicht ein Wort ſagte er über die beabſichtigte Heirat— auch ſo, durch Bier aufgeregt, war er ſo zartſinnig und ſchwieg über dieſen Gegenſtand.
Juſtina war die Ruhigſte der Geſellſchaft. Sie ſaß an der Seite ihres Vaters, ſehr hübſch ausſehend, mit Augen, welche die Freude verklärte, und einem zarten Roth auf ihren Wangen. Sie aß weder, noch trank ſie, lauſchte aber dem ſorgloſen Geplauder ihres Geliebten, und fühlte mehr und mehr, daß das Leben wie ein Traum war. Wie ſchön er war, wie gut, wie brav, wie glänzend! Ihre Einfachheit
nahm die Studentenſpäße des jungen Mannes für Witz der beſten Art. Ihr jugendliches Lachen klang ſo ſilberhell.
„Wenn Du auf der Bühne ſo lachen könnteſt, Judy, dann wäreſt Du eine ſo gute Aktrice, wie Mrs. Jordan,“ ſagte ihr Vater.
V„Als ob Eine auf ein bloßes Schlagwort natürlich lachen könnte,“ rief Juſtina. 3 V Sie ſaßen lange, beinahe ſolange wie in der Nacht vorher, V und als James ſich endlich erhob, um ſich zu verabſchieden, dazu gedrängt durch den unruhigen Schlummer der Miß V Villeroy, die bereits auf einem Sopha ziemlich laut ſchnarchte, war Mr. Elgood bei einem Gemüthszuſtande angekommen, in V dem das Leben in roſigſter Farbe erſcheint. Er wünſchte ſogar, b ſeinen Gaſt nach Hauſe zu begleiten, aber James lehnte dieſe Gunſt ab. „Es iſt— ein ungewöhnlich— ſchlechter Weg—“ drängte V„Sie thäten beſſer— puh!— meine
der gewichtige Papa. Es iſt ein wahrer halsabſchnei⸗
Begleitung anzunehmen. deriſcher Weg für— La— landſtreicher! gern allein— gehen!“
Ich laß Sie nicht


