Die Herrin von Penwyn. Frei bearbeitet nach dem Engliſchen von Xaver Riedl. (Fortſetzung.)
2. Kapitel. Hinter der Szene.
James Penwyn und Maurice Cliſſold gingen nach dem Theater in Eborsham, ſobald ſie ihr Diner verzehrt, in der Dämmerung in einem offenen Fenſter liegend Jeder eine Cigarre geraucht und das Abenteuer des Nachmittags be⸗ ſprochen hatten.
„Was Du für ein Menſch biſt, Jim!“ rief Maurice, halb mit verachtungsvoller, halb mit theilnehmender Miene, als gälte es die Thorheit eines Kindes.„Wenn man Dich gehört, wie Du mit dieſer Vogelſcheuche von einem Mädchen umgingſt, könnte man meinen, Du habeſt in Deinem Leben noch kein hübſches Frauenzimmer geſehen.“
„Ich ſah niemals hübſchere Augen,“ ſagte James,„und fie hat ein Benehmen, daß ſich ein Mann ſehr leicht in ſie verlieben könnte— ſo einfach, ſo kindlich, ſo vertrauensvoll.“
„Was ſoviel ſagen will, als daß ſie mit unverhüllter Bewunderung auf den prächtigen Squire Penwyn vom Ritter⸗ gute Penwyn blickte. Dir braucht ein Frauenzimmer nur zu ſchmeicheln, Jim, und Du hältſt es ſofort für eine Venus.“
„Das arme kleine Ding hat mir nicht geſchmeichelt. Dazu iſt ſie viel zu unſchuldig.“
„Nein, ſie bewunderte Dich nur unſchuldig; und ſie öffnete ihre großen blauen Augen ſo weit ſie konnte in einem Blick des Entzückens. Ich weiß nicht, was ſie am meiſten in Erſtaunen verſetzte, das Medaillon, Deine Hemdknöpfe oder der Schnurrbart?“?“
„Sei kein Narr, Cliſſold. Wenn wir in's Theater gehen wollen, thun wir beſſer, keine Zeit zu verlieren. Ich wünſche zu ſehen, was für eine Art Schauſpieler unſer neuer Freund iſt.“
„Erforſcher der Menſchheit,“ ſpottete Maurice,„auch von einem Provinz⸗Schauſpieler verſchmähſt Du nicht Notiz zu nehmen. Cuvier war tief gelehrt über die Natur und das Weſen der Spinnen. Penwyn's Geiſt nimmt einen weiteren Ausflug.“
Y Mr. Elgood denkend.
„Wie iſt ſein Name, nebenbei geſagt?“ fragte James, an „Wir kennen nicht einmal ſeinen Namen, und haben ihn zum Souper geladen. Das iſt etwas ungeſchickt, nicht wahr?“
„Sei gewiß, er wird kommen. Ohne Zweifel hat er bereits über die Möglichkeit nachgedacht, von Dir fünf Pfund zu borgen.“
Mr. Penwyn zog die Glocke und gab ſeine Ordres mit der leichten Miene eines Mannes, der nicht gewöhnt iſt, an die Koſten zu denken. Das beſte Souper, das der„Waſſer⸗ vogel“ bieten konnte, um halb Zwölf.
Sie ſpazierten die einſame Landſtraße nach Eborsham dahin. Das Gaſthaus zum„Waſſervogel“ befand ſich an einer der ruhigſten und am wenigſten belebten Straßen außerhalb der Stadt; nicht an der großen Fahrſtraße nach London, die eine halbe Stunde weit von der Stadt weg mit hübſchen Villen und artigen Landhäuſern, meiſt Heimſtätten von Handelsleuten, die ſich vom Geſchäft zurückgezogen, beſetzt iſt, ſondern an einer Seitenſtraße, die nur nach einigen Dörfern führte, ſonſt aber von keiner Bedeutung, da nur wenige und beſcheidene Leute in ihnen lebten.
Dieſer Weg folgte den Windungen des Fluſſes, der das untere Ende von Eborsham berührte, und es war gerade die Nachbarſchaft des Fluſſes und deſſen etwas maleriſcher An⸗ blick, weshalb die beiden Freunde den„Waſſervogel“ zu ihrem Ruheplatze erwählt hatten. Hinter der Schänke war ein kleiner Garten, der gegen das Ufer des Fluſſes einen Abhang bildete, und hier befand ſich ein kleines ſchlichtes Gartenhäuschen, wo die jungen Männer nach dem Diner ihre Pfeifen rauchten.
Zwiſchen dem„Waſſervogel“ und Eborsham war die Land⸗ ſchaft niedrig und flach, auf einer Seite ein Streifen ſumpfigen Bodens zwiſchen dem Wege und dem Fluſſe, hier und da mit einigem Geſträuch, auf der anderen Seite ein langer, vernachläſſigter, lebendiger Zaun auf der Höhe des ſteilen Ufers, von der Straße durch einen breiten mit Binſen bewachſenen Graben getrennt. 3
—,


