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26. Concordia.
Die beiden Freunde betraten Eborsham durch einen gothiſchen Thorweg, genannt Lowgate. Die alte Stadt war ſtark befeſtigt geweſen, berühmt durch ihre Wälle, und es be⸗ ſtanden noch mehrere von dieſen ſteinernen Thorwegen. Das Theater ſtand in einer Ecke eines kleinen viereckigen Platzes, überſchattet von den mächtigen Thürmen der Kathedrale, als ob die Bühne bei der Kirche Sanktion und Schutz gegen die Intoleranz der Bigotten geſucht hätte.
Hier nahmen Penwyn und Cliſſold ihre Plätze unter den wenigen Auserwählten in den Logen, welche mit entzückter Aufmerkſamkeit dem düſteren Schauſpiele„Der Fremde“ zu⸗ hörten. James Penwyn war nicht ſonderlich befriedigt von dem Drama. Auch die Schauſpielerin Mrs. Haller lang⸗ weilte ihn. Sie ließ regelmäßig das„H“ unausgeſprochen und drückte ihren Kummer und ihre Reue durch krampfhaftes Würgen und Zurückhalten des Athems aus. Aber Mr. Penwyn wurde ſichtlich angeregt, als die Gräfin auf der Szene er⸗ ſchien, denn die Gräfin hatte die großen melancholiſchen Augen des Mädchens, das er Nachmittags auf der mit Butterblumen überſäeten Wieſe getroffen.
Miß Elgood ſah nicht am beſten aus auf der Bühne. Groß, ſchlank, mit einer Taille wie eine Weidenruthe, ſpitzen Ellbogen und eckiger Schulter, in wohlfeilen Putz gekleidet, ſchmuzigen Atlas, ermatteten Silberſpitzen, zerknitterten Mara⸗ bouts und ſchlecht geſchminkt, mit zwei rothen Flecken auf der reinen Bläſſe ihrer jungen Wangen. Künſtleriſch genommen, war Juſtina's Leiſtung durchaus mißlungen; ſie fühlte es ſelbſt und litt an der Unfähigkeit, über ihre Arme zu ver⸗ fügen, und ihr Weſen drückte ihre Ueberzeugung aus, daß das Publikum ſie mit Widerwillen betrachte.
Mr. Cliſſold vertauſchte ſeinen Sitz vorn in der Loge mit einem Sitz im Hintergrunde und ſchlief bequem, ehe „Der Fremde“ durch die Hälfte ſeines Kummers und ſeiner Sorgen ſich durchgewunden hatte. James Penwyn hielt zwei und einen halben Akt aus, und dann erinnerte er ſich Mr. Elgood's Anerbieten, ihm das Leben hinter der Szene zu zeigen, ſchlüpfte ruhig aus der Loge und fragte den Logenſchließer, wie er hinter die Couliſſen gelangen könne.
Dieſer, durch ein liberales Geſchenk ſanft gemacht, ſchloß eine kleine Thür hinter der Proſzeniums⸗Loge auf, eine Thür, die ſonſt für den Direktor reſervirt war, und ließ Penwyn eintreten in die myſtiſche Welt hinter der Szene. Er würde ſo etwas unter einem verantwortlichen Direktor kaum gethan haben, aber in einem„Gemeinweſen“ wird auch die Moral etwas ſchlaffer.
Die myſtiſche Welt ſah dunkel und ſtaubig aus und roch nach Gas und Schmuz für die an dergleichen nicht gewöhnten Sinne Penwyn's.
Die Stimmen auf der Bühne klangen jetzt laut und heftig, da ſie ſeinem Ohre ſo nahe waren. Zwiſchen den Couliſſen und der Seitenwand hatte er kaum Raum, ſich zu bewegen, er mußte ſich in der That gegen die Mauer drücken, um ſeinen Weg in der Richtung zu nehmen, die ihm ein Couliſſenſchieber als den Weg in den Salon der Schauſpieler bezeichnete.
Mr. Penwyn's Lebenserfahrungen hatten ihn nie zuvor hinter die Szene geführt. Er hatte eine unbeſtimmte Idee, daß ein Schauſpielerzimmer ein eleganter Salon ſei, mit
Kryſtall⸗Luſtres beleuchtet, mit vielen Spiegeln verſehen, mit
Divans von rothem Sammet möblirt, eine idealiſirte Kopie des Rauchzimmers im Klubhauſe. Und nun befand er ſich in einem kleinen ſchmuzigen Zimmer, ohne Teppich, ohne Fenſter⸗ vorhänge, mit ſchmalen, mit einer Art Flanell bedeckten Bänken, mit einem halb erblindeten Spiegel geſchmückt, neben welchem auf jeder Seite eine Gasflamme ohne Schirm flackerte.
Auf einem ſchwarzen Brete, das an der Wand bing, waren mit Kreide die in Vorbereitung befindlichen Stucke verzeichnet:„Jack Sheppard“,„Ein zärtliches Motiv“,„Courier von Lyon“,„Box und Cox“, ein ſehr weiter Ausflug in das Gebiet der dramatiſchen Kunſt, und daneben waren die Proben für die nächſten Tage angegeben. In verſchiedenen Stellungen der Ermüdung ruhten hier Mitglieder des bühn⸗ lichen Gemeinweſens, unter ihnen Mr. Elgood in einem mit Schnüren beſetzten Rocke, mit rothen Beinkleidern und hohen Stiefeln, die das Koſtüm des deutſchen Barons ausmachten, den er ſpielte. Juſtina ſaß troſtlos in ihrem verſchoſſenen Atlaskleide auf einer Bank, auf welche ſie die Schleppe
der Robe emporgezogen, und ſtudirte ihre Rolle für den
folgenden Abend.
„Mein theurer Sir,“ rief Matthew Elgood, Mr Penwyn mit Enthuſiasmus die Hand ſchüttelnd,„das iſt freundlich! Dempſon,“ rief er einem kleinen, bleichen Gentleman mit kurzgeſchorenem Haare, der ſtark nach Tabak roch, zu,„dies iſt mein Wegweſer von heute. Halt, wir haben nach keine Karten ausgewechſelt.“
„Penwyn,“ ſagte James lächelnd. 3
Mr. Elgood ſtarrte neugierig auf den Sprecher, als ob er kaum ſeinen Ohren glaube und als ob der Name Penwyn irgend eine ſeltſame Bedeutung für ihn hätte.
„Penwyn,“ wiederholte er,„das iſt ein Name aus der Gegend von Cornwall, nicht wahr?“
„An den Vorſilben Tre, Pol und Pen können Sie die Namen aus Cornwall erkennen. Ich ward indeß nächſt London geboren und erzogen, aber mein Stamm wurzelt auf coru⸗ walliſchem Boden. Wir waren Eingeborene Penwyn, glaube ich, die Gründer und früheſten Bewohnde dieſer An⸗ ſiedelung. Kennen Sie Cornwall?“
„Nicht genau. Nur als Reiſender.“
„Waren Sie jemals zu Penwyn?“
„Ich denke nicht, ich habe keine Erinnerung daran.“
„Nun, es iſt ein Platz, den Sie leicht vergeſſen konnten,
die Oertlichkeit verſpricht nichts für die Ausübung Ihrer
Kunſt. Aber Sie ſchienen betroffen, als ich jetzt den Namen nannte, ſo, als ob Sie ihn ſchon zuvor gehört hätten.“
„Ich denke, ich muß ihn wo gehört haben, aber ich kann mich nicht erinnern, bei welcher Gelegenheit es geſchah. Dach laſſen wir das.“
Und mit einer majeſtätiſchen Handbewegung vollzog Mr. Elgood die Ceremonie der Einführung.
„Mr. Dempſon, Mr. Penwyn. Mr. Penwyn, Mr. Demp⸗ ſon! Mr. Dempſon war ehemals unſer Direktor und iſt
jetzt unſer Bruder in der Kunſt. Er hat auf ſeine Sou⸗
veränetät reſignirt und damit auf die bangen Sorgen, jeden Sonnabend unſeren Schatzmeiſter zu machen.“
Mr. Dempſon ſtimmte dieſer Angabe mit einem kläglichen Seufzer bei.
Mr. Dempſon, Mr.—


