Jahrgang 
1 (1879)
Seite
73
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Jedes Heft koſtet 20 Pfennige.

Die Herrin von Venwyn. Frei bearbeitet nach dem Engliſchen von Xaver Riedl. (Fortſetzung.) Es war zehn Uhr, als James Penwyn am nächſten Mor⸗ wünſchen, einem freundlichen Mädchen vorübergehend einige

gen zum Frühſtück herabkam. Die Sonne ſchien in die offenen Fenſter alle Spuren der Luſtbarkeit der letzten Nacht waren entfernt das Zimmer befand ſich in der netteſten Ordnung, der Frühſtückstiſch war gedeckt mit fleckenloſem Linnen und einem ſchimmernden Thee⸗Service, aber nur für eine Perſon. James zog ungeduldig die Glockenſchnur. Es verdroß ihn, das Geſicht ſeines Freundes nicht auf der anderen Seite des Tiſches zu ſehen. Er war herabgekommen, vorbereitet darauf, in den ruhigſten Ausdrücken Frieden zu machen, bereit ſogar, ſich ſelbſt einem Tadel zu unterziehen.

Hat Mr. Cliſſold gefrühſtückt? fragte er das Mädchen, das auf ſein Läuten kam.

Nein, Sir. Er wollte nicht zum Frühſtück bleiben; er ging bald nach ſieben Uhr mit der Angelruthe fort. Und ich bitte, Sir, er ließ ein Billet zurück.

Da lag es unter den Muſcheln und porzellanenen Schäfer⸗ innen auf dem Kamingeſimſe. James las die mit Bleiſtift geſchriebenen Zeilen:

Theurer Jim!

Da es ſcheint, daß mein Rath Dich irritirt und ver⸗ drießt, ſo entferne ich mich, um einen Tag lang zu fiſchen. Du mußt Dich bei dem Rennen allein amüſiren. Erinnere Dich nur, daß es für einen Mann leicht iſt, auf Trieb⸗ ſand zu gerathen, daß es aber ſchwer wird, ſich ohne Ver⸗ luſt an Ehre oder Glück herauszuziehen. Die Totalſumme von dem Leben eines Menſchen hängt ſehr viel davon ab, was er in den erſten Jahren ſeiner Mannheit thut. Ich werde vor Eintritt der Nacht zurück ſein.

Immer Dein M. C.

James Penwyn las und las den kurzen Brief wieder und dachte mit Stirnrunzeln darüber nach. Es war etwas er⸗ müdend für ihn, einen Freund zu haben, der jede Kleinigkeit ſo ernſt nahm. Gegen welchen Triebſand bewegte er ſich? War es unehrenhaft, ſchöne Augen zu bewundern und zu

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Güte zu erweiſen? Was das Rennen betraf, konnte es ihm nicht im Traume einfallen, die Leute zu täuſchen, die er dazu eingeladen. Sollte er ſie nicht kavaliermäßig behand eln, weil ſie arm waren? Er zog wieder die Glocke und beſtellte den größten Landauer oder eine Pirutſche, welche derWaſſer⸗ vogel für ihn auftreiben konnte, mit einem Paar guter Pferde.

Und verſorgen Sie mich mit einem Picknick⸗Korbe, ſagte er,und genügend Champagner.

Nit einundzwanzig Jahren und dem Einkommen des Gutes

Penwyn zu ſeiner Verfügung konnte ein Mann kaum knickeriſch vorgehen. Er hatte Alles mit ſeinen Gäſten arrangirt. Die Demp⸗

ſon's und die Elgood's wohnten in demſelben Hauſe, einem alten Gebäude, nicht weit von dem Thorwege an dem unteren Ende der Stadt. Mr. Penwyn ſollte ſie um zwölf Uhr mit einem Wagen abholen, und ſie wollten dann geradenwegs zu dem Rennen fahren.

James frühſtückte langſam und mit wenig Appetit. Er vermißte ſeinen Gefährten, deſſen Geſpräch, wie er es gewohnt war, alle ihre Mahlzeiten belebte. Er dachte, es ſei un⸗ freundlich von Maurice, ihn zu verlaſſen war zugleich zornig über ſeinen Freund und über ſich ſelbſt wegen ſeiner verächtlichen Reden in letzter Nacht. Er ließ ſein Frühſtück zuletzt unbeendet, ging hinaus in den Garten und hinab an dem ſchmalen Fluſſe, der bei Tag ein ſehr verändertes Aus⸗ ſehen hatte. Er war noch ſchön wand ſich durch die ſchilfigen Ufer, und dazu kommen die Hügel im Hintergrunde und die ernſte alte Stadt in mäßiger Entfernung aber es fehlte die Magie der Nacht der myſtiſche Reiz der Mond⸗ ſtrahlen und Schatten.

Die Szene brachte ihm auch ohne Mondlicht die letzte Nacht in ſchmerzliche Erinnerung, als Juſtina und er auf der Bank dort drüben unter der Trauerweide Seite an

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